Wie zwei Solinger zu Terrorverdächtigen wurden

In diesem Deutsch-Islamische Zentrum in einem Hinterhof in Solingen sollen die beiden Terror-Verdächtigen aktiv gewesen sein. Foto: WAZ FotoPool
In diesem Deutsch-Islamische Zentrum in einem Hinterhof in Solingen sollen die beiden Terror-Verdächtigen aktiv gewesen sein. Foto: WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Zwei Männer aus Solingen sitzen wegen Terrorverdachts in einem Londoner Hochsicherheitsgefängnis. Wie konnte es so weit kommen und wie gefährlich sind sie? Der Verfassungsschutz ist eingeschaltet.

Essen/Solingen. Belmarsh ist etwas für die Härtefälle. Ein Hochsicherheitsgefängnis im Südosten Londons, das auch „englisches Guantanamo“ genannt wird. Ronald Biggs saß hier Jahre ab, der berühmt-berüchtigte britische Posträuber. Vor allem aber gilt der Bau als Extremisten-Knast. Es dürfte also kein Zufall sein, dass die zwei jungen Deutschen ausgerechnet hier gelandet sind. Sie stehen unter Terrorverdacht.

Der 28-jährige Christian E. und der 23 Jahre alte Robert B. aus Solingen sitzen in Belmarsh in Untersuchungshaft. Seit Mitte Juli, seit sie im Fährhafen von Dover direkt nach ihrer Einreise überwältigt und festgenommen worden sind. In ihrem Gepäck fanden die Fahnder verdächtiges Material: Propaganda-Stoff für das Terror-Netzwerk El-Kaida, einschlägige Magazine mit Artikeln, die aufhorchen lassen. „Gebäude zerstören“ soll ein Text heißen und ein anderer die Überschrift tragen „Wie baue ich eine Bombe in Mutters Küche“. Konkret werfen ihnen die Ermittler die Planung und die Unterstützung eines Anschlags vor.

Dem Islam verschrieben

Die beiden Männer wollten von der englischen Küstenstadt aus weiterreisen. Vermutlich in den Nahen Osten, denn der war zum zentralen Thema, zu einer Faszination, für sie geworden. Was Sicherheitsbehörden wie den deutschen Verfassungsschutz wohl schon längere Zeit aufhorchen ließ.

Zwei Menschen, die jahrelang die Unauffälligkeit in Person waren, hatten ihr Leben umgekrempelt und sich dem Islam verschrieben. Aus Christian wurde Abdul. „Als er sechzehn war, hat er begonnen, sich für den Islam zu interessieren. Mit zwanzig ist diese Neugier konkret geworden“, sagt Hans Reinhardt. Der Anwalt aus Marl betreut ihn. Er steht in engem Kontakt zu den Eltern des Terror-Verdächtigen und sagt: „Mutter und Vater sind ganz solide und tolerante Leute.“ Sie ist Sozialarbeiterin, er arbeitet in der Gastronomie. Wieso hat sich ihr Junge so entwickelt?

Als neuer Mensch zurück

Es mag die räumliche Nähe zu deutsch-islamischen Gemeinschaften in seiner Heimatstadt Solingen gewesen sein, die den Christen überhaupt erst auf den Geschmack gebracht haben könnte. Der junge Mann wollte den Koran lesen, ihn unbedingt auch in der Originalsprache verstehen. Deshalb brach er nach einer Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten alle Zelte ab und ging auf eine arabische Sprachenschule im ägyptischen Alexandria. Ende 2009 kam er nach Solingen zurück. Als neuer Mensch.

Ein Christ war zum Islam konvertiert. Mehr noch: Der Verdacht kam auf, dass er sich der Salafisten-Szene angeschlossen hatte, einem radikalen Zweig des Islamismus’. Freunde erkannten ihn kaum wieder, schon rein äußerlich nicht: Der 1,90 Meter große Mann, einst ein athletischer Eishockeyspieler, hatte immer mehr zugelegt. Er war jetzt ein Schwergewicht, wog 160 Kilo. Die Verwandlung ging weiter: Er trug mit Vorliebe islamische Gewänder, ließ sich einen langen Bart wachsen und tat sich mit Robert B. zusammen, den er aus der Solinger Islamisten-Szene kannte und der ähnlich tickte.

Im Dunstkreis des Hasspredigers

In einer umstrittenen Solinger Hinterhof-Moschee galt der Neu-Muslim als Autoritätsperson, heißt es. Er kannte Koran-Suren auswendig, hielt sich fast rund um die Uhr in dem Zentrum auf und verkehrte im Dunstkreis des als Hassprediger verschrienen Deutschen Pierre Vogel und anderer Salafisten.

„Bei seiner Familie gab es mehrere Hausdurchsuchungen, es wurde aber nichts Verbotenes gefunden“, sagt der Anwalt. Es gibt Vermutungen, dass die deutschen Behörden schon seit längerer Zeit ermittelt haben, vielleicht wegen möglicher Verbrechensverabredungen. Dass dabei aber nichts Greifbares herausgekommen sei. Also hätten sie den Engländern wohl einen Tipp gegeben, damit die beiden Verdächtigen dort festgesetzt werden konnten, mutmaßt der Anwalt.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz will auf den Fall nicht konkret eingehen. Sprecherin Elke Altmüller sagt aber: „Im Bereich des islamistischen Terrorismus’ erfolgt natürlich ein enger Austausch mit ausländischen Partnern.“

Keinen Kontakt

Anwalt Hans Reinhardt versucht nun, Besuchsrecht zu bekommen. Er will mit dem 28-jährigen Solinger in London persönlich sprechen. Was nicht einfach ist, denn die Insassen sind streng abgeschirmt: „Während der zwei Monate in U-Haft hatten selbst die Eltern kein einziges Mal Kontakt zu ihrem Sohn.“

Reinhardt hat schon viele harte Fälle vor Gericht vertreten, mit extremem Islamismus hatte er noch nie zu tun: „Das ist neu. Ich möchte mich auch nicht vor einen Karren spannen lassen oder gar zu einem politischen Sprachrohr werden“, sagt er.

Er hält eine hohe Haftstrafe für die jungen Männer für denkbar: „Bei den beiden ist verdächtiges Material gefunden worden. Damit ist in England schon ein Straftatbestand erfüllt.“ Es sei möglich, dass sie zu vier Jahren Haft verurteilt werden, „alleine als Abschreckung“.

Der Anwalt fragt sich, unter welchen Umständen der deutsche Staat seine Staatsbürger einem anderen Land zuspielt. „Das muss geklärt werden.“ Noch will auch er sich aber kein Urteil darüber erlauben, welches Gefahrenpotenzial wirklich von den beiden Terror-Verdächtigen ausgeht: „Leider schaut man den Menschen nur vor den Kopf.“

Inzwischen ist in England Anklage erhoben worden. „Die Königin gegen Christian E. und Robert B.“ heißt es darin. Den beiden Solingern wird vorgeworfen, einen terroristischen Akt vorbereitet zu haben, wobei Christian E. als Haupttäter gilt. Anwalt Hans Reinhardt geht davon aus, dass es in diesen Tagen eine Anhörung geben wird, wo dann auch die Termine für eine Gerichtsverhandlung festgelegt werden. Er rechnet damit, dass es zum Jahresende zu einem Prozess kommen könnte.

 
 

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