Wie Gemeinden gegen Kirchenschänder kämpfen

Foto: WAZ

Essen. Kirchen sind beliebtes Ziel von Vandalismus und Diebstahl. Aus Angst haben viele Gemeinden ihre Gotteshäuser immer mehr abgeschottet. Die Türen bleiben oft verschlossen. Manche Kirchen werden sogar mit Kameras überwacht. Der Respekt vor heiligen Stätten gehe verloren, klagen die Kirchen.

Die Pfarrkirche St. Jakobus ist auf Besucher vorbereitet. Das Auge der Videokamera erfasst jeden, der den Vorplatz betritt. Auch die Portale des Gotteshauses werden überwacht. Die Bilder laufen direkt auf einen Computer im Pfarramt ein, wo sie aufgezeichnet, gesichtet und nach einer Woche gelöscht werden. Die Kirche ist außerhalb der Gottesdienste verschlossen. Am Seiteneingang kann man durch eine Glasscheibe immerhin ins Innere hineinschauen. Pfarrer Ulrich Clancett sagt, dass er sehr traurig sei über die Situation. „Aber es gab einfach keine andere Lösung.“

Das Gelände rund um die Pfarrkirche in Jüchen war ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Wenn die Gläubigen am Sonntagmorgen zum Gottesdienst kamen, mussten sie durch Pizzakartons und Bierflaschen waten. Die Wände wurden immer wieder beschmiert, die Glühbirnen am Weihnachtsbaum zerschlagen, der Eingang zur Sakristei als Toilette missbraucht. Einmal hat sogar jemand im Eingang ein Feuer gelegt. Seit mehr als einem Jahr laufen nun die Überwachungskameras und Pfarrer Clancett ist zumindest mit dem Ergebnis zufrieden: „Der Abschreckungseffekt ist offenbar hoch. Seitdem passiert so gut wie nichts mehr.“

„Hemmschwelle der Täter gesunken“

Kirchen werden immer wieder zur Zielscheibe blinder Zerstörungswut. Und auch Kriminelle schrecken vor Raubzügen in Gotteshäusern nicht zurück. Anfang Juli hat ein besonders schwerer Fall die katholische Gemeinde St. Ludgerus in Essen-Werden erschüttert. Die Kirchenräuber erbeuteten einen Bischofsstab und ein Altarkreuz. „Vor allem der Bischofsstab hat für uns einen hohen ideelen Wert. Er gehörte Clemens August von Galen, der den Nazis die Stirn geboten hat“, sagt Winfried Dollhausen, Sprecher des Bistums Essen. Der Respekt vor heiligen Stätten sei heute deutlich niedriger. „Wir beobachten auch seit einigen Jahren, dass die Hemmschwelle der Täter gesunken ist.“

Die Ehrfurcht vor religiösen Symbolen gehe mit und mit verloren, beklagt auch Thomas Throenle vom Erzbistum Paderborn. Trauriger Höhepunkt war für ihn die Schändung einer Marienstatue in der Katharinenkirche in Unna. Zwei 14-Jährige übergossen die Pieta mit heißem Wachs. Seitdem wird sie nicht mehr ausgestellt.

Verschlossene Türen, vergitterte Altarräume

Aus Angst vor Vandalismus und Diebstahl haben sich die Gemeinden immer mehr abgeschottet. Viele Kirchen bleiben außerhalb der Gottesdienste verschlossen. In einigen Gotteshäusern ist das Haupthaus durch Gitter oder Glaswände geschützt. Oder Ehrenamtliche halten für ein paar Stunden Wache. Videokameras laufen dagegen nur selten. Bei den Bistümern und den evangelischen Landeskirchen ist man sich weitgehend einig: Vor allem im Inneren der Kirchen stören die Kamera-Augen nur. „Der Altarraum sollte geschützt bleiben“, sagt Andrea Rose, Sprecherin der Evangelischen Kirche in Westfalen. „Videokameras haben da nichts zu suchen.“

Dennoch: Die Zeiten, als Gotteshäuser stets zum spontanen Gebet einluden, sind längst vorbei. Das Projekt „Offene Kirche“ ist der Versuch gegenzusteuern. Die Gemeinden verpflichten sich, ihre Kirchen an fünf Tagen in der Woche für mindestens vier Stunden zu öffnen. „Der Nutzen einer offenen Kirche ist für uns größer als der finanzielle Schaden durch Diebstähle oder Vandalismus“, sagt Pressesprecherin Rose. Bei der Evangelischen Kirche in Westfalen zählen inzwischen 80 von 900 Gotteshäusern dazu – einige davon sind unbewacht. Das Bistum Essen ist dagegen vorsichtiger: Kirchen ohne Schutz offenzuhalten, sei heutzutage nicht mehr möglich, sagt Sprecher Dollhausen.

In der Pfarrei St. Jakobus in Jüchen gab es keinen Widerstand gegen die Videoüberwachung, versichert Ulrich Clancett. „Wir sind alle froh, dass endlich Ruhe eingekehrt ist.“ Warum er nicht auf die Gnade Gottes vertraue, hat den Pfarrer einmal jemand - halb im Scherz - gefragt. Seine Antwort: „Die Realität sieht eben anders aus.“

 
 

EURE FAVORITEN