Was tun gegen Steinewerfer?

Düsseldorf. Nach der tödlichen Wurfattacke auf der A 29 sind die Autofahrer verunsichert. Wie können solche Taten verhindert werden? NRW-Innenminister Wolf lehnt die Videoüberwachung von Autobahnbrücken ab. Stattdessen gibt es mehr Polizeikontrollen.

Der Schreck sitzt noch zu tief. Viele Autofahrer bekommen derzeit ein ungutes Gefühl, wenn sie sich einer Autobahnbrücke nähern. Die Bilder der zertrümmerten Windschutzscheibe und des wuchtigen Holzklotzes, der die 33-jährige Beifahrerin auf der A 29 bei Oldenburg traf, haben sich eingeprägt. Das sechs Kilo schwere Wurfgeschoss hatte die zweifache Mutter aus Telgte vor den Augen ihrer Familie getötet. Das Unheil kommt von oben, es kann jeden erwischen, plötzlich und unausweichlich - das ist die Botschaft der Bilder.

Das Drama, das sich am Sonntagabend abspielte, hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Experten und Politiker diskutieren jetzt darüber, ob und wie solche Anschläge künftig verhindert werden können. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), hat die Videoüberwachung ausgesuchter Autobahnbrücken vorgeschlagen. «Wenn es Brücken geben sollte, von denen Angriffe mit Wurfgeschossen vermehrt zu registrieren sind, wäre es naheliegend, dort Kameras zu installieren», sagte Edathy der Oldenburger «Nordwest-Zeitung» vom Mittwoch. Zwar hätten Kameras nur eine geringe abschreckende Wirkung, ihre Aufzeichnungen würden jedoch die Strafverfolgung erleichtern. Letztlich müssten das aber die zuständigen Bundesländer entscheiden.

Ein neuer Fall für Datenschützer

Beim Innenministerium in NRW stößt der Vorschlag auf Ablehnung. Minister Ingo Wolf (FDP) spricht von einer Scheinlösung. "Wir dürfen den freiheitlichen Rechtsstaat nicht über Bord werfen und müssen die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit wahren", erklärt Wolf. Der Minister ist offenbar vorsichtig geworden, wenn es um sensible Daten seiner Bürger geht. Auch der ADAC Nordrhein ist gegen eine Videoüberwachung von Autobahnbrücken. "Das wäre wieder ein Fall für die Datenschützer", sagt ADAC-Sprecherin Jacqueline Grünewald. "Jeder, der eine Autobahnbrücke betritt, wird automatisch kriminalisiert." Das NRW-Innenministerium will stattdessen die Polizeikontrollen auf den Autobahnbrücken im Land verstärken. Nach dem schrecklichen Vorfall bei Oldenburg seien die Polizisten sensibilisiert.

Im Gespräch sind auch Schutzzäune oder Netze, die die Steinewerfer von ihrer Tat abhalten sollen. In NRW gibt es an die 2000 Autobahnbrücken. Um all diese Brücken etwa mit Drahtzäunen auszustatten, wären Ausgaben in dreistelliger Millionenhöhe nötig, sagt Bernd Löchter, Sprecher des zuständigen Landesbetriebs "Straßen.NRW". "Es ist fraglich, ob dieser Kostenaufwand im Verhältnis zum Nutzen steht", sagt Löchter. In NRW seinen entsprechende Maßnahmen bislang nicht geplant. Auch ADAC-Sprecherin Grünewald zweifelt an der Wirksamkeit von Zäunen und Netzen: "Wer die kriminelle Energie aufbringt, so etwas zu tun, lässt sich kaum durch einen Drahtzaun davon abhalten."

Aufklärung in den Familien

Doch was geht in den Köpfen der Täter wirklich vor? "Soweit man Brückenwerfer bis heute kennt, machen sie sich keine Gedanken über die Folgen ihres Handelns", sagte der Münchner Psychologe Georg Sieber der "Süddeutschen Zeitung". "Menschen, die Dinge von Brücken werfen, tun das in der Regel ohne Tötungsabsicht." Sie brächten die Autos unter der Brücke nicht mit den Menschen darin in Verbindung.

Der ADAC setzt auf Aufklärungsarbeit in den Familien. "Eltern sollten frühzeitig auf ihre Kinder einwirken", sagt Grünewald. "Sie müssen ihnen klar machen, dass Steinewerfen kein Dummerjungenstreich ist. Wir hoffen, dass der aktuelle Fall das Bewusstsein hierfür schärft."

Autofahrern rät der ADAC zu erhöhter Vorsicht, warnt jedoch vor Panikreaktionen. "Abruptes Bremsen kann im Zweifelsfall gefährlicher sein als eine scheinbar verdächtige Person auf einer Brücke", sagt ADAC-Sprecherin Grünewald. "Im Grunde gibt es keinen hundertprozentigen Schutz und leider auch keine Maßnahme, die absolute Sicherheit garantieren kann."

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