Warum Bochums Ex-Polizeichef OB Sauerland anzeigte

Hayke Lanwert
Bochums ehemaliger Polizeipräsident Thomas Wenner. Foto: Karl Gatzmanga / WAZ
Bochums ehemaliger Polizeipräsident Thomas Wenner. Foto: Karl Gatzmanga / WAZ
Foto: WAZ

Bochum/Duisburg. Bochums ehemaliger Poizeipräsident Wenner verhinderte die Loveparade in Bochum 2009. Auch er musste damals gegen Widerstände kämpfen. Nun zeigte er Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland an.

Wäre der Anlass nicht so traurig, müsste auch er sich im Nachhinein bestätigt fühlen. Thomas Wenner (62), der in den Ruhestand versetzte Bochumer Polizeipräsident, hatte großen Anteil daran, dass Bochum 2009 die Loveparade wegen der Sicherheitsrisiken absagte. Der wortgewaltige Jurist machte sich damals nicht nur Freunde, als er einen offenen Brief zur Loveparade schrieb, der ausgerechnet und fast prophetisch mit den Worten endete: „Überleben ist wichtiger...“

Dass er sich nun entschied, gegen Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und leitende Beamten der Stadt Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung zu erstatten, hat mit einem Statement zu tun, dass Sauerland vor laufenden Kameras gab. „Herr Sauerland argumentierte, das Sicherheitskonzept sei in Ordnung gewesen, die Menschen hätten falsch reagiert. Das war der Moment, in dem ich mich zur Strafanzeige entschloss“, so Wenner.

Metropole Ruhrgebiet als Monstranz der Popularität“

Dass das Sicherheitskonzept offenkundig nicht funktionieren konnte, müsse jedem klarwerden, der sich vorstelle, dass man ein 80 000 Menschen fassendes Stadion nur über einen Eingang füllt.

Wenner hatte sich im Januar 2009 mit einem Offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt. Schon damals gab es gehörigen politischen Druck, die Loveparade, die 2007 aus Berlin ins Ruhrgebiet geholt worden war, in einer Art Fünfklang – erst Essen, dann Dortmund, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen – als juveniles Großevent durchzuziehen. Das Ruhrgebiet zeigt sexy Berlin, wie es besser geht.

Wenner jedoch, einig mit Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, hielt die Loveparade in Bochum für nicht machbar. Der Bahnhof und sein Umfeld könne über eine Million Menschen auf einmal nicht verkraften. „Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhrgebiet als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften?... Die die Enge des Veranstaltungsraumes und die Disfunktionalität der Zu- und Abfahrtsströme kennen, die wissen, dass es schon in Dortmund diesbezüglich heikle Situationen gegeben hat? Die wissen, dass ein Großteil der bis zu 1,5 Millionen junger Teilnehmer unter Alkohol und Drogen stehen wird und die sich die Auswirkungen einer Panik unter so vielen Menschen auf so engem Raumvorstellen können“.

Anvertraute Menschen, die es zu schützen gilt

Wenner spricht von Sicherheitsbedenken, von Verantwortung und der körperlichen Unversehrtheit und dem Leben anvertrauter Menschen, die es zu schützen gilt. Damals sah er sich einer manifesten „Geht-nicht-gibt’s-nicht!“-Fraktion gegenüber. Die Stadtspitze Bochums, von der Polizei, aber auch von der lokalen Feuerwehr beraten, blieb dabei: keine Loveparade.

Thomas Wenner jedoch waren nur noch zehn Monate in Bochum vergönnt. Im November 2009 wurde er von Innenminister Wolf (FDP) in den Ruhestand versetzt, weil er, der SPD-Sympathisant, die SPD-Landtagsfraktion in einer Streitfrage zum Thema Organisierte Kriminalität unterstützt haben soll.