Vorwürfe an ehemalige Vinzenz-Geschäftsführer

Am kommenden Freitag soll sich erneut eine Menschenkette in Altena bilden. Fotos: Christof Hüls
Am kommenden Freitag soll sich erneut eine Menschenkette in Altena bilden. Fotos: Christof Hüls
Foto: Christof Hüls

Altena.. Hans Wehr, stellvertretender Vorsitzender des St.-Vinzenz-Aufsichtsrats, beschuldigt die frühere Krankenhaus-Geschäftsführung der Untätigkeit und des Missmanagements. Wehr: „Für mich entsteht der Eindruck, dass bewusst auf eine Insolvenz hin gearbeitet wurde.“

Für ihn ist es „offensichtlich“, dass alte Geschäftsführung , die früheren Mitglieder des Aufsichtsrates getäuscht habe. „Anders ist nicht zu erklären, warum die Aufsichtsratsmitglieder bei ihrer Amtsniederlegung die wirtschaftliche Lage des Krankenhauses als überdurchschnittlich gut dargestellt haben.“

Das „Aktionsbündnis Rettet das Altenaer Krankenhaus“ plant weitere Aktionen: Am kommenden Freitag, 2. Juli, wird um 17 Uhr zum Fürbitte-Gebet aufgerufen. Das soll auf dem Bungernplatz laufen, bevor sich eine weitere Menschenkette bilden soll: Die Teilnehmer sollen Banner weiter reichen bis zum Markaner.

Wir veröffentlichen folgend den Wortlaut der Stellungnahme von Hans Wehr:

In vielen Diskussionsbeiträgen zum Thema Krankenhauserhalt wird vom Versagen der Kirche, einzelner Personen und von geänderten gesetzlichen Rahmenbedingungen gesprochen. Niemand hat bisher klar ausgesprochen, was wirklich los ist.

Lassen Sie mich darum kurz die gesetzlichen Rahmenbedingungen zusammenfassen:

Durch das GKV-Gesundheitsreformgesetz 2000 (Gesetz zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung ab dem Jahr 2000) wurde vorgesehen, ab 2003 ein „durchgängiges, leistungsorientiertes und pauschalierendes Vergütungssystem einzuführen“ (§ 17 Abs. 1 KHG). Alle voll- und teilstationären Krankenhausleistungen, mit Ausnahme von psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen, werden über diagnosebezogene Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups – DRGs) vergütet.

Mit der DRG-Einführung verfolgte der Gesetzgeber folgende Ziele:

•Verkürzung der Verweildauern der Patienten im Krankenhaus

•Stabilisierung der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung

•leistungsbezogene Vergütung der Krankenhäuser

•mehr Transparenz über Leistungen und Kosten der Krankenhäuser

•mehr Wettbewerb der Krankenhäuser untereinander

•Förderung des Strukturwandels

•Umsetzung des Prinzips „Geld folgt Leistung“ bei Strukturveränderungen im Krankenhausbereich und bei Patientenwanderungen zwischen Krankenhäusern

Es gab keinen Grund für ökonomische Betriebsführung

Ganz klar war also, dass dieses Gesetz zunächst einmal zu Kosteneinsparungen führen sollte. Weiter wurde erwartet, dass die Umsetzung eine Verbesserung der Behandlungsqualität bringen sollte. Während die Verbesserung der Behandlungsqualität durch die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen erreicht wurde (abschließende Studien fehlen noch), ist das Ziel der Kosteneinsparung verfehlt worden.

Jetzt zurück zu unserem Krankenhaus. Bis zur Einführung der Fallpauschalen konnte ein Krankenhaus keine wirtschaftlichen Probleme bekommen, weil letztlich alle entstandenen Kosten bezahlt wurden. Es gab keinen Grund für eine ökonomische Betriebsführung. Schlimmer noch, gut wirtschaftende Krankenhäuser wurden nicht belohnt.

Die Fallpauschalen bedeuten nun, dass ein Krankenhaus für eine definierte Leistung einen ganz bestimmten Geldbetrag bekommt. Die wirklichen Kosten spielen bei der Vergütung keine Rolle.

Damit sich die Krankenhäuser auf diese Phase vorbereiten konnten, wurde mit der Verabschiedung des Gesetzes eine Übergangsfrist (Konvergenzphase) von fünf Jahren zugestanden. In dieser Zeit konnten die Krankenhäuser die Weichen für ein Überleben stellen. Da auch andere Krankenhäuser die Zeit nicht rechtzeitig genutzt haben oder nutzen konnten, wurde die Frist noch einmal um ein Jahr verlängert. Am 01.01.2010 wurde das Gesetzt nun „scharf“ geschaltet.

„In Altena ist sechs Jahre lang nichts passiert“

In Altena ist in diesen sechs Jahren nichts passiert. Die jetzt für alle erkennbare finanzielle Notlage kann weder der Kirche noch dem Gesetzgeber angelastet werden. Wenn in mehr als sechs Jahren weder Spezialisierungen noch Kooperationen eingeleitet wurden, kann man nur von grobem Missmanagement sprechen. Für mich entsteht der Eindruck, dass – warum auch immer - gezielt und bewusst auf eine Insolvenz hin gearbeitet wurde. Offensichtlich hat die alte Geschäftsführung es sogar verstanden, die Mitglieder des damaligen Aufsichtsrates zu täuschen. Anders ist nicht zu erklären, warum die Aufsichtsratsmitglieder bei ihrer Amtsniederlegung in verschiedenen Presseerklärungen die wirtschaftliche Lage des Krankenhauses als überdurchschnittlich gut dargestellt haben.

Ich muss einfach noch einmal erwähnen, dass wir, der neue Aufsichtsrat, sprichwörtlich vom „Donner“ gerührt wurden, als die von der alten Geschäftsführung bestellte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft uns die Ergebnisse für das Jahr 2008 mit einem Minus von 442.774,44 € vorstellte. Schriftlich und mündlich wurden wir darauf hingewiesen, dass schon absehbar sei, dass für 2009 kein uneingeschränkter Prüfvermerk mehr erteilt würde und dass im Jahr 2010 mit einem Defizit von zwei Millionen € zu rechnen wäre. Das liegt daran, dass wir pro Patientenaufenthalt im Schnitt rund 600.-- € mehr Kosten haben, als wir erstattet bekommen.

Die neue Geschäftsführung hat sofort Sparmaßnahmen eingeleitet und umgesetzt. Dennoch werden wir in diesem Jahr mit einem Verlust von ca. 1.200.000.-- € rechnen müssen. Mit Sparmaßnahmen allein ist unser Krankenhaus aber nicht zu retten. Bei einer Belegung von deutlich unter 50% in den letzten Jahren kann nicht wirtschaftlich und gleichzeitig patientenorientiert gearbeitet werden. Wichtig ist, dass die anderen 50% der vorhandenen Räume möglichst so genutzt werden, dass eine Kostendeckung erreicht wird.

„Wir nehmen jede Unterstützung an“

Die inzwischen geprüften und verhandelten Modelle wurden am Samstag bereits in der Pressemitteilung des Bischofs aufgelistet und müssen hier nicht wiederholt werden. Auch die Einwände und Absagen der Kostenträger und möglichen Kooperationspartner ergaben sich aus der genannten Pressemitteilung. Ich versichere, dass es Ziel von Geschäftsführung und Aufsichtsrat ist, unser Krankenhaus mit möglichst breitem Leistungsangebot zu erhalten. Wir nehmen jede Unterstützung an, die uns auf diesem Weg weiterbringt. Es gibt noch keine Beschlüsse!

Das Schlimmste für die nächsten Wochen wäre, wenn durch die vielen - gut gemeinten - Briefe, Artikel und Äußerungen die Verunsicherung steigen würde und so eine noch stärkere Patientenorientierung in andere Krankenhäuser erfolgte.

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