Von Bergamo nach Bergkamen

Firma Steilmann hat ihre Zentrale in Bergkamen - Rünthe eröffnet. Dr. Michele Puller, Vorstand von Miro Radici.
Firma Steilmann hat ihre Zentrale in Bergkamen - Rünthe eröffnet. Dr. Michele Puller, Vorstand von Miro Radici.
Foto: Dietmar Wäsche

Bergkamen.. „Vor 30 Jahren bin ich als Gastarbeiter nach Bergkamen gekommen“, lacht Dr. Michele Puller. So sahen es jedenfalls die bundesdeutschen Behörden. Der Unternehmer und Chef der Miro Radici AG mit weit über 4000 Mitarbeitern im In- und Ausland musste tatsächlich kurz nach seiner Ankunft zu einer amtsärztlichen Untersuchung.

„He, ich will hier keine Pizzen backen, sondern Leute beschäftigen“, habe er damals erklärt. Die in Bergamo in Oberitalien ansässige Industriellenfamilie Radici hatte ihn in den Norden geschickt, damit er die beiden Rünther Firmen „Deufil“ und „Westfalia Sit in“, die sich mit dem Spinnen von Teppichgarnen und der Herstellung von Teppichböden beschäftigten und wirtschaftlich tief am Boden lagen, auf Vordermann bringt.

Ebenfalls ein hartes Stück Arbeit war es, seine Frau zu beruhigen. „Oh Gott, ich will sofort zurück“, rief sie damals erschreckt, als sie Bergkamen zum ersten Mal sah. Dr. Michele Puller selbst hatte selbst keine Probleme. Die Menschen hier und in seiner Heimat Bergamo ähneln sich, stellte er bald fest.

Der wirtschaftliche Aufschwung nahm an der Industriestraße rasante Geschwindigkeit auf, als Puller die Discounter als Markt für sich entdeckte und 1994 das Geschäftskonzept änderte. Hier habe sich der Standort als goldrichtig erwiesen, erklärt er, denn die Firmenzentralen von Aldi, Lidl und Co. liegen in der Nähe in Nordrhein-Westfalen.

Inzwischen sind es rund 300 Produkte aus den Bereichen Heimtextilien, Wäsche und Oberbekleidung, die er an die Discounter für deren Sonderverkäufe liefert. Rünthe ist zwar die logistische Drehscheibe, hergestellt wird die Ware aber in Moldawien und Rumänien mit 1800 Mitarbeitern und in China mit 2000 Mitarbeitern. Zusätzlich gibt es Aufträge für Fremdfirmen in diesen Ländern. Produziert werden müsse dort aber unter menschlichen Bedingungen. „Wenn wir feststellen, dass dort Kinder beschäftigt werden, brechen wir von heute auf morgen die Geschäftsbeziehungen ab“, betont Dr. Michele Puller.

Im zurückliegenden Jahrzehnt hat die Miro Radici AG eine Reihe von Mode-Firmen gekauft. Die spektakulärste war die Übernahme von Steilmann, auch weil der Firmensitz mit dem größten Teil der rund 200 Mitarbeiter vom Traditionsstandort Wattenscheid nach Bergkamen verlegt wurde. Vor allem sollten so die Synergieeffekte mit den anderen Firmenteilen in Rünthe genutzt werden. Diese Rechnung geht offensichtlich auf. Nach Verlusten im zweistelligen Millionenbereich werde Steilmann 2010 mit einem Umsatz erstmals eine „schwarze Null“ schreiben, zeigt sich Puller hochzufrieden. Im Bereich Oberbekleidung erzielt Miro Radici inzwischen mit 450 Millionen Euro etwas mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes.

Einkäufer aus dem In- und Ausland, die sich die neuen Trends bei Steilmann ansehen wollen, müssen jetzt nach Bergkamen kommen. Deshalb ist das Steilmann-Gebäude ebenfalls chic, ein Hingucker geworden. Die Hotels in der Marina Rünthe und in Werne profitieren auch davon. Mit ihnen seien die Kunden hochzufrieden, betont Puller. Ihren Frieden hat offensichtlich auch ein großer Teil der Steilmann-Belegschaft mit dem Wechsel nach Rünthe gefunden. „Viele wohnen ohnehin nicht in Wattenscheid. Denen ist es egal, wohin sie fahren müssen“, erklärt Steilmann-Geschäftsführer Michael Schnaase. Inzwischen habe es auch Umzüge gegeben. Es gebe aber auch einen harten Kern der Unzufriedenen.

Recht wenig im Bewusstsein der Bergkamener ist, dass viele Jahre ihre Stadt ein Zentrum des Transfers von Fußballprofis von und nach Italien war. Das hat Dr. Michele Puller, der sich im und für den BVB Borussia Dortmund engagiert, sichtlich Spaß gemacht. Allerdings wundert er sich auch manchmal über die Wertung von Journalisten: „Als es um eine Investition von mehreren 100 Millionen Euro ging, hat das gerade vier Journalisten interessiert, als wir aber den Vertrag für den Wechsel von Thomas Häßler ausgehandelt hatten, standen 100 Journalisten vor unserem Haus.“ Er sei 1990 vermittelnd auf Bitten von Fiat-Chef Agnelli tätig geworden. Gezahlt wurde von Juventus Turin eine Ablösesumme von 15 Millionen DM für „Icke“ Häßler.

 
 

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