Vom Leben vor dem Tod

Mike Powelz,Chefreporter für Hör zu und TV digital, las in der Reeser Stadtbücherei
Mike Powelz,Chefreporter für Hör zu und TV digital, las in der Reeser Stadtbücherei
Foto: NRZ
Mike Powelz ließ die Besucher seiner Lesung teilhaben an der Vorbereitung auf des Sterben in einem Hospiz.

Rees..  Über das Leben im Hospiz zu lesen, ist das eine, den dem Tode geweihten Personen aus dem Krimi von Mike Powels „Die Flockenleserin – ein Hospiz, zwölf Menschen, ein Mörder“, auf der Leinwand zu begegnen, eine tief berührende Erfahrung.

Mike Powels, der mit dem Reeser Journalist Michael Scholten befreundet ist, war der Einladung zur Lesung von Stadtbüchereileiter Thomas Dierkes gerne gefolgt. Mit großformatigen Fotografien der Menschen, die er in einem Hospiz in Hamburg kennengelernt und begleitet, und die der Veröffentlichung zugestimmt hatten, untermauerte er seine Lesung. Mit dabei seine Mutter und sein kleiner Hund.

Ausschlaggebend für den Krimi war die Erkrankung seines Vaters an Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. „Ich hatte einen Artikel über ein Hospiz aufbewahrt und ihn meinem Vater vorgelesen. Danach war er bereit, seine letzen Wochen in einem Hospiz in Münster zu verleben. Immer an seiner Seite war meine Mutter, wann immer ich konnte, war auch ich dort.“ Erst weit nach dem Tod des Vaters sprach der Chefreporter der Hör zu seinen Chef an, ob er nicht eine Reportage über ein Hospiz in Hamburg, in unmittelbarer Nähe zur Herbertstraße, schreiben und dafür eine Woche dort einziehen solle. Er wagte das Experiment und begleitete die Menschen dort solange, bis der letzte aus der Anfangsbelegung verstorben war. Um Aufmerksamkeit für dieses Thema zu gewinnen hat Powelz die Geschichte in einen Krimi verpackt. „Jeder sollte sich einmal im Leben mit diesem Thema beschäftigen, denn wir klammern in unserer Gesellschaft den Tod solange aus, bis er sich nicht mehr verdrängen lässt“, findet Powelz. Die Menschen im Hospiz sind, so hat er es erlebt, ehrlich, behalten aber ihre Eigenheiten, ihren Charakter bei. Was ihn persönlich unendlich beruhigt hat: Durch eine ausgepfeilte Schmerztherapie wird ihnen ein Stück Lebensqualität wiedergegeben. Um die Personen in seinem Krimi zu verfremden, hat er mitunter das Geschlecht gewechselt. Der querschnittsgelähmte Portugiese war im wahren Leben eine italienische Apothekerin, die jegliche Art von Medikamenten ablehnte. „Sie ist am schwersten gestorben und war die unleidigste Patientin, der aber eben soviel Respekt und Geduld vom Pflegepersonal entgegengebracht wurde wie den anderen“, lobte Powelz die Betreuung. In seinem Krimi hat er die eigene Familie ins Hamburger Hospiz verlegt. Ermordet wird übrigens auch der Autor.

Die Lesung endete mit einem Blick in das Sterbebuch, das in einem Hospiz ausliegt, wenn jemand verstorben ist. „Damit der Tod nicht verdrängt wird!“ Und mit einem Interview einer älteren Dame, deren Tochter im Hospiz verstorben ist.

Es war alles gesagt. Beeindruckt verließen die Besucher nach zweieinhalb Stunden die Bücherei. Warum „Flockenleserin“? Menschen, die im Sterben liegen, sehen über ihrem Bett Flocken schweben, die sie versuchen einzufangen. Warum? Das weiß niemand zu beantworten.

 
 

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