Villen und dicke Autos: süßes Leben durch Seeräuberei

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Nairobi. Wieder und wieder kapern somalische Piraten ausländische Frachtschiffe, nehmen Geiseln und erpressen Millionensummen. Seeräuberei ist in dem armen afrikanischen Land ein einträgliches Geschäft geworden, an dem nicht nur die Piraten verdienen.

Die Piraterie ist für junge Somalier eine Verlockung, die Abenteuer und Reichtum verheißt. Zur See sind sie Räuber, gerüstet mit automatischen Waffen, Raketen und Granaten. Zu Lande sind sie eine Kreuzung aus Lokalpolitiker und Gangster-Rapper, ausstaffiert mit Villen, dicken Autos und schönen Frauen. Die Piraterie ist ein lukratives Geschäft in Somalia, wo es keine Zentralregierung gibt, keine Banken und wegen des festgefügten Clan-Systems kaum Gelegenheit, aus eigener Kraft etwas aus sich zu machen.

Die Lebenserwartung in dem bitterarmen Land beträgt gerade einmal 46 Jahre, ein Viertel der Kinder wird keine fünf Jahre alt. Dagegen bietet die Seeräuberei Aussicht auf Einfluss und Wohlstand. Zupass kommen die Gesetzlosigkeit Somalias und seine strategisch günstige Lage.

Der Golf von Aden zählt zu den meistbefahrenen Schifffahrtstraßen der Welt; alljährlich passieren ihn rund 20.000 Handelsschiffe auf dem Weg vom und zum Suezkanal. Zugleich sind zahllose Fischerboote auf Fang unterwegs: Thunfisch, Snapper und Barrakudas gibt es reichlich in den somalischen Gewässern.

Ein kleines Paradies inmitten des Chaos

«Vor Jahren lebten wir vom Fischfang, doch jetzt haben wir viel Geld. Wir haben Luxusautos, schöne Häuser und alles, was wir uns in unserem Küstenort wünschen können», sagt Salah Hadschi Bahdon aus Eyl, der sich in einem telefonischen AP-Interview selbst als Pirat bezeichnet. In der Gegend seines Heimatorts liegen etliche gekaperte Schiffe vor Anker, während die Entführer das Lösegeld aushandeln. «Es ist wie ein kleines Paradies, wo die Menschen die Schwierigkeiten anderswo in Somalia nicht bemerken.»

Im vergangenen Jahr wurden vor der 3.000 Kilometer langen Küste 42 Schiffe gekapert. Seit Januar zählte das International Maritime Bureau 66 Angriffe von Piraten. Demnach halten sie derzeit sie 14 Schiffe und 260 Besatzungsmitglieder als Geiseln fest. Das Ausland spart nicht mit Kritik und Vorwürfen. Doch die Somalier zeigen sich dankbar für das Wachstum, das die Piraten den Hafenstädten bescheren.

Lokale Größen kassieren mit

Um Eyl in der Region Puntland haben die Seeräuber die Wirtschaft einigermaßen angekurbelt. Weil sie Bargeld zum Ausgeben haben, nimmt der Handel zu. Sie haben auch versprochen, neue Schulen und bessere Straßen zu bauen, allerdings ist bis jetzt noch nichts passiert.

Einwohner von Eyl, deren Informationen sich in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen haben, vermittelten der AP telefonisch Kontakt zu Bahdon und zwei weiteren Piraten. Einer von ihnen betonte, seine Bande sei nicht bloß ein Haufen Schurken, sondern vielmehr eine gut organisierte, wirtschaftlich orientierte Gruppe, die sich auch um das Gemeinwohl sorge.

«Wir haben Anführer, Investoren, junge Leute, die auf See Schiffe jagen, und auch Unterhändler an vielen Orten», erklärt der Mann, der sich Madobe nennt. Die Menschen an Land böten «sehr zuverlässige Unterstützung». Zudem geben die Seeräuber Madobe zufolge einen Teil der Beute an Dorfälteste, Milizführer und Politiker ab, um sich abzusichern.

Leiter zu kurz

Voriges Jahr kassierten die Piraten nach Angaben des Experten Roger Middleton vom Londoner Institut Chatham House bis zu 60 Millionen Euro Lösegeld, unter anderem für einen saudiarabischen Öltanker und ein ukrainisches Schiff mit einer Ladung Panzer.

Die Piraten kleiden sich gewöhnlich in Kampfanzüge und operieren mit Schnellbooten, die mit Satellitentelefon und GPS ausgestattet sind. Ihr Arsenal enthält automatische Waffen, Panzerfäuste und Granaten. Trotzdem gehen ihre Aktionen manchmal schief. So scheiterte voriges Jahr ein Angriff, weil die mitgebrachte Leiter schlicht zu kurz war, um über die Bordwand das Schiff zu entern. Und Ende März verwechselten Piraten den Versorgungstanker «Spessart» der Deutschen Marine mit einem Handelsschiff, wurden in die Flucht geschlagen und kurz darauf geschnappt; sieben wurden inzwischen in Kenia den Behörden übergeben. (ap)

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