Uni Bonn entzieht FDP-Politiker Chatzimarkakis den Doktortitel

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Der FDP-Europa-Politiker Chatzimarkakis hat wegen Plagiatsvorwurfs seinen Doktor-Titel verloren. Das gab die Uni Bonn am Mittwoch bekannt. Chatzimarkakis erklärte, der Entzug sei „bitter“. Allerdings werfe ihm die Uni keine Täuschungsabsicht vor.

Bonn. Die Universität Bonn hat dem FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis den Doktortitel entzogen. Das gab der 45-Jährige am Mittwoch auf seiner Internetseite bekannt. Der Entzug sei bitter, teilte Chatzimarkakis mit. Er stelle aber „mit Erleichterung fest“, dass ihm die Hochschule keinen Täuschungsvorwurf mache. Grund sei alleine eine missverständliche und wissenschaftlich fragwürdige Zitierweise.

Auch wenn das Wort Täuschung in der Erklärung der Universität nicht auftaucht: Der Fakultätsrat der Philosphischen Fakultät stellt der wissenschaftlichen Leistung ihres einstigen Promovenden Chatzimarkakis elf Jahre nach Verleihung des Doktor-Titels ein lausiges Zeugnis aus und wirft ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Wie die Universität Bonn erklärte, sei festgestellt worden, „dass mehr als die Hälfte des Textes der Dissertation aus fremden Federn stammt“. Dies genüge nicht den Anforderungen an eine Doktorarbeit, „die ja eine selbständig erbrachte wissenschaftliche Leistung sein müsse“, sagte Dekan Prof. Günther Schulz am Mittwoch in einer Pressekonferenz.

Chatzimarkakis will neue Doktorarbeit schreiben

Zusätzlich hätten sich in der Dissertation Chatzimarkakis in zahlreichen Fällen aus anderen wissenschaftlichen Arbeiten entlehnte Passagen gefunden, die nicht als wörtliche Übernahmen gekennzeichnet waren. "Chatzimarkakis hatte Texte anderer Autoren in seine Doktorarbeit eingefügt, deren Anfang und Ende jedoch nicht z.B. durch Anführungszeichen gekennzeichnet waren".

Lediglich am Ende der Passagen nannte er in einer Fußnote die Belegstelle, heißt es in der Erklärung der Hochschule: „Das reicht jedoch nicht aus und verletzt die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens“, erklärte Dekan Prof. Günther Schulz. „Eine solche Praxis vermittelt den Eindruck, dass hier Herr Chatzimarkakis spricht, während in Wirklichkeit Texte anderer Autoren reproduziert werden.“

Kein stellvertretender Vorsitzener mehr im Forschungs-Ausschuss

Chatzimarkakis kündigte am Mittwoch vor Bekanntgabe der Uni-Entscheidung an, er wolle um seinen Doktortitel kämpfen. Bei einem Entzug seines Titels, über den bereits im Juni spekuliert wurde, werde er eine zweite Arbeit schreiben. In dem Statement auf seiner Internetseite wiederholt Chatzimarkakis am Nachmittag diese Ankündigung: "Ich bin bereit, eine erneute Doktorarbeit in Angriff zu nehmen. Mit der Dissertation wollte ich mein Universitätsstudium krönen. An diesem Wunsch hat sich nichts geändert."

Im Europaparlament hat sich Chatzimarkakis unterdessen aus dem Forschungs-Ausschuss zurückgezogen: "Ich bin seit dem 22. Juni kein Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie mehr. Seit dem 4. Juli 2011 bin ich auch kein Stellvertreter mehr", teilte er auf Anfrage von DerWesten am Mittwoch mit. Die Entscheidung sei kürzlich auf einer Klausurtagung der FDP-Delegation im Europäischen Parlament getroffen worden, "auf der die Ausschusszugehörigkeiten für die zweite Hälfte der Legislaturperiode neu verteilt wurden."

VroniPlag moniert Zitierfehler an 70 Prozente der Arbeit

In Gang gesetzt worden war die Überprüfung seiner Doktorarbeit durch die Universität Bonn nach Plagiats-Vorwürfen auf der Website „VroniPlag“. Auf der etwa 200 Seiten umfassenden Dissertation (Titel: „Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs“), listeten die Plagiats-Fahnder zuletzt an gut 70 Prozent der Seiten Stellen auf, an denen Zitate in Bezug auf ihre Quellen lücken-, zweifelhaft oder verschleiert seien.

Chatzimarkakis hatte die Vorwürfe im Vorfeld eingeräumt, aber mit einer „missverständlichen Zitierweise“ gerechtfertigt. Er bekräftigte stets, für seine politikwissenschaftliche Doktorarbeit gelte: „Keine Stelle ohne Quelle.“ Kein einziger Text sei aus einem Werk übernommen worden, das nicht in einer Fußnote oder im Literaturverzeichnis auftauche. In seinen Dissertations-Regeln stehe lediglich, „fremdes Gedankengut ist kenntlich zu machen“. Eben dies habe er schriftlich erklärt und sich dran gehalten.

Uni Bonn überprüft Dissertation von weiterer FDP-Politikerin

Zudem verwies der EU-Politiker darauf, dass die methodische Schwäche seiner Dissertation bereits bei der Prüfung benannt und bei der Notengebung berücksichtigt worden. Chatzimarkakis hatte für die im Jahr 2000 vorgelegte Arbeit die Note „Drei“ erhalten.

Wegen Plagiaten in ihren Dissertationen waren zuletzt dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und der FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin ihre Doktortitel entzogen worden.

Die Universität Bonn hat unterdessen eine weitere FDP-Politikerin im Visier: Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät hatte am Dienstag beschlossen, die Dissertation von Margarita Mathiopoulos einer erneuten Überprüfung zu unterziehen. Wie Dekan Prof. Günther Schulz erklärte, habe sich „eine neue Sachlage ergeben“, nachdem die Website VroniPlag die Arbeit erneut durchforstet hat; unter Plagiats-Verdacht stand die Dissertation allerdings bereits Anfang der 1990er Jahre.

Auch die Uni Köln befasst sich aktuell mit der Doktorarbeit eines FDP-Politikers. Wegen mutmaßlicher Plagiate im Visier ist dort die Dissertation des Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai. aus dem Kreis Neuss.

Die Leitung der Uni Bonn diskutiert unterdessen über mögliche Konsequenzen aus der Plagiats-Affäre um Jorgo Chatzimarkakis: "Künftig verpflichten wir alle Promovenden dazu, ihre Arbeit auch in elektronischer Form einzureichen“, teilte Dekan Prof. Schulz mit. Außerdem wolle man in der Promotionsordnung die Zitierregeln künftig ausdrücklich hervorheben. (mit afp)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Knut Pries.

 
 

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