TV-Talk zu Missbrauch in Kirche war hart, aber nicht fair

Essen.. „Die Priester und der Sex – Wie viel Wahrheit wagt die Kirche?“ Eine provokante Frage, die Frank Plasberg in seinem Talk „Hart aber fair“ stellte. Das Ergebnis: verhärtete Fronten, ein mutiges Missbrauchsopfer und ein unnötiger Faux-Pas.

Tiefe Falten auf der Stirn, die Mundwinkel nach unten und Tränen in den Augen – das ist die letzte Kamera-Einstellung der Sendung „Hart aber fair“ auf Norbert Denef. Norbert Denef wurde im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal von einem Geistlichen missbraucht, sein Martyrium ging über acht Jahre, dann hat er 35 Jahre geschwiegen. Norbert Denef ist für die Talksendung in der ARD das Beispiel für sexuellen Missbrauch in der Kirche. Er schildert die sexualisierte Gewalt, die er als Junge in einer Jesuiten-Schule erdulden musste.

Das Thema ist virulent, seitdem der Missbrauchsskandal an dem von Jesuiten geführten Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurde. Mehr als hundert Opfer haben sich bisher gemeldet, sie kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat sich am Montag vor laufenden Kameras bei ihnen entschuldigt.

Die Fronten werden schnell klar

Dass die katholische Kirche sexualisierte Gewalt nicht ausreichend thematisiert, zu wenig für die Opfer tut, und offenbar zu wenig Präventionsarbeit leistet – all das soll Thema der Sendung „Hart aber fair“ sein. Doch die verkrusteten Strukturen scheinen schon in einer Talk-Sendung schwierig aufzubrechen zu sein.

Die Fronten zwischen den Gästen werden schnell klar, und sie bleiben bis zum Schluss. Weihbischof Hans-Jochen Jaschke („Dass wir jahrelang geschwiegen haben, das stimmt so nicht.“) und Vatikan-Korrespondent der „Bild“-Zeitung Andreas Englisch („Ich sage ‚Nein’ zum blinden Generalverdacht.“) auf der einen Seite. Der ehemalige Jesuitenschüler und Ex-Bundesfamilienminister Heiner Geißler und die ehemalige „Taz“-Chefredakteurin Bascha Mika auf der anderen Seite. Und am Rand: Norbert Denef.

Norbert Denef berichtet nicht nur über seine grausamen Erfahrungen in der Kindheit, sondern auch von dem Kampf, den er seitdem mit sich und der Kirche ausgefochten hat. Jahrelang litt er unter Depressionen, wurde seiner Familie gegenüber gewalttätig und unternahm einen Selbstmordversuch. Bis er sich mit Hilfe von Psychologen an die Öffentlichkeit wagte. Zunächst suchte er die Öffentlichkeit seiner Großfamilie, die ihn verstieß. Seine Frau und sein Kind hielten zu ihm. Dann suchte er den Kontakt zur Kirche.

Seine Anzeige blieb ohne Erfolg. Doch das zuständige Bistum bot ihm 25.000 Euro Entschädigung. Das Geld jedoch war an das Versprechen gekoppelt, nicht mit Dritten über die Vorfälle zu sprechen. Schweigegeld also.

Verletzender Faux-Pas

Ein heikler Punkt, über den Norbert Denef da berichtet. Schließlich werden die Forderungen zurzeit immer lauter, dass die Kirche offen redet, sich offen bekennt. Nicht sehr hilfreich ist es da, dass Frank Plasberg süffisant aus einer Mail des entsprechenden Bistums zitiert: Eine halbe Stunde vor der Sendung habe das Bistum bekannt, das Schweigegeld sei falsch gewesen und man habe aus dem Fehler gelernt – im gleichen Atemzug aber fragt der Bistums-Vertreter, ob Norbert Denef Profit aus dem sexuellen Missbrauch ziehen wolle. Ein Raunen geht durchs Publikum. Denef entgleiten die Gesichtszüge. „Man lässt geschehen, man spürt nichts mehr. Das bleibt ein Leben lang“, hatte er zuvor noch den Missbrauch geschildert. Jetzt fordert er lautstark den Rücktritt des Bischofs, der die Mail verfasst hat.

Gar nicht hilfreich, da Plasberg im Laufe der Sendung korrigieren muss: Die Frage kam nicht vom Bistum, es war die Frage eines Zuschauers. Ein unnötiger und verletzender Faux-Pas.

Während Norbert Denef, wenn er erzählt, ins Stocken gerät und seine Augen hinter der feinen Brille blinzeln, gibt sich Weihbischof Jaschke wie in einer Diskussion über höhere Steuergelder. Wenn er die Position der katholischen Kirche vertritt, sitzt jede Handbewegung. Auch das breite Lächeln bleibt. „Manchmal wollen die Opfer gar nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird“, sagt er. Und ob denn wirklich in jedem Fall eine Anzeige nötig wäre. „Bei jedem Verdacht?“, fragt er, zieht die Augenbraue hoch und lächelt.

Die Kirche bleibt hart

Dann dreht sich die Diskussion ums Zölibat. Nur wenig Auflockerung bringen die Einspieler mit praktischen Tipps gegen den Sexualtrieb aus den 50er Jahren. „Man darf auch lachen“, sagt Frank Plasberg. Und das Publikum lacht. Auch als Heiner Geißler den aufbrausenden „Bild“-Korrespondenten Englisch bremst, der wild die Hände zum Himmel reckt und sagt: „Lassen sie den Priestern doch ihr Leben. Das sind Idealisten.“ Geißler tätschelt Englischs Schulter. Wieder Lachen.

„Entweder wir beenden hier das Thema Zölibat oder ich stehe auf und gehe“, ruft Norbert Denef dazwischen. „Das hat doch mit sexuellem Missbrauch nichts zu tun.“ Sein Kopf ist mittlerweile rot angelaufen. Eine gute Idee, doch Denef bleibt. Denn er will noch mehr sagen, will etwas bewegen. Und er bekommt seine Zeit für ein Plädoyer gegen Verjährung von sexuellem Missbrauch, zitiert Shakespeare und sagt dann: „Wir werden krank, wenn wir nicht wirklich etwas tun!“ Seine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof sei bereits eingereicht. Zum Weihbischof sagt er: „Wenn sie da zustimmen, dann können wir gemeinsam etwas bewirken.“

Dann hat Weihbischof Jaschke die Gelegenheit für Schlussworte. „Die Kirche bringt auch immer Gutes“, sagt er. In Norbert Denefs Augen sammeln sich Tränen.

 
 

EURE FAVORITEN