Türöffner zu einem neuen Leben

Foto: WR/Franz Luthe

Bochum. Mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität möchte der Verein Vita behinderten Menschen geben: mit Assistenzhunden. Bundesweit werden pro Jahr vier Retriever vermittelt. Einer von ihnen soll nun seine Aufgabe in Bochum erfüllen. Bekannte Musical-Künstler machen sich für das Projekt stark.

HINTERGRUND

Sie ist klein. Sehr klein. Gerade mal einen Meter misst Dominique Kogut mit ihren 27 Jahren. Und die Probleme, die ihr der Alltag bereitet, sind entsprechend groß. Mitunter sehr groß. Zumal die Bochumerin wegen ihrer Hüftprobleme inzwischen auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Doch seit einigen Tagen hat die kleinwüchsige Frau Hilfe. Jemanden, der ihr die schwere Haustür zuzieht. Jemanden, der für sie Lichtschalter und Fahrstuhlknöpfe bedient. Jemanden, der ihr Kleidungsstücke aus der Waschmaschine holt. Der sich sogar unermüdlich freut, wenn er ihr immer wieder helfen kann. Und nicht zuletzt auch jemanden, der Momente der Einsamkeit vertreibt und ihr Nähe schenkt. Auch, wenn es „nur” ein Hund ist. Aber ein ganz besonderer: Denn „Miss Sophie”, eine dreijährige Golden-Retriever-Hündin aus England, ist ein so genannter Vita-Hund, ein ausgebildeter Assistenzhund für Behinderte. Seit Samstag ist „Miss Sophie” auf Probe bei Dominique Kogut. Und die Bochumerin hat seitdem nur einen Wunsch: Dass sie für immer bei ihr bleiben darf. Doch dafür muss noch eine Hürde genommen werden: die finanzielle.

Rund 25.000 Euro kostet ein solcher Hund, wenn er das Ausbildungszentrum im Westerwald verlassen kann und einen neuen Besitzer bekommt. Oder besser: einen neuen Partner. Denn für Sozialpädagogin Tatjana Kreidler und Tierärztin Dr. Ariane Volpert, die Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins Vita, ist es das höchste Anliegen, für den jeweiligen Hund den perfekten Begleiter zu finden: Menschen, die körperlich behindert sind, und denen der Vierbeiner Hilfestellung im Alltag bieten kann. Nicht nur, wenn es darum geht, Türen zu öffnen oder Gegenstände aufzuheben. „Gerade bei Kindern bewirken die Hunde oft kleine Wunder”, weiß Tatjana Kreidler, die Vita vor zehn Jahren ins Lebebn rief. „Das Kind lernt, sich mit Freude um seinen Vita-Hund zu kümmern und entwickelt daraus Verantwortungsgefühl, Selbstvertrauen und soziales Verhalten. Damit werden Türen geöffnet zu sozialer Anerkennung, gesellschaftlicher Integration und Wiedereingliederung.”

25 Hunde - ausschließlich Labrador und Golden Retriever - hat Tatjana Kreidler inzwischen bundesweit vermittelt. Pro Jahr sind es drei bis vier. Und das Interesse ist groß. Derzeit stehen über 70 Bewerber auf der Warteliste. Doch die Ausbildungskosten von 25.000 Euro kann wohl kaum einer von ihnen aufbringen. Deshalb finanziert sich der Verein ausschließlich über Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren. Um ihrem Traum von einem Assistenzhund ein Stück näher zu kommen, hat sich auch Dominique Kogut auf die Suche nach Unterstützern gemacht. Ihre Idee: Im Pfarrhaus um die Ecke wollte die Bochumerin, die selbst im Gospel-Projekt Ruhr singt, ein Konzert organisieren. „Ich dachte, wenn 200 Leute kommen, hätte ich vielleicht schon 1000 Euro für den Hund zusammen”, sagt sie. „Deshalb wollte ich Künstler suchen, diekostenlos an diesem Abend auftreten.” Und weil sie seit Ewigkeiten Fan des Starlight-Express ist, schrieb sie gleich jenen Darsteller an, der ihr immer besonders sympathisch war: den amerikanischen Musicalstar Bernie Blanks, der schon 1988 die Hauptrolle des „Rusty” spielte. Und ab da beginnt die Geschichte einer neuen Freundschaft und ganz viel Hilfsbereitschaft...

„Ich war gerade in New York, als ich die Mail las”, erinnert sich der Schauspieler, Sänger, Komponist und Regisseur. „Und ich dachte sofort, da muss man etwas machen.” Vielleicht, weil er selbst einen Bruder hat, der nach einem Sportunfall querschnittgelähmt ist. Und ganz bestimmt, seit er gesehen hat, was die Assistenzhunde leisten können. Denn Bernie Blanks telefonierte nicht nur immer wieder mit Dominique Kogut, sondern besuchte mit ihr zusammen das Ausbildungszentrum in Himmerich, um sich über das Kreidler-Projekt zu informieren. „Das war so faszinierend”, schildert er begeistert und gerührt. „Diese Hunde können das Leben der betroffenen Menschen komplett verändern. Nicht nur, weil sie etwas aufheben und Türen öffnen können, sondern weil sie seelisch so viel bewirken.” Deshalb war eines für ihn klar: „Diese Hunde sind mit recht so teuer. Domi muss geholfen werden.” Mit einem kleinen Konzert im Pfarrhaus wollte er sich nicht abgeben, im Gegenteilt: „Wenn, dann richtig!” lautete sein Ziel. Und so trommelte er viele bekannte Freunde aus der Branche zusammen: Unter dem Motto „Dont' stop believin'” treten bei einer großen Benefizgala am Samstag, 28. August, im RuhrCongress Bochum nun internationale Musicalstars auf. „Für Domi und Miss Sophie”.

Dass die Eintrittsgelder im wahrsten Sinne des Wortes für einen guten Zweck bestimmt sind, das sieht und spürt jeder, der einmal die Chance hatte, die beiden kennenzulernen. Wie sie schon aufeinander aufeinander eingespielt sind. Wieviel Freude sie aneinaner haben. Und wie sie sich gegenseitig brauchen. Kein Zufall - sondern das Ergebnis einer monatelangen gemeinsamen Ausbildung und Zuneigung. „Die Chemie muss stimmen. Es ist wichtig, dass sich die beiden mögen, dass sie sich riechen können. Dass sie eine Bindung und Beziehung aufbauen”, sagt Tatjana Kreidler. „Denn dann geht es um kein Gehorsam mehr, sondern um ein Miteinander leben.”

Es sind erst wenige Tage, die Dominique bislang mit ihrer „Miss Sophie” in Bochum verbringen konnte, aber sie haben bereits Spuren hinterlassen. Vor allem im Gesicht der 27-jährigen. Einem hübschen Gesicht, das nun vor allem eins macht: Es strahlt. Wenn die Mediengestalterin erzählt, wie sie „Miss Sophie” kennengelernt hat. Und wie es war, als sie das erste Mal bei der Ausbildung eine eigene Leine überreicht bekam. „Für viele ist das vielleicht nur ein Stück Schnur”, sagt sie, „für mich war das unglaublich.”

Weil sie einfach nicht fassen konnte, dass ihrer Traum offenbar Wirklichkeit wird: Seit Jahren hatte sie die Messe REHA-Care besucht und immer wieder begeistert die Vita-Hunde beobachtet. Doch den Mut, einen Bewerbungsbogen auszufüllen, hatte sie nie. Erst, als Mitarbeiter des Vereins sie am Stand ansprachen und eine Freundin ihr Mut machte, fasste sie sich ein Herz und bewarb sich. Ein intensives Auswahlverfahren folgte, ein Zeit, in der es auch Tiefs gab, in der sie dachte, sie würde es nicht schaffen. Weil der Hund noch nicht genug auf sie eingestellt war, weil er noch seiner Ausbilderin Tatjana mehr Aufmerksamkeit schenkte. Doch jetzt sind die beiden auf dem Weg, ein perfektes Team zu werden. Und auch voneinander zu lernen. „Domi ist schon viel selbstständiger geworden. Sie fängt an, für sich selbst zu denken und für den Hund mit”, sagt Tatjana Kreidler.

Und wie immer, wenn man nach drei Jahren einen eigenen Hund zurücklässt, versetzte es auch ihr an diesem Samstag einen Stich beim Abschied. Aber nur einen kleinen. Denn bei ihrer Arbeit überwiegt ein anderes Gefühl. Ein gutes: „Wenn man sieht, wie solche Teams zusammenwachsen und man weiß: Es geht nicht besser.”

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