Timm (Linke): "Gymnasien abschaffen"

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Lünen. Joachim-Christian Timm kandidiert für Die Linke im Wahlkreis Lünen/Selm/Werne. Seit 1991 wohnt der 63-Jährige in Lünen und ist Lehrer an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Seine Fächer: Deutsch, Gesellschaftslehre und Geschichte. Im Interview spricht er über seine Ziele.

Bevor Joachim-Christian Timm 1991 als Lehrer nach Lünen zog, war er seit 1979 Gesamtschullehrer in Duisburg. Mit 13 Jahren war der gebürtige Mecklenburger 1960 in die Bundesrepublik geflüchtet. 2006 trat er der PDS bei und ist seit 2007 bei der Linken. Bis 2000 war er 25 Jahre lang Mitglied der SPD. Seine Schwerpunkte sind die Friedens- und Bildungspolitik.

Sie sind auch seit langem in der Friedensbewegung aktiv, was wollen Sie verändern?

Timm: Gerade die letzten tödlichen Ereignisse in Afghanistan haben es gezeigt: mit Krieg löst man überhaupt keine Probleme. Selbst mit ganz viel Geld wäre dieses Problem auch zivil kaum zu lösen. Mit Krieg ist es überhaupt nicht zu lösen. Ich wünsche mir einen Abzug der Bundeswehrsoldaten.

Die Rüstungspolitik würden Sie auch gerne ändern?

Timm: Es ist Wahnsinn, wir sind der drittgrößte Waffenproduzent der Welt. Zum einen müsste es strengere Exportauflagen für die Privatwirtschafter geben, zum anderen müsste der Staat den Haushalt für Rüstung drastisch runterfahren. Wir haben höhere Ausgaben im Haushalt, als zu Zeiten des Kalten Krieges. Dieses Geld könnte man viel besser in die Bildung stecken.

Wobei wir bei Ihrem zweiten Schwerpunktthema Bildung wären, wo drückt Ihnen politisch da der Schuh?

Timm: Dass es endlich mal eine richtige Gesamtschule gibt. Alleine die Tatsache, dass Gymnasien existieren, passt nicht in die Idee des gemeinsamen Lernens. Ich bin für die Abschaffung von Gymnasien, und dass es zukünftig nur noch Gesamtschulen als weiterführende Schulen gibt. Mein Beruf an einer Gesamtschule ist schon sozusagen ein Stück linkes Programm.

"Gute Schüler motivieren die Mitschüler"

Was wären die Vorteile einer einzigen, gemeinsamen Schulform?

Timm: Mehr Leistungsträger in der Gesamtschule würden auch die anderen Kinder motivieren. Es würde eine Integration stattfinden, Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch Kinder aller sozialer Schichten würden eingebunden. Was das soziale Lernen, das konfliktarme Miteinander angeht, würden alle Beteiligten viel lernen.

Viele Leute werden entgegnen, dass in einer unhomogenen Gruppe die besseren Schüler unterfordert würden.

Timm: Wir haben jetzt schon in der Schule verschiedene Differenzierungs- und Neigungskurse. Dazu gibt es sogenannte Profile bei uns. Natürlich ist das für die Lehrer aufwändig, aber die schlechteren Schüler können Aufgaben wiederholen, eine Gruppe von besseren Schülern kann eine neue Aufgabe machen, oder ein Referat vorbereiten. Es ist momentan der Trend zu beobachten, dass auch vermehrt Eltern aus den weniger bildungsarmen Schichten ihre Kinder an Gesamtschulen anmelden. Das kommt durch die Attraktivität der verschiedenen Profile und dadurch erhält der Abschluss auch einen höheren Wert.

Glauben Sie, dass Sie eine so große Reform überhaupt durchsetzen können?

Timm: Vorerst wohl leider nicht. Aber es ist ein Traum und ich habe Hoffnung, die ich nicht aufgebe. Das Ganze scheitert einfach an ideologischen Vorbehalten. Man könnte aber auch kleine Schritte machen. Zum Beispiel bei der Realschule und dem Gymnasium in Altlünen, die liegen beide so dicht beieinander – warum also keine Vermischung?

Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit sind Begriffe, die häufig bei der Linken fallen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Timm: Es geht um die Entlastung der unteren Schichten. Wir müssen in Deutschland die Sozialsätze erhöhen. Damit die Arbeit gerechter verteilt wird, soll die 30-Stunden-Woche als Be grenzung eingeführt werden – bei gleichem Verdienst.

"Banken und Firmen höher besteuern"

Wie soll das ganze Modell finanziert werden?

Timm: Mit Umverteilung: Die gut verdienenden Banken und Firmen müssten höher besteuert werden. Das wäre zum Beispiel Eon. Es müssten auch Unternehmen, die nicht ausbilden, noch viel stärker zur Kasse gebeten werden.

Sehen Sie angesichts der schlechten Haushaltslage noch Einsparmöglichkeiten bei der Stadt Lünen?

Timm: Da müsste ich jetzt länger Beüberlegen. Sicherlich könnte man durch das Stoppen zweier Prestigeobjekte Geld sparen. Das wäre der Bau des neuen Zentralbades, bei dem die Kosten überhaupt noch nicht abzusehen sind. Abgesehen davon würde das Riesenchaos für die Schulen ausfallen, das dadurch entstehen würde, da alle Schulen zusammen ein Bad benutzen müssten. Zum Anderen sollte man den Bau der Lippekaskaden sofort stoppen.

"Bund muss Geld besser umverteilen"

Sind Sie der Meinung, dass die Sparpotenziale der Kommunen im Allgemeinen erschöpft sind?

Timm: Viele soziale Lasten müssen die Gemeinden tragen. Hartz IV zum Beispiel, der Staat bringt nur einen geringen Anteil. Meiner Meinung nach könnte der Bund besser abschöpfen und umverteilen.

Hartz IV scheint bei allen Parteien ein Thema zu sein, wie sind da Ihre Ansichten und haben Sie Änderungsvorschläge?

Timm: Das Problem ist, dass die ARGE die Arbeitslosigkeit nur verwaltet. Ein sehr niedriges Arbeitslosengeld treibt die Menschen nicht in Jobs, weil es nahezu keine Arbeit gibt. Bei der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung hatte man sich gedacht, dass die Vermittlung nun effektiver wird. Das ist nicht geschehen, weil schlicht und einfach die Arbeitsplätze fehlen. Erst einmal müssten auch die Ein-Euro-Jobs abgeschafft werden. Es wäre auch wieder besser, Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung zu trennen. Ein großes Konjunkturprogramm kann die Wirtschaft aus der Krise bringen und neue Arbeitsplätze schaffen. Die dadurch gestiegenen Steuereinnahmen würden Geld für einen Anstieg des Arbeitslosengeldes und der Sozialhilfe bringen.

Koalition mit SPD und Grünen denkbar

Mit welchen Parteien könnten Sie sich Koalitionen vorstellen?

Timm: Sollte sich die SPD auf eine Kürzung des Rüstungshaushaltes einlassen, wäre sie ein möglicher Partner. Ein ehrlicher Kompromiss wäre dabei möglich. Einige Genossen bei der SPD haben auch aus der „Schröderei”, wie ich diese neoliberale Strömung und Phase in der SPD nenne, gelernt. Dieser Phase haben wir Hartz IV zu verdanken, außerdem ist die SPD damals sehr scharf außenpolitisch aufgetreten. Eine Koalition mit den Grünen könnte ich mir ebenfalls gut vorstellen.

Einer Ihrer ersten offiziellen Auftritte als Landtagskandidat war bei der Befragung aller Landtagskandidaten der Altlüner Gymnasiasten. Wie fanden sie es?

Timm: Ich war positiv überrascht, wie gut die Schüler vorbereitet waren. Wie die Schüler bin ich gegen die Studiengebühren. Denn da wären wir wieder beim Thema Chancengleichheit, die ist momentan nicht gegeben, das ganze System mit den Studiengebühren ist extrem unsozial.