Task Force soll Essener Problemstadtteil retten

Ein Aktionsbündnis aus Polizisten, Sozialarbeitern, Jugendgerichtshelfern und Behörden-Experten kämpft um den Essener Stadtteil Altenessen. Die Task Force wurde eingerichtet, als es nach einem Überfall krimineller Jugendlicher auf einen Rollstuhlfahrer im Kaiserpark und anderen Vorfällen hieß: Rechtsfreier Raum!

Essen. Wie er so da sitzt, sieht er aus wie ein netter Junge. 16 Jahre ist er, sein Gesicht durchaus hübsch und offen. Doch Achmed Hassan, wie er genannt werden möchte, war kurz davor, ein jugendlicher Intensivtäter zu werden. Hier, unter den alten Bäumen im Essener Kaiserpark, beging er seine erste Tat. Mit drei anderen beraubte er einen Rollstuhlfahrer. Sie traktierten ihn, spielten bedrohlich mit dem Schalthebel, dass der Mann fürchtete, den Hügel hinunter zu stürzen. Der Fall empörte, lenkte den Blick auf den Stadtteil Altenessen, auf dessen Jugendkriminalität. Nicht zum ersten Mal. Bald hieß es: „rechtsfreier Raum!“.

Der unsichere Stadtteil

Altenessen, im Norden der Stadt gelegen. Ein Arbeiterstadtteil wie es einige im Ruhrgebiet gibt. In dem viele ärmere Menschen leben, die Mieten günstig sind und Migranten noch Unterkunft finden. Auch viele libanesische Flüchtlinge zog es seit den 80er-Jahren hier hin. Die Kinder Essens, sie werden vor allem in Stadtteilen wie Altenessen geboren, und ihre Perspektivlosigkeit treibt die Kriminalitätsrate in die Höhe. Als das Unsicherheitsgefühl der Bewohner auf einen Tiefpunkt sackte, als sie begannen, gewisse Orte zu meiden, gründete die Stadt eine Task Force, eine schnelle Einsatztruppe aus Polizisten, Sozialarbeitern, Jugendgerichtshelfern, Experten aus Behörden. Sie nennen sich „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ (AsA).

Schon früh an diesem Morgen klingelt im Büro von Thomas Rüth das Telefon. Eine Lehrerin der Parkschule sorgt sich um zwei Jungen, die aus dem Unterricht verschwunden sind. Nun trieben die sich wohl in der Gegend herum, einer von ihnen sei der Polizei schon aufgefallen, weil er kürzlich Ziegel von einem Dach geworfen habe. „Im Idealfall steht jetzt gleich ein Polizist bei denen zu Hause und informiert die Eltern“, erklärt Thomas Rüth (49), der Chef des Jugendhilfe-Netzwerks der Arbeiterwohlfahrt, und greift zum Hörer, um die im Bündnis mitarbeitenden Polizisten zu informieren.

Schnell reagieren und die Jungs im Blick haben

„Fälle wie dieser sind unser Alltag“, sagt Rüth, „und genau darum geht es: Den Jungs zeigen, dass wir schnell reagieren, dass wir sie im Blick haben“. Der AWo-Mann ist Profi, ein Sozialarbeiter für ganz schwierige Fälle sozusagen. Bereits in den 90er-Jahren hatte er es im ebenfalls im Norden gelegenen Katernberg mit ähnlich hoher Jugendkriminalität zu tun, begründete jene vernetzte Arbeitsweise, die inzwischen „Essener Modell“ genannt wird. So erfolgreich, dass man bei ihm Hilfe suchte, als in Paris die Vororte brannten, dass es Kontakte gibt nach England, Polen und Berlin-Neukölln.

Die Jugendkriminalität in Altenessen, sie liegt so hoch wie in keinem anderen Stadtteil Essens. Diebstahl, Raub, Körperverletzung. Und auch die Zahl der Intensivtäter ist hier besonders groß. Jugendliche unter 21 Jahren sind das, die mehr als fünf Straftaten pro Jahr begangen haben. 20 von ihnen bereiten den Leuten der AsA große Sorgen, werden intensiv betreut.

Es ist inzwischen Nachmittag geworden. Der altehrwürdige Kaiserpark spreizt sich in der Herbstsonne, als gäbe es hier nichts als Idylle. Georg Surmann, ein gestandener Kriminalhauptkommissar, hat gerade Achmed Hassan aus seiner Obhut entlassen. Ein Jahr lang hatte er ihn als Intensivtäter unter seinen Fittichen. Ein- ,zweimal die Woche traf er ihn. Unangemeldet, verabredet, bei ihm zu Hause, auf der Wache, wo auch immer. Er redete mit ihm über seine Taten, über die Ängste des Rollstuhlfahrers, den er gequält hatte, darüber, dass der sich lange nicht mehr in den Kaiserpark traute.

Es fehlen die Vorbilder

Vier Wochen Dauerarrest und 150 Sozialstunden erhielt der knapp 16-Jährige als Strafe für zwei Raubüberfälle. „Ich weiß, dass ich Mist gemacht habe. Es waren Ferien, Ramadan, wir haben gefastet, wussten nicht, was wir tun sollten“, erklärt Achmed Hassan. Surmann ließ ihn seine Lebensziele aufschreiben, diskutierte mit ihm über Schule und Ausbildung. „Ich entlasse ihn heute als einen Kumpel“, sagt Surmann. „Er ist gereift, er will einen Schulabschluss machen. Ich vertraue ihm“.

Männliche Vorbilder wie Surmann fehlen den libanesischen Jungen. Ihre Väter sind meist arbeitslos, häusliche Gewalt bestimmt den Alltag. Und einen Ausbildungsplatz finden nur wenige von ihnen, schon allein weil sie als häufig nur geduldete Flüchtlinge nicht einmal einen Führerschein machen können.

Gegenüber, auf dem Sportplatz im Kaiserpark, trainiert der AsA-Sportbeauftragte Thomas Klöß mit einer Handvoll Jungen Basketball. Zwei Meter groß ist er, ein Typ, der es rein optisch mit Dirk Nowitzky aufnehmen könnte. „Ich versuche, ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln. Woher soll das bei ihnen auch kommen? Die meisten gehen zur Haupt- oder Förderschule, nur wenige schaffen einen Abschluss“.

Das weiß auch Hassan Semmo, der Jugendbeauftragte der libanesischen Familienunion. Der 31-jährige, der als Kleinkind nach Deutschland kam, hilft seinen Landsleuten sich im deutschen Schulsystem zurecht zu finden. Er ist ein Vermittler, auch für das Aktionsbündnis. „An warmen Sommertagen sind in Altenessen 150 Kiddies auf der Straße, Libanesen, auch Türken und Deutsche, die nicht wissen, was sie tun sollen. Die aus Lust und Laune eine Schlägerei beginnen“, sagt Semmo. Oft ahnten die Eltern gar nicht, was ihre Kinder anstellen.

Verfall, düstere Ecken

Bei einer Bürgerbefragung, mit der das Aktionsbündnis seine Arbeit startete, erklärten 47,9 Prozent der interviewten Altenessener, sie beurteilten die Sicherheitssituation in ihrem Stadtteil negativ. „Die machen, was sie wollen!“, heißt es über die Jugendlichen, vor allem über die libanesischen.

„Altenessen ist kein rechtsfreier Raum“, sagt dagegen Thomas Rüth. Der AWo-Mann ist überzeugt, dass die Menschen inzwischen spüren, dass etwas passiert. Ziel sei es, die Jugendkriminalität zu senken, so wie in Katernberg in den 90ern. Aber er weiß auch, dass es dazu mehr bedarf als einer Task Force. Der Stadtteil muss erneuert werden, auch baulich. Und noch während Rüth sich am Bahnhof Altenessen umsieht, während er erklärt, warum diese Szenerie aus Verfall und düsteren Ecken bei vielen Menschen diffuse Unsicherheitsgefühle auslöst, läuft in seinem Handy eine SMS ein. „Die beiden Jungs von der Parkschule sind wieder aufgetaucht!“

 
 

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