Tanzen bis der Doktor kommt

Essen. Wer sich beim Überschlag rückwärts auf den Kopf statt auf die Arme fallen lässt, der muss entweder verrückt oder ein echter Breakdancer sein. Oder beides. Sehen Sie in unseren Videos die Höhepunkte des diesjährigen Ruhrpott Battles in Herne und entscheiden Sie selbst.

In den mit rund 600 Besuchern ausverkauften Flottmann-Hallen steht Ardit im Scheinwerferlicht. Oder genauer: Er steht Kopf. Mit den Händen und dem Kopf auf dem Boden beginnt er sich zu Hip Hop-Klängen um die eigene Achse zu drehen. Immer schneller. Bis er die Drehgeschwindigkeit erreicht hat, die es ihm ermöglicht, die Arme vom Boden zu lösen. Die Menge jubelt vor Begeisterung, die dreiköpfige Jury nickt anerkennend den Kopf. Ardit hat mit einem perfekten Headspin, so nennt man in der Hip Hop-Sprache eine Drehung auf dem Kopf, eine Kostprobe seines weltklassereifen Könnens abgegeben.

Mit „Powermoves“ wie diesem haben Ardit und seine TNT-Crew bereits zahlreiche Erfolge feiern können. Auch beim B-Boy-Battle „Vier gegen Vier“ in Herne griff die Tanzformation aus Oberhausen nach dem Titel, wurde auf dem Weg dahin erst im Finale von der italienischen Crew „Fluido Klan“ gestoppt.

Auf die Frage nach der Bedeutung von Breakdance für ihn antwortet Ardit, der 1999 seine Karriere als B-Boy begonnen hat: „Breakdance bedeutet für mich Glück. Mit diesem Tanzstil kann ich mich entfalten, meine Individualität ausdrücken.“ Albi, sein Partner in der TNT-Crew, sieht es ähnlich. Für den Nord- und Westdeutschen Meister von 2003 ist der akrobatische Tanz ebenso Ausdrucksmittel wie Ventil: „Wenn es mir schlecht geht, tanze ich“.

Neben Individualität ist Respekt nach Ardit ein Schlüsselbegriff im Selbstverständnis eines B-Boys. Um dies zu verstehen, sollte man folgendes wissen: Breakdance ist als Alternative zu den Territorialkämpfen zwischen New Yorker Streetgangs in den frühen Siebzigern entstanden. Mit dem Ergebnis, dass es ohne die Achtung vor den Leistungen des anderen keine friedlichen „Battles“ wie in Herne gibt und ohne Battles kein Breakdance.

Provokationen als Show-Elemente

In der Tat: Von den üblicherweise mit Hip Hop assozierten Platzhirschstreitigkeiten war im Herner Battle ebenso wenig zu spüren wie von den sexistischen Selbstinszenierungen, wie man sie aus einschlägigen Videos kennt. Provozierende oder abwertende Gesten in Richtung der Kontrahenten beschränkten sich – als Teil der Show - ausschließlich auf die Tanzfläche. Eine Tatsache, die vor allem Außenstehende wie den Berichterstatter ins Staunen versetzte. Zumal wenn auf Gesten aggressiver Art wie die des Halsabschneidens postwendend Respektbezeugungen folgten.

Dass Breakdance-Battles so friedlich ablaufen, hängt sicherlich auch mit der Professionalität der beteiligten Tänzer ab. Um ein tänzerisches Niveau zu erreichen wie in Herne, braucht es Disziplin. Ardit zum Beispiel trainiert die oft halsbrecherischen Bewegungen des B-Boying täglich eins bis zwei Stunden. Zeit, sich zu prügeln oder Drogen zu nehmen, bleibt da nicht.

Zum Roboter werden

Weniger kraftbetont, aber nicht minder faszinierend war der Ruhrpott-Battle in der Breakdance-Sparte Popping, den Robozee im Finale gegen Prince Mio für sich entschied. Bei dieser Tanzform führt der Tänzer durch An- und Entspannen seiner Muskeln „mechanische“ Bewegungen (ähnlich einem Roboter) aus. Sein Reiz besteht für den Berliner Christian Loclair alias Prince Mio darin, „unreal, wie ein Monster“ zu erscheinen, „einen eigenen Film zu fahren“. Robozee, der im bürgerlichen Leben Christian Zacharas heißt, ergänzt: „Es ist wie Pantomime. Nur mit dem Unterschied, dass beim Popping der Tanz im Vordergrund steht.“

Battle hin, Battle her – für die beiden Popping-Tänzer geht es bei solch einer Veranstaltung wie in Herne nicht nur um das sportliche Wetteifern um die Gunst der Jury und Besucher. Genauso wichtig ist für sie neben der „Möglichkeit, sich mit anderen Tänzern auszutauschen“ (Prince Mio) der „siegende Fun-Aspekt“ (Robozee). Fürwahr: Spaß hatten - wie unsere Videos beweisen - an diesem Abend alle: Besucher wie Tänzer. Und entsprechend überzeugend fiel die Antwort von Prince Mio auf die Frage aus, ob man ihn auch nächstes Jahr beim Ruhrpott-Battle sehen werde: „Klar, bin ich dabei. Ich komme jedes Jahr nach Herne!“

 
 

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