Tänzer-Tod von unten betrachtet

Diethelm Textoris
Friedrich Dönhoff las im Orchestergraben des Hilpert-Theaters.
Friedrich Dönhoff las im Orchestergraben des Hilpert-Theaters.
Foto: Diethelm Textoris

Lünen. Die blutige Spur vom „Mord am Hellwig“ führte am Dienstagabend direkt ins Heinz-Hilpert-Theater.

Rote Pfeile zeigten dem Publikum den Weg in die Katakomben. Es spricht für den Einfallsreichtum der Veranstalter, auch diesmal wieder einen außergewöhnlichen Ort gefunden zu haben. Denn in welcher Umgebung hätte der Krimi „Der Englische Tänzer“, der von einem Mord im Musical-Theater handelt, besser präsentiert werden können als im Orchestergraben unterhalb der Bühne?

Etwa 50 Zuschauer sitzen vor dem mit Kerzen geschmückten und nur mit einer Leselampe beleuchteten Pult. Im Hintergrund zwei blutrote Plakate mit einem blutverschmierten Messer. Beim Blick nach oben lassen blaue Scheinwerfer den steil empor ragenden eisernen Vorhang erkennen, der den Eindruck vermittelt, man säße eingeklemmt am Fuß einer engen Schlucht. Aus den Kulissen erklingt das Saxofonsolo von David Zernack: „Les feuilles mortes“.

Vogelperspektive über Hamburg

„Sie waren sicher noch nie im Orchestergraben“, meint Autor Friedrich Dönhoff, „ich muss gestehen, ich wusste bis heute nicht, dass es so etwas überhaupt gibt.“ Danach erklärt er, wie er nach dem Verfassen von Biografien (u.a. über seine Großtante Marion Gräfin Dönhoff, der legendären Publizistin und Herausgeberin der „Zeit“) zum Krimischreiben gekommen ist: „Eigentlich wollte ich das schon immer, aber ich wusste nie, wie ich anfangen sollte.“

Für den „Englischen Tänzer“ hat er einen nahezu genialen Einstieg gewählt. Er lässt die Leser zusammen mit dem Kommissar Sebastian Fink und dessen „Familie“ einen Blick vom „Michel“ auf Hamburg werfen, auf St. Pauli und die Reeperbahn, auf das Hotel Atlantik, die Spitze des Rathauses und die silbergraue Elbe. Danach wechselt er zur Vogelsperspektive. Das Publikum sieht mit Augen eines Bussards die Bewohner als winzige Punkte, schaut bis zur Nordsee und erkennt dort eine Wolkendecke, die sich „wie ein riesiges Plumeau“ über die Stadt legen wird.

Besser kann man nicht verdeutlichen, dass die Hansestadt nicht nur Kulisse für die Krimihandlung ist, sondern eng mit ihr verwoben ist. Dann fällt noch die für einen Krimi ungewöhnliche Sprache auf: bildhafte Anschaulichkeit, nahezu poetische Beschreibungen, ungewöhnliche Wortwahl. Wer glaubt, hierdurch wird die für einen Krimi notwendige Spannung verwässert, der irrt, sie wird gesteigert, auch durch die Aneinanderreihung von Halbsätzen, die im Kopf der Zuhörer die Handlung wie einen mit engen Schnitten ablaufenden Film erscheinen lassen.

Persönliche Widmung vom sympathischen Autor

Im Mittelpunkt steht der inzwischen zum Serienheld gewordene Kommissar Sebastian Fink. Er muss die mysteriöse Geschichte einer männlichen Leiche lösen, die zuerst unter der Kuppel des „Hans-Albers-Theaters“ hängt, kurz darauf aber verschwunden ist, sodass die Musical-Premiere von „Tainted Love“ ohne Störung ablaufen kann. Dann taucht sie als Wasserleiche im 25 km entfernten Blankenese wieder auf und gibt noch in der Pathologie dem Gerichtsmediziner und auch dem Kommissar einige Rätsel auf.

Im Perspektivenwechsel stellt der Autor immer wieder auch die Sichtweise der von der Verkäuferin zur erfolgreichen Produzentin aufgestiegenen Linda Barrick dar. Wenn Dönhoff bei seiner Lesung Kapitel überspringt, dann erläutert er dem Publikum mit wenigen Worten, was zwischenzeitlich geschehen ist. Eingerahmt sind seine Lesesequenzen immer wieder von gekonnten Soloeinlagen aus Zernacks Saxofon. An einer besonders spannenden Stelle beendet Dönhoff seine Lesung. „Ich hätte auch mit der Beschreibung einer Hamburger Idylle enden können, aber dann würden Sie vielleicht einen Reiseführer und nicht diesen Krimi kaufen.“

Viele Zuschauer sind auf den Geschmack gekommen und kaufen ihn bereits im Theaterfoyer. Jeder erhält eine persönliche Widmung und ein paar nette Worte dieses sehr sympathischen Autors.