Stiftungen stecken Millionen ins Ruhrgebiet

Ulf Meinke
Der Neubau des Essener Folkwang-Museums wurde maßgeblich durch die Krupp-Stiftung finanziert.                Foto: Oliver Müller
Der Neubau des Essener Folkwang-Museums wurde maßgeblich durch die Krupp-Stiftung finanziert. Foto: Oliver Müller
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Essen. Krupp, Mercator und Co – große Stiftungen prägen das Ruhrgebiet. Für ihre Projekte stehen Millionen-Etats zur Verfügung. Doch was hinter den Stiftungen steckt, bleibt vielen oftmals rätselhaft.

Als Berthold Beitz vor gut einem Jahr erstmals das neue Folkwang-Museum in Essen besichtigte, war erkennbar, wie die Krupp-Stiftung das Ruhrgebiet prägt. 55 Millionen Euro hatte die Stiftung beigesteuert, um den Neubau zu ermöglichen – als „Geschenk der Stiftung an die Essener Bürger“, wie Beitz sagte. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ist das Vermächtnis des letzten persönlichen Inhabers der Firma Krupp. Seit Gründung der Stiftung im Jahr 1967 steht der mittlerweile 97-jährige Beitz an ihrer Spitze.

Trotz der Präsenz von Institutionen wie Krupp bleibt allerdings vielen Menschen rätselhaft, was hinter Stiftungen steckt. Jeder zweite Bürger könne sich unter ihnen „nichts vorstellen“, sagt Hans Fleisch, der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Dabei sind viele Stiftungen aus dem Ruhrgebiet intensiv damit befasst, den Strukturwandel in der Region zu gestalten. Sie fördern – ausgestattet zum Teil mit millionenschweren Etats – kulturelle, soziale oder wissenschaftliche Projekte. Oft sind es erfolgreiche Unternehmer, die ihr Vermögen in Form von Bargeld oder Firmenbeteiligungen in Stiftungen eingebracht haben.

Essener Mercator-Stiftung expandiert

Unter den großen Stiftungen des Reviers zeigt sich derzeit die Essener Mercator-Stiftung besonders aktiv. Sie ist unterfüttert mit finanziellen Mitteln der Familie Schmidt-Ruthenbeck, die zu den Großaktionären des Düsseldorfer Handelskonzerns Metro gehört. Im vergangenen Jahr bewilligte die Stiftung Mercator nach eigenen Angaben 80 neue Projekte mit einem Volumen von 33,8 Millionen Euro. Im laufenden Jahr erhöhe sich das Fördervolumen um 50 Prozent auf rund 50 Millionen Euro.

„Unser Anspruch ist, mehr als eine regional begrenzte Stiftung zu sein. Aber das Ruhrgebiet ist unser Laboratorium, wenn es um Themen wie Klimawandel, Migration und Bildung geht“, sagt Rüdiger Frohn, der Vorsitzende des Stiftungsbeirats. In den nächsten zehn Jahren will die Stiftung Mercator jeweils mehr als 20 Prozent ihres Jahresbudgets ins Revier investieren.

Ohnehin zählt das Ruhrgebiet zu den Schaltzentralen im Stiftungsnetzwerk der Republik. In Essen hat das Deutsche Stiftungszentrum (DSZ) seinen Sitz. Die Institution kümmert sich um Vermögensverwaltung, Buchhaltung und Initiativen von rund 470 Stiftungen, die eine Fördersumme von insgesamt 110 Millionen Euro pro Jahr ausschütten. „Wir sind gut durch die Wirtschaftskrise gekommen“, berichtet DSZ-Sprecherin Nicole Germeroth. So sei das angelegte Vermögen der Stiftungen im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent auf etwa 2,5 Milliarden Euro gestiegen.

Industrielle als Stifter

Der Staat fördert gemeinnütziges Engagement, indem er Stifter steuerlich entlastet. „Die Stiftung ist aber kein Steuersparmodell“, betont Hans Fleisch. Der Summe, die ein Stifter für gemeinnützige Zwecke einsetzen müsse, sei immer höher, als die steuerliche Entlastung.

Bundesweit gibt es mittlerweile mehr als 17.400 Stiftungen, rund 3300 davon befinden sich in Nordrhein-Westfalen. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Neugründungen. Allein in NRW kamen im vergangenen Jahr rund 190 Stiftungen hinzu. Schätzungen zufolge sind bundesweit rund 35.000 bis 40.000 Menschen unmittelbar in Stiftungen tätig. Hinzu kommen deutlich mehr als 100.000 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Unter den Stiftern im Ruhrgebiet finden sich viele Industrielle und ihre Familien. So ist die Alfred und Cläre Pott-Stiftung benannt nach dem Ruhrgas-Gründungsvorstand und seiner Ehefrau. Cläre Pott verfügte testamentarisch, das gemeinsame Vermögen nach ihrem Tod für gemeinnützige Zwecke wie zum Beispiel Studienstipendien einzusetzen.

Sind die Vermögenswerte der Maßstab, erreichen die nordrhein-westfälischen Institutionen Krupp und Bertelsmann den achten beziehungsweise 13. Platz auf der Rangliste der größten deutschen Stiftungen. Gestaffelt nach den Ausgaben steht die Bertelsmann Stiftung derzeit auf Platz vier, die Stiftung Mercator befindet sich auf Platz 10, die Krupp-Stiftung auf Platz 16. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen aktualisiert die Rangliste regelmäßig.

Konzern-Dividende für gemeinnützige Projekte

Eine Besonderheit der Krupp-Stiftung ist, dass sie sich über die Dividendenzahlungen des Essener Konzerns Thyssen-Krupp finanziert. Mit seinem Tod im Jahr 1967 ging das gesamte Vermögen des Industriellen Alfried Krupp auf die von ihm errichtete Stiftung über. Testamentarisch hatte er festgelegt, sein Unternehmen „über eine Stiftung, die Ausdruck der dem Gemeinwohl verpflichteten Tradition des Hauses Krupp sein soll, in eine Kapitalgesellschaft umzuwandeln“. Derzeit hält die Stiftung 25,3 Prozent der Aktien des Essener Stahl- und Technologiekonzerns. Je höher die jährliche Dividende ausfällt, desto mehr Mittel stehen der Stiftung für gemeinnützige Zwecke wie Stipendien, wissenschaftliche Förderpreise oder Professuren zur Verfügung. Die Villa Hügel in Essen ist Sitz und Eigentum der Stiftung, der auch das örtliche Krupp-Krankenhaus gehört.

Das Kuratorium der Krupp-Stiftung ist prominent besetzt. Neben Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der als Stellvertreter von Beitz fungiert, gehören auch Vorstandschef Ekkehard Schulz und der ehemalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) zu den Mitgliedern. Regelmäßig waren die nordrhein-westfälischen Regierungschefs Mitglieder des feinen Zirkels. Einen Automatismus, dass sich mit einer neuen Landesregierung auch die Besetzung des Krupp-Stiftungskuratoriums ändert, gibt es indes nicht.

Noch Potenzial für mehr Stiftungen in NRW

Zahlreiche jüngere Stiftungen greifen gesellschaftliche Themen wie Umweltschutz, Frauenrechte oder den demografischen Wandel auf. In Dortmund gibt es beispielsweise eine Stiftung namens „Aufmüpfige Frauen“ und in Düsseldorf den Zusammenschluss „Dialog der Generationen“.

Statistisch gesehen kommen auf rund 100.000 Einwohner in NRW 19 Stiftungen, im bundesweiten Durchschnitt sind es 21. Die höchste Stiftungsdichte gibt es nach Angaben des Bundesverbands in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen mit 66 beziehungsweise 45 Einrichtungen pro 100.000 Einwohner. Stiftungsexperte Fleisch erklärt dies mit der ausgeprägten bürgerschaftlichen Tradition in den Hansestädten. „Es gibt also in NRW noch viel Potenzial“, sagt Hans Fleisch.