Steinbrecher will Bürger-Talkshows

Foto: Knut Vahlensieck - Interview mit Prof. Dr. Michael Steinbrecher in seinem Büro an der TU Dortmund.
Foto: Knut Vahlensieck - Interview mit Prof. Dr. Michael Steinbrecher in seinem Büro an der TU Dortmund.
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck
Bekannt ist er als Moderator des „Aktuellen Sportstudios“. Weniger bekannt ist, dass Michael Steinbrecher Journalistik-Professor in Dortmund ist. Im Interview verlangt er: Talkshows sollen Bürger ernster nehmen.

Dortmund.. Michael Steinbrecher ist am Donnerstag und am Freitag Referent bei den Marler Tagen der Medienkultur im Grimme-Institut. Er fordert mehr Schwarmintelligenz. Was er damit meint, verrät der 46-Jährige im Interview mit Jürgen Overkott.

Kennen Sie den Journalisten-Film schlechthin?

Michael Steinbrecher: „Watergate“.

Nein. „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“.

Michael Steinbrecher: Warum?

In dem Film fällt auf der Suche nach der Wahrheit der Satz: „Wenn du einen Mann zum Reden bringen willst, mach es ihm bequem.“ Ist das Ihre Devise?

Michael Steinbrecher: In der Tat spielt die Umgebung, das Setting, eine große Rolle für ein Interview. Journalisten sollten es so wählen, wie es zum Inhalt ihres Gesprächs passt. Wenn es um ein kontroverses Gespräch geht, würde ich niemanden neben mich auf eine Couch setzen, so dass der Gesprächspartner dem Blick ausweichen kann. Besser wäre da eine Sitzordnung, wo Blickkontakt unvermeidlich ist. Wenn man aber mit einem Augenzeugen spricht, der beispielsweise eine Katastrophe wie die „Loveparade“ überlebt hat, wählt man eine andere Gesprächssituation. Es geht eine angemessene Atmosphäre.

Was ist denn effektiver: Abteilung Attacke oder ein freundlicher Ton?

Michael Steinbrecher: Es ist gut, wenn ein Journalist das ganze Repertoire beherrscht.

Sie haben in Dortmund Journalistik studiert. Wie hat die Praxis die Theorie korrigiert?

Michael Steinbrecher: Dieses Institut steht für die Intergration von Theorie und Praxis, von Anfang an. Zu dem Studiengang gehört ein Volontariat, und dieses Volontariat habe ich beim ZDF absolviert. Ich habe parallel zum Studium (die Talkshow) „Doppelpunkt“ moderiert. Und dann im Studium wiederum habe ich mich mit den Themen wissenschaftlich beschäftigt, die mich bei der Arbeit betroffen haben. In meiner Diplomarbeit ging es um Talkshows, die Konzepte, die Hintergründe. Das hat mir natürlich auch geholfen, meine eigene Arbeit zu überprüfen.

Dopplungen meiden, neue Elemente bringen

Kritiker aktueller Talkshows wollen ein Überangebot ausgemacht haben.

Michael Steinbrecher: Das war schon mal viel schlimmer. Es gab vor Jahren eine Flut von Talkshows am Nachmittag, die sich darin überboten haben, immer skurrilere Themen zu finden, bevor sie von Formaten der sogenannten Scripted Reality abgelöst wurden. Zu den aktuellen Talkshows ist zu sagen: Sie finden ihre Zuschauer. Denken Sie an Lanz, der beim ZDF für die Zuschauer ein Begleiter für den späten Abend geworden ist. Die ARD setzt auf das Konzept der Alternativen, mit fast täglich wechselnden Talkshows. Da sie meistens politische Themen behandeln, besteht die Herausforderung darin, Doppelungen zu vermeiden und neue Elemente zu bringen.

Haben Sie welche entdeckt?

Michael Steinbrecher: Nicht so viele. Ich wünsche mir Sendungen, in denen Bürger zu Wort kommen. Ich wünsche mir, dass sie ernster genommen werden und wieder ihren Platz im Hauptabendprogramm finden.

…und nicht nur am Katzentisch am Vorzeigebetroffene.

Michael Steinbrecher: Es gab mal Sendung wie „Live aus dem Schlachthof“, „Live aus dem Alabama“ oder eben „Doppelpunkt“, in der auch Politiker saßen, aber denen nur zwei Fragen gestellt wurden. Heute ist es umgekehrt. Nehmen wir Stuttgart 21. Warum gab es keine Diskussionen, die hauptsächlich von Gegnern und Befürwortern getragen wurden – und nicht in erster Linie von Politikern?

Das könnten die Öffentlich-Rechtlichen in den Dritten ausprobieren, oder in digitalen Kanälen wie ZDFneo oder Eins Festival. Sie könnten, im positiven Sinne, auch Lernsender sein.

„nrwision“ eher ein Motorboot, wendig und schnell

Michael Steinbrecher: Apropos Lernsender. Wir haben einen Lernsender an der Uni, „nrwision“. Wir haben gegenüber den großer Sendern einen Vorteil: Wir sind wendiger. Ein ZDF-Intendant hat einmal formuliert, dass die öffentlich-rechtlichen Sender wie ein großer Tanker sind. Sie sollten sich bewegen. Aber wenn man zu schnell das Steuer herumreißt, kentern die Schiffe. „nrwision“ ist da eher wie ein Motorboot, schnell und wendig. Wir wollen nicht, dass unsere Formate aussehen wie bei jedem anderen Sender auch.

Ist der Lernsender eine Art „Wayne’s World“?

Michael Steinbrecher: Wir haben dort Comedy-Formate wie den „Bundesmoderator“, der in diese Kategorie fällt, wir haben aber auch sehr viele regionale Magazin-Sendungen, die sich um ihren Stadtteil kümmern, um ihre Stadt. Wir haben ein Magazin für Schwule und Lesben, ein Magazin, das bei großen Sendern nicht vorkommt. Wir wollen inhaltliche und formale Vielfalt, wir wollen Experimente. Wir werden das Projekt natürlich wissenschaftlich begleiten und dokumentieren.

Bewegte Bilder gibt es heutzutage im Fernsehen und im Internet.

Michael Steinbrecher: Wir liegen in der Mitte zwischen dem traditionellen Journalismus und dem Bürgerjournalismus à la YouTube. Wir leben von den Beiträgen unserer Zulieferer aus der Bürgerschaft, und wir geben ihnen eine professionelle Begleitung.

Zulieferer aus der Bürgerschaft – ist das Schwarm-Intelligenz?

Michael Steinbrecher: Eine gute, eine wichtige Frage: Was verändert Web 2.0, was verändern die sozialen Netzwerke in unserer Art, zu kommunizieren und uns zu organisieren, zu mobilisieren, zu protestieren. Wir wissen aus der ARD/ZDF-Onlinestudie, dass Medien-Nutzung nur ein Teil der Internet-Nutzung ist; viel spielt sich in Netzwerken ab. Aber: Deshalb vom Ende des Journalismus zu sprechen ist zu kurz gegriffen. Studien zeigen: Hinter den Blogs stehen professionelle Journalismus, die die neue Wege nutzen, sich anderen mitzuteilen. Die sozialen Netzwerke bieten neue Formen der Teilnahme an der Diskussion um politische Themen.

 

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