Stadtteilmütter in Problemvierteln unterwegs

Mariam Ngaba (29) aus dem Tschad ist als Stadtteilmutter in Essen aktiv. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Mariam Ngaba (29) aus dem Tschad ist als Stadtteilmutter in Essen aktiv. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Startschuss für ein neues Integrationsprojekt: Ausländerinnen laufen als „Stadtteilmütter“ durch bekannte Problemviertel, um Migranten für Hilfsangebote zu gewinnen. Das Projekt läuft in Essen, Bochum und Dortmund.

Ruhrgebiet.. Die Dienstkleidung ist schlicht, aber weithin sichtbar. Ein leuchtend rotes Seidenhalstuch und eine auffällig bedruckte Umhängetasche sollen zum Erkennungszeichen von 55 Frauen werden, die in diesen Tagen einen ungewöhnlichen Dienst antreten: Sie gehen als „Stadtteilmütter“ in Bochum, Dortmund und Essen auf Tour.

Ausgedacht haben sich das die NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Düsseldorf, die Landesregierung und die Diakonie. Die Idee: Langzeitarbeitslose Frauen in den mittleren Jahren, die selbst aus Ländern wie der Türkei, Nigeria oder Kasachstan stammen, sollen den Behörden dabei helfen, in Problemvierteln des Ruhrgebiets Migranten für Hilfsangebote zu gewinnen.

„Die Institutionen tun sich schwer, eine Vertrauensbasis zu diesen Familien aufzubauen. Das ist oft eine kulturelle Frage. Die Stadtteilmütter sollen hier als Lotsen fungieren“, sagt Christiane Schönefeld, Arbeitsagentur-Chefin in NRW. Der jüngste Ärger um das Bildungspaket für Hartz IV-Kinder, das von den Betroffenen kaum nachgefragt wurde, hat die Dringlichkeit des Kommunikationsproblems noch einmal ins Bewusstsein gerufen.

Angebote bekannt machen

Elternabende, Straßenfeste, Sportplätze, Hausbesuche – 30 Stunden pro Woche werden die Stadtteilmütter ihre vertrauten Stadtviertel abklappern. „Es geht darum, Angebote zu Themen wie Arbeit, Ausbildung, Erziehung und Gesundheit ohne sprachliche oder kulturelle Hürden bekannt zu machen“, erklärt Chrissa Stamatopoulou, die das Projekt bei der Diakonie koordiniert.

Die Frauen arbeiten nach einem straffen Einsatzplan, der mit Behörden und sozialen Diensten vor Ort abgestimmt ist. Sechs Treffen mit jeweils zwei bis drei Familien pro Monat sind Standard. Der Lohn: 990 Euro brutto monatlich und die eigene Weiterqualifizierung. Ein halbes Jahr dauerte allein die Vorbereitung auf den Einsatz in der Nachbarschaft. Zunächst galt es, selbst das Dickicht aus Ämtern, Fachdiensten und Beratungsstellen zu durchdringen.

„Es gibt bei Hilfsangeboten immer noch ein Komm-System, das nicht hinreichend angenommen wird. Wir gehen jetzt zu den Menschen hin“, erklärt NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD). Die sozialversicherungspflichtig beschäftigten „Stadtteilmütter“ scheinen der erste größer angelegte Versuch zu sein, die vielen kleinen lokalen Integrationsprojekte mit Profis zu verstärken. Zunächst 1,5 Millionen Euro lässt sich die öffentliche Hand die Stadtteilmütter-Initiative kosten. Der weitaus größte Teil stammt aus dem Etat der Arbeitsagentur.

Werben um Ausbildungsplätze

Getestet wird ein Jahr lang in den Bochumer Stadtteilen Kruppwerk und Querenburg, in Dortmund-Hörde, -Nord und -Scharnhorst sowie in Essen-Altendorf, -Borbeck, -Stoppenberg und -Katernberg. Eine regionale Ausweitung solle danach wissenschaftlich geprüft werden, findet Arbeitsagentur-Chefin Schönefeld.

Für die Arbeitsagentur ist der Handlungsdruck groß. 44 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund in NRW haben keine Ausbildung, 14 Prozent nicht einmal einen Schulabschluss. Die oft vererbte berufliche Perspektivlosigkeit kostet nicht nur viel Steuergeld. Gleichzeitig wächst bei einer abnehmenden Bevölkerungszahl in vielen Unternehmen der Mangel an Fachkräften. Deswegen wünscht Minister Schneider, dass die Stadtteilmütter auch bei den Arbeitgebern stärker um Ausbildungsplätze und Stellen für Migranten kämpfen: „Nehmen Sie dort eine Terrier-Funktion wahr.“

 
 

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