So (un-)sicher sind die deutschen Atommeiler

Das Atomkraftwerk Biblis ist das älteste AKW in Deutschland. Foto: ddp
Das Atomkraftwerk Biblis ist das älteste AKW in Deutschland. Foto: ddp
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Kein deutsches Atomkraftwerk entspricht laut einer Studie dem letzten Stand der Technik. Die meisten haben einen Sicherheitsstandard aus den 1970er Jahren. Eine Kernschmelze, wie in Japan befürchet, wäre auch hierzulande nicht beherrschbar.

Essen.. Die nukleare Katastrophe in den japanischen Reaktoren stellt die deutsche Atompolitik wieder vor die Grundsatzfrage: Wie beherrschbar ist die Technologie? Und wie sicher sind die deutschen Kernkraftwerke? Ein Überblick.

„Bei der Sicherheit darf es keine Kompromisse geben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Berlin. Das ist falsch, bei der Sicherheit gibt es immer Kompromisse. Sie bewegen sich in dem Dreieck von Nutzen, Schaden und Kosten. Der Kostenfaktor ist der entscheidende Punkt bei der Sicherheitsauslegung technischer Anlagen.

Dass die Bundeskanzlerin zudem von einer „neuen Lage“ nach den Ereignissen in Japan spricht, ist ebenfalls nicht richtig. Die Lage ist bekannt. Kein Kernkraftwerk in Deutschland entspricht dem Sicherheitsstandard, der seit 1994 nach dem Stand von Wissenschaft und Technik für neue Anlagen gelten müsste, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2010 des Büros für Atomsicherheit. Denn 1994 wurde von der CDU/FDP-Mehrheit die Genehmigung neuer Kraftwerke von dem Nachweis abhängig gemacht, dass eine Kernschmelze beherrscht wird.

Planungsstand aus den 1970er Jahren

Acht Kernkraftwerke müssten nach Ansicht des Münchener Strahlenexperten Edmund Lengfelder sofort vom Netz genommen werden: Biblis A, Biblis B, Neckarwestheim I, Unterweser, Brunsbüttel, Krümmel, Isar I und Philippsburg I. „Der größte Teil unserer Atomkraftwerke hat einen Planungsstand aus den 70er-Jahren“, so Lengfelder. Praktisch alle deutschen AKW wären heute nicht mehr genehmigungsfähig, weil sie auf alten Konzepten beruhen. Vor allem der Siedewasserreaktor Philippsburg I in Baden-Württemberg nach dem Bauprinzip des Fukushima-Meilers bereite ihm Sorgen.

Augenfällig wird die Lage bei einem Vergleich mit der Autotechnik. Ein 30 Jahre alter Käfer ohne Gurte, Knautschzone und Airbag würde heute keinen Sicherheitsanforderungen mehr genügen. Eine Nachrüstung mit moderner Technik wäre sinnlos, da das gesamte Fahrzeugkonzept veraltet ist – gleichwohl fährt der Käfer noch. Die vier Generationen der deutschen Druckwasserreaktoren sowie die zwei Generationen der Siedewasserreaktoren spiegeln ebenfalls die Entwicklung der Sicherheitstechnik wider.

Aus Fehlern lernen - aber nicht in Biblis

Wesentlich für die Fortentwicklung waren die Erfahrungen aus Störfällen. So lehrte ein Brand in der Anlage Browns Ferry 1975 in den USA, dass die Stromversorgung für jede Kühlpumpe baulich getrennt installiert werden sollte. Dieses Wissen kam zum Beispiel für Biblis A zu spät, so die Studie.

Ein weiteres Problem ist die Alterung der Anlagen. Das Material ermüdet, wird spröde. Zudem war die Werkstoffqualität früher oftmals schlechter. So zeigen Statistiken des Bundesumweltministeriums, dass ältere Kernkraftwerke nicht nur eine höhere Fehlerquote haben als neue, sondern dass die Fehler, die aus Alterungsproblemen resultieren, zunehmen. So war ein alter Netztransformator im Kernkraftwerk Krümmel 2007 die Ursache für einen Brand.

Was heißt eigentlich sicher?

Darüber streiten Experten und Kraftwerksbetreiber. Den Qualitätsmaßstab für Sicherheit gibt das Atomgesetz mit dem „Stand von Wissenschaft und Technik“ vor. Es ist quasi ein Handbuch für Sicherheitsfragen, und es bestimmt das Maß der Vorsorge, die in den Meilern zu treffen ist.

Welche technischen Anforderungen damit verbunden sind, schreiben die Atomaufsichtsbehörden der Bundesländer vor. Das Bundesumweltministerium hat dazu 2009 übergeordnete Prüfvorschriften veröffentlicht, die „Sicherheitskriterien für Kernkraftwerke“. Für das Ministerium gelten diese Sicherheitsanforderungen als Maßstab für die Prüfung deutscher Kernkraftwerke nach dem Stand von Wissenschaft und Technik.

Keines der 17 AKW erfüllt alle Kriterien

Wolfgang Renneberg, Ex-Chef der Bundesatomaufsicht, hält die Anforderungen für veraltet. Keines der 17 deutschen AKW würde die Kriterien zu 100 Prozent erfüllen. In einer Studie für die Grünen im Bundestag kommt er zu dem Schluss, dass es für Sicherheitsnachrüstungen keine Mindeststandards gebe. Renneberg: „Eine Beurteilung der Sicherheit deutscher Kernkraftwerke nach bundeseinheitlichem Maßstab auf Basis des aktuellen Standes von Wissenschaft und Technik liegt bislang nicht vor.“

Die Atomwirtschaft zählt die deutschen AKW zu den sichersten Anlagen der Welt. Milliarden seien in die Nachrüstungen von Kraftwerkstechnik investiert worden. Für den sicheren Betrieb der Anlagen sind die Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke verantwortlich. In den Anlagen prüft auch der TÜV. Dessen Abhängigkeit von den am TÜV beteiligten Energiekonzernen gab indes immer wieder Anlass zur Kritik.

 
 

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