Seele hängt am seidenen Faden

Diethelm Textoris
Foto: WR

Lünen.  Das Bibelwort „alles hat seine Zeit” müsste inzwischen wohl eher „alles hat seinen Tag” heißen. Den Muttertag, Vatertag und den „Tag der deutschen Einheit” kennt wohl jeder. Weniger geläufig dürfte dagegen der internationale „Tag des öffentlichen Quiltens” sein, der jeweils am dritten Samstag im Juni stattfindet.

Deutschlandweit beteiligten sich in diesem Jahr zwölf Städte an der Aktion. Die Lippe-Quilter Lünen waren am vergangenen Samstag dabei. Mit einem Stand vor der Stadtkirche St. Georg, einer Ausstellung, Mitmachaktionen und viele Informationen aus der Welt des Quiltens.

„Quilten ist die Veredelung des Patchwork, das lediglich den ersten Arbeitsgang darstellt”, erklärte die Sprecherin der Lüner Gruppe, Bea Galler. Die kunstvoll zusammengefügten Stoffteile, die auch mit Applikationen und Stickereien verziert werden können, bilden die Schauseite des Gesamtwerks. Dahinter wird eine Vliesschicht genäht, die dritte Schicht bildet ein farblich auf die Vorderseite abgestimmter glatter Stoff. Die zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besucher konnten sich direkt vor Ort von den vielseitigen Möglichkeiten dieser Technik überzeugen und auch selbst ausprobieren. An Wäscheleinen waren Quilts unterschiedlicher Größe zu bewundern, von der Handtuchgröße über die Babydecke bis zum Steppbett für zwei - eigentlich viel zu schade, um sich damit zuzudecken und dann die Augen zu schließen.

„Quilten ist eine Form der Textilkunst, die eine intensive Auseinandersetzung mit den Materialien erfordert. Es lässt sich nahezu jedes Gewebe von der Seide bis zur Baumwolle verarbeiten”, erläuterte Bea Galler. Entstanden ist diese Technik aus der Not heraus. Wenn das Geld für neue Textilien fehlte, machte man aus alten Resten eben neue Stoffe. Inzwischen ist daraus eine regelrechte Kunstgattung entstanden. Quilts können wie Gemälde gerahmt werden und sind sowohl in Galerien als auch in heimischen Wohnzimmern zu finden.

Auch die Lippe-Quilter beteiligen sich an Wettbewerben und Ausstellungen. Am Samstag konnte man ein Meisterwerk von Bea Galler bewundern, die Darstellung von Motiven aus dem Alten Testament, die wie ein von der Sonne angestrahltes Kirchenfenster wirkt. „Wir wurden heute immer wieder gefragt, ob die ausgestellten Stücke auch zu verkaufen sind. Bis auf ein paar kleine Mitbringsel sind sie es nicht, denn in ihnen steckt nicht nur viel Arbeit, wir sind auch seelisch mit ihnen verbunden”, sagte Bea Galler. In Ausnahmefällen würden auch schon einmal Auftragswerke gefertigt, die seien aber nicht preiswert. „Je nach gewähltem Material und Größe der Versatzstücke erreicht man für eine große Decke Dimensionen von 1 000 Euro und mehr.“

Die Lippe Quilter Lünen treffen sich jeweils in den Privatwohnungen ihrer Mitglieder, wobei neben dem Quilten natürlich auch jede Menge Kommunikation auf dem Programm steht. Es handelt sich um eine relativ geschlossene Gesellschaft, in der man Ruhe und Kontinuität haben möchte. Interessierte wurden deshalb am Samstag an Kurse im Dortmunder Keuning-Haus verwiesen. Werke der Lüner Quilter werden in diesem Jahr wieder am 3. Oktober im Stadtmuseum zu sehen sein - am „Textilen Tag“.