Sechs Monate „Schutzhaft“

Heino Baues
Kranzniederlegung KZ Schönhausen in der Lentstraße
Kranzniederlegung KZ Schönhausen in der Lentstraße
Foto: Dietmar Wäsche

Bergkamen. Gestern, am 27. Januar, wurde in Deutschland wieder der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Auch in Bergkamen. Bürgermeister Roland Schäfer legte an der Gedenkstätte in der Lentstraße einen Kranz nieder. Dort waren 1933 fast 1000 Menschen im KZ Schönhausen interniert.

Schon kurz nach der sogenannten Machtübernahme richteten die Nationalsozialisten vom 12. April 1933 bis zum 24. Oktober 1933 in dem Wohlfahrtsgebäude an der Lentstraße in der Bergarbeitersiedlung Schönhausen, das bis dahin großzügig mit einer Mehrzweckhalle und Gruppenräumen für Handarbeitskurse und anderes mehr ausgestattet war, ein Sammellager für inhaftierte Regimegegner aus dem Kreis Unna ein.

Fast 1000 Männer und Frauen aus dem Kreis Unna und der Stadt Hamm, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, wurden bis zum Herbst 1933 dort in die sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Unter dem Gefangenen befanden sich zum Beispiel der sozialdemokratischen Zeitung „Der Hammer“, Walter Poller. Diese Zeitung, die in Hamm erschien, berichtete bis zum Erscheinungsverbot durch Nazis auch über das Geschehen in umliegenden Orten wie Kamen und Bergkamen und wurde dort auch von SPD-nahen Bergleuten gelesen.

Ein enger Mitarbeiter Walter Pollers in der Redaktion des „Hammers“, Hubert Biernat, konnte sich der Inhaftierung im März durch Flucht aus der elterlichen Wohnung, Reinhardstraße 1, in Heeren-Werve entziehen, indem sein Vater die SA-Leute täuschte. Biernat, der nach dem Krieg Landrat des Kreises Unna, Regierungspräsident in Arnsberg, Abgeordneter des NRW-Landtags und NRW-Innenminister werden sollte, ging in den Untergrund und flüchte übers Rheinland nach Belgien.

Im Spätherbst 1933 kehrte der Sozialdemokrat und Antifaschist Hubert Biernat ins östliche Ruhrgebiet zurück und schloss sich der Widerstandsgruppe um Walter Poller an. In der Nacht zum 1. November 1934 verhaftete die Gestapo Poller. Trotz brutaler Folter in der berüchtigten Dortmunder „Steinwache“ verriet er keinen seiner Mitstreiter, auch Hubert Biernat nicht.

Bei seinen Verhören erweckte er erfolgreich den Anschein, als sei er unpolitisch und hätte mit der Widerstandsgruppe um Walter Poller nichts zu tun. Am 29. Juni 1935 wurde Poller wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren verurteilt. Nach dem Krieg wurde Poller erster Chefredakteur der „Westfälischen Rundschau“.

Hubert Biernat hielt sich und seine Frau mehr schlecht als recht mit einem ambulanten Zeitungs- und Zeitschriftenvertrieb und Versicherungsgeschäften bis 1938 über Wasser. Seine Geschäftsreisen durchs Ruhrgebiet nutzte er, mit seinen politischen Freunden trotz der politischen Verfolgung in Kontakt zu bleiben. Dabei verbreitete er auch weiterhin Flugblätter. Erst im Herbst 1938 fand er durch die Vermittlung eines Freundes eine wesentlich besser bezahlte Stelle als Buchhalter und Kontorist in Dortmund. Im Mai 1940 musste er den Militärdienst antreten.