RWE-Chef: Gesetzlicher Mindestlohn wäre ein wichtiges Symbol

Foto: WAZ

Bochum. Über 1100 Gäste sind zum WAZ-Wirtschaftsforum in die Bochumer Jahrhunderthalle gekommen. Das Diskussionsthema: „Überrollt der Turbokapitalismus die soziale Marktwirtschaft“.

Der Chef des Energiekonzerns RWE, Jürgen Großmann, hat sich für einen gesetzlichen Mindestlohn ausgesprochen: „Es wäre klug, einen einzuführen, weil er ein wichtiges Symbol wäre“, sagte er auf dem 22. WAZ-Wirtschaftsforum am Abend in der Bochumer Jahrhunderthalle. Ein gesetzlicher Mindestlohn könne helfen, Menschen am unteren Rand der Gesellschaft zu integrieren, betonte er. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hingegen lehnte einen gesetzlichen Mindestlohn ab: „Dafür haben wir Tarifpartner.“

Der neue IG-Metall-Vize Detlef Wetzel sieht jedoch auch den Staat in der Pflicht: „Es gibt viele Bereiche in der Wirtschaft ohne tarifliche Absicherung. Diese Menschen können wir nicht in Armut und Würdelosigkeit lassen“, sagte er und forderte den Staat auf, sich vor diese Menschen zu stellen. „Es ist Aufgabe des Staates, Teilhabe zu organisieren. Wenn Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können, verlieren wir wichtige Werte in der Gesellschaft“, warnte er. Der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstitutes RWI, Christoph M. Schmidt, appellierte hingegen an die Eigenverantwortung: „Den Menschen in der globalisierten Gesellschaft muss mehr Eigenverantwortung zugemutet werden, zu ihrem eigenen Wohl.“

Bei der Frage nach einer Deckelung von Managergehältern gab sich Gewerkschafter Wetzel skeptisch: "Ich halte davon nichts. Aber wir müssen über eine Angemessenheit diskutieren.“ Schmidt sprach sich gegen jede Form von Einmischung aus und warnte vor Kommissionen, die Höchstgehälter definieren sollten. Großmann verteidigte in der Diskussion die Koppelung von Vorstandsgehältern an den Aktienkurs: "Wir sollten das nicht verteufeln. Das bringt eine Menge an Motivation - aber auch Probleme, keine Frage."

Umstritten war auch die Frage nach der Rolle von Finanzinvestoren in der heutigen Wirtschaftsordnung. Der Geschäftsführer des Finanzinvestors Apax Deutschland, Christian Näther, beklagte viel Unwissenheit und Vorurteile über die Branche. „Die Wertsteigerung eines Unternehmen entsteht nicht durch Plünderung, sondern durch Wachstum und Effizienzsteigerung“, betonte er. Aus Sicht von Wetzel sind die Finanzinvestoren jedoch „eine Gefahr“ für die Wirtschaftsordnung. Deshalb forderte er von der Bundesregierung verbindliche Regularien für "die Heuschrecken" in Deutschland. Beim Ruf nach der Politik gab sich Rüttgers jedoch zurückhaltend: „Ich bin für Regularien, aber nicht für Protektorismus“.

Soziale Marktwirtschaft funktioniert nicht ohne Wettbewerb, das räumte auch RWE-Chef Großmann ein und sagte mit Blick auf seine Branche: „Wir haben hier in der Vergangenheit keine rühmliche Geschichte geschrieben.“ Dennoch gab er sich zuversichtlich: „Vielleicht schaffen wir es, dass wir in einem halben Jahr von den Kunden sympathisch gefunden werden.“

Einen Zwangsverkauf von Kraftwerken lehnte er ab: „Wir haben in Deutschland zu wenig Kraftwerke." Um weitere zu bauen, brauche es Investitionssicherheit für die Konzerne. Am Vortag hatte der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel damit gedroht, den Versorgern notfalls die Kraftwerke wegzunehmen und so für mehr Wettbewerb und sinkende Preise auf dem Sektor zu sorgen. Auch Rüttgers lehnte den Vorstoß aus Hessen ab. Der Bau neuer Kraftwerke in Deutschland sei nicht nur für Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen sondern auch für den Klimaschutz wichtig.

Nach Ansicht von Großmann werden indes die Energiepreise in der Zukunft weiter anziehen. Grund seien unter anderem die steigenden Rohstoffkosten. Er forderte deshalb den Staat auf, gemeinsam über die Senkung von Belastungen nachzudenken. Allein der Staat verursache durch Abgaben und Steuern 45 Prozent des Strompreises.

Mehr zum Thema:

Neoliberal oder neosozial

Fotostrecke: Gefährdet der Kapitalismus die Marktwirtschaft

 
 

EURE FAVORITEN

Warum sich die Polizei bei Fahndungen nicht direkt an die Öffentlichkeit wendet

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.
Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.

Beschreibung anzeigen