Ruhr hoch n - wie bitte?

Essen/Düsseldorf. Das Ruhrgebiet hat einen neuen Werbeslogan. Er lautet "Ruhr (hoch) n Team-Work-Capital". Ja, Sie haben richtig gelesen. Keine Sorge, mit Ihrer Verwirrung sind Sie nicht allein.

Eines zumindest haben die Werber erreicht. Diesen Slogan kann niemand achtlos überlesen. Der Blick, der sonst oft oberflächlich über so viele Worte und Zeilen hinweg gleitet, bleibt daran hängen. Man stolpert darüber, wie über einen plötzlich auftauchenden Felsbrocken auf gerader, ebener Strecke. Und dann stolpern die Gedanken, geraten ins Stocken. „Ruhr hoch n“ – hat sich da etwa wieder jemand verschrieben? Nein, das hochgestellte „n“ lässt sich mit einer herkömmlichen Tastatur einfach nur nicht tippen. Das ist das erste Problem des neuen Slogans für das Ruhrgebiet. Doch das zweite folgt sogleich.

Hat das Gehirn das „n“ erst einmal an die richtige Stelle gesetzt, geht die Stolperpartie weiter. Das Fragezeichen wächst und wächst und mit ihm der Unmut. Der Mathematik nicht allzu mächtige Menschen wenden sich entweder ab, durchpflügen den Kopf nach verschüttetem Schulstoff oder rufen einen Mann an, der es wissen muss. Stefan Turek ist Professor im Fachbereich Mathematik an der Universität Dortmund. „Das ‚n’ steht für eine endliche Menge in Potenz“, sagt er. „Ich kann es durch jede beliebige Zahl ersetzen.“ Ruhr mal Ruhr mal Ruhr mal...? Der Slogan symbolisiere die Vielfalt des Ruhrgebiets, interpretiert der Mathematiker. Allerdings könne für „n“ auch ein Minusbetrag eingesetzt werden, sagt Turek und lacht ein wenig spitzbübisch. „Dann schrumpft das Ruhrgebiet.“

Gemeinsame Marke für das Ruhrgebiet

Das sind freilich nur Zahlen-Spielereien. Die hatten die Werber der Düsseldorfer Agentur Grey ebenso wenig im Sinn wie der Initiativkreis Ruhrgebiet. Der Zusammenschluss der größten Unternehmen der Region war vielmehr auf der Suche nach einer gemeinsamen Marke, die endlich das eint, was zusammengehören soll. Einer Marke, die das Ruhrgebiet bekannt macht auf der ganzen Welt. „Das ‚n’ ist ein gedanklicher Platzhalter“, sagt Thomas Hüser, Sprecher des Initiativkreises Ruhrgebiet. „Es ist nicht rein mathematisch zu verstehen. Es kann vieles bedeuten.“

Das klingt ein bisschen beliebig. Aber darin liegt wohl auch das Problem. Ein einendes Symbol zu finden, das 53 höchst unterschiedliche Städte repräsentiert, das scheint beinahe unmöglich zu sein. Grey hat sich dennoch daran gemacht. Die Unternehmer waren offenbar zufrieden. Die Düsseldorfer haben sich gegen drei Konkurrenten durchgesetzt. „Ruhr (hoch) n Team-Work-Capital“ lautet nun der vollständige Titel der Dach-Marke. Das klingt umständlich, aber auch gewichtig und natürlich international.

"An Komplexität kaum zu überbieten"

Doch offenbar kann sich kaum jemand mit der ungewöhnlichen Wortschöpfung anfreunden. "Dieser Slogan ist an Komplexität kaum zu überbieten", sagt Hendrik Schröder, Professor für Marketing an der Univerisät Duisburg-Essen. Er widerspreche so ziemlich allen Spielregeln, die die Wissenschaft für eine gute Werbebotschaft aufgestellt habe. Er sei weder verständlich, noch eingängig, noch nachhaltig. Ein vernichtendes Urteil für die Werber. Schröder macht neben dem hochgestellten "n" zudem eine weitere mehrdeutige Stelle aus. Das englische Wort "capital" könne sowohl mit Hauptstadt als auch mit Kapital übersetzt werden. Was genau meinen die Werber denn oder meinen sie beides? Fragen über Fragen.

Die Herzen der Menschen im Ruhrgebiet lassen sich damit sicher nicht erobern. Doch darum geht es auch nicht. Der Slogan richtet sich an Investoren und die internationale Bildungselite, die so genannten „High Potentials“. Ingenieure, Informatiker und Chemiker zum Beispiel. Um sie will das Ruhrgebiet werben. Sie werden dringend gebraucht. Und vielleicht verstehen sie den Slogan ja wenigstens sofort.

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