Richter hebt Hausarrest von Strauss-Kahn auf

DerWesten
Überraschende Wende im Vergewaltigungsfall um den Ex-IWF-Chef Strauss-Kahn. Nachdem die Staatsanwaltschaft Zweifel an der Belastungszeugin erklärte, hat ein Richter Strauss-Kahn am Freitag auf freien Fuß gesetzt. Kippt jetzt die ganze Klage?

New York. Im Strafverfahren gegen Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wegen Vergewaltigungsvorwürfen kommt der Franzose gegen Auflagen frei. Das entschied am Freitag ein Gericht in New York, nachdem die Staatsanwaltschaft zugestimmt hatte, die gegen den 62-Jährigen verhängte Kaution aufzuheben. Den Pass von Strauss-Kahn behielt die Justiz aber ein. Damit kann sich der Franzose zwar frei in den USA bewegen, das Land darf er vorerst aber nicht verlassen.

Die Anklage erklärte bei der kurzfristig angesetzten Gerichtsanhörung, die Ermittlungen würden aber nicht eingestellt. Die nächste Anhörung in dem Fall soll am 18. Juli stattfinden. Nach dem Termin am Freitag verließ Strauss-Kahn den Gerichtssaal lächelnd in Begleitung seiner Frau Anne Sinclair. Strauss-Kahn hatte bei bisherigen Anhörungen vor Gericht stets auf „nicht schuldig“ plädiert.

Die Staatsanwaltschaft informierte das Gericht am Freitag über eine Falschaussage des mutmaßlichen Opfers. Wie aus Unterlagen der Anklage hervorgeht, sagte die Frau bei einer Aussage vor Geschworenen nicht, dass sie nach dem angeblichen Vorfall in der Suite 2806 des Luxushotels zunächst noch ein anderes Zimmer reinigte, bevor sie ihren Vorgesetzten informierte.

Ankläger glauben Zimmermädchen "nicht viel"

Die „New York Times“ hatte am Donnerstagabend berichtet, die Anklage gegen Strauss-Kahn stehe kurz vor dem Zusammenbruch, weil Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers bestünden. Für Freitag wurde dann überraschend die Anhörung Strauss-Kahns vor Gericht angeordnet. Dem Zeitungsbericht zufolge glauben die Ankläger „nicht viel“ von der Aussage der Hotelangestellten, die Strauss-Kahn massive sexuelle Übergriffe während seines Aufenthalts in einem New Yorker Luxushotel vorwirft.

Strauss-Kahn war Mitte Mai unter dem Vorwurf festgenommen worden, ein Hotel-Zimmermädchen in New York sexuell angegriffen zu haben. Er befand sich eine knappe Woche lang in Haft, bevor er gegen Kaution in Höhe von einer Million Dollar (690.000 Euro) und einer Hinterlegung von Bürgschaften über fünf Millionen Dollar freigelassen wurde. Seitdem stand der 62-Jährige unter strengem Hausarrest. Die jetzige Freilassung ohne Kaution deutet darauf hin, dass die Beschuldigungen gegen ihn weniger schwer sein könnten als bisher angenommen. Strauss-Kahns Anwälte äußerten sich erleichtert.

Verschwörungstheorien nach der Festnahme von Strauss-Kahn

Nach mehreren Tagen in einem Gefängnis hatte Strauss-Kahn Mitte Mai eine Luxuswohnung in Manhattan bezogen, wo er unter Hausarrest stand - und unter Beobachtung internationaler Medien. Zuvor war Strauss-Kahn am 19. Mai als IWF-Chef zurückgetreten.

Nach der Festnahme Strauss-Kahns blühten unterdessen in Frankreich Verschwörungstheorien. Vertraute vermuteten ein Komplott gegen den IWF; Strauss-Kahn könnte in eine Sex-Falle getappt sein. Seine Ehefrau Anne Sinclair erklärte, sie glaube „keine Sekunde lang den Anschuldigen“ und bezeichnete die Sex-Affäre als Intrige.

Zimmermädchen in Drogenhandel und Geldwäsche verstrickt

Das aus Guinea stammende Zimmermädchen habe seit dem angeblichen Vergewaltigungs-Vorfall am 14. Mai „wiederholt“ gelogen, berichtete die „NYT“. Es gebe allerdings klare Beweise dafür, dass es sexuellen Kontakt zwischen ihr und Strauss-Kahn gegeben habe. Die 32-Jährige, die seit 2002 in den USA lebt, soll unter anderem bezüglich ihres Asylantrags falsche Angaben gemacht haben und zudem in kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Geldwäsche verwickelt sein. In den vergangenen zwei Jahren habe sie insgesamt rund 100.000 Dollar (70. 000 Euro) „von verschiedenen Einzelpersonen“ überwiesen bekommen, berichtete die „NYT“.

Der Anwalt der Frau bezeichnete die Vorwürfe als "Lügen". Seine Mandantin habe zwar "einige Fehler" gemacht, sie sei aber nicht in kriminelle Machenschaften wie Drogenhandel verstrickt.

Strauss-Kahn nannte Vorwürfe als "persönlichen Albtraum"

Die mögliche Wende in dem Verfahren nährte bei Frankreichs oppositionellen Sozialisten Hoffnungen auf ein politisches Comeback des Politikers, der bis zu seiner Festnahme als chancenreicher Präsidentschaftsanwärter galt. Parteisprecher Benoît Hamon sprach am Freitag von einer "großen Erleichterung". „Les Strauss-Kahniens“ nennen sich die Sozialisten dort. Sollte jetzt die komplette Anklage gegen den Ex-IWF-Chef kippen, könnte er vor einem politischen Comeback in seiner Heimat stehen. „Wir brauchen ihn, wir brauchen sein Talent“, rühmt etwa der frühere Kulturminister Jack Lang.

Strauss-Kahn hatte in einem Brief an seine ehemaligen Mitarbeiter beim IWF die Vorwürfe als "persönlichen Albtraum" bezeichnet. "Ich bin zuversichtlich, dass die Wahrheit ans Licht kommt und ich entlastet werde", schrieb er nach seinem Rücktritt. Bei der Verlesung der Anklageschrift Anfang Juni erklärte er sich für unschuldig, während vor dem Gerichtsgebäude eine Gruppe von Zimmermädchen lautstark demonstrierte. "Schäm Dich", riefen die aufgebrachten Frauen. Am Freitag verließ Strauss-Kahn das Gerichtsgebäude gemeinsam mit seiner Frau und lächelte. (afp/ap/WE)