Raketen zogen Ostermärsche an

Holzwickede : Friedensbewegung beim Ostermarsch.
Holzwickede : Friedensbewegung beim Ostermarsch.
Foto: WR

Holzwickede.. Auch wenn in vielen Ländern und Regionen dieser Welt noch Krieg herrscht - die große Zeit der Friedenskundgebungen und Ostermärsche in Deutschland mit vielen tausend Demon-stranten ist vorbei. Was Jüngere kaum noch wissen: Vor mehr als 30 Jahren stand auch die Gemeinde Holzwickede im Zentrum der Friedens- und Ostermarschierer. Und das nicht ohne Grund. Denn in Opherdicke waren bis Mitte der 80er Jahre Nike-Herkules-Raketen stationiert, die atomare Sprengköpfe trugen.

Formiert hatte sich die Friedensbewegung in Deutschland in den 50er Jahren als Reaktion auf die Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr. Im Ruhrgbiet zogen damals alljährlich zu Ostern Tausende Friedensbewegte von Duisburg bis Dortmund, um gegen die Wiederbewaffnung zu demonstrieren. Einer, der keinen Ostermarsch versäumte, ist Hans-Ulrich Bangert. „Wir marschierten damals tagsüber durch die Straßen und haben nachts bei Freunden an der Strecke übernachtet“, erinnert sich der Vorsitzende der Holzwickeder Grünen. Nachdem unsere Zeitung Anfang der 80er Jahre erstmals berichtete, dass in Holzwickede Atomraketen vom Typ Nike Herkules stationiert waren, gründete sich eine lokale Friedensbewegung. Getragen wurde sie hauptsächlich durch evangelische Christen wie Jenz Rother, damals Pastor und heute Bürgermeister Holzwickedes, oder seine Kollegin Renate Stein.

Die erste große lokale Friedenskundgebung fand Ostern 1981 statt: Dazu trafen sich rund 1 500 Demonstranten vor dem Rathaus. Vom Marktplatz aus zogen sie nach Opherdicke zur Raketenstation. Es war die Zeit des Kalten Krieges, des Nato-Doppelbeschlusses und der Einführung der ersten Marschflugkörper Pershing 1 und 2.

1 500 Demonstranten vor dem Rathaus

Die Grünen gab es damals noch nicht. Auch den Freundeskreis Bundeswehr, zu dem später Alt-Bürgermeisterin Margret Mader und Herbert Keller (beide SPD) gehörten, gab es noch nicht. Dass in Opherdicke atomare Sprengköpfe lagerten, konnte nur vermutet werden – offiziell gab es keine Informationen dazu. Doch die Menschen hatten einfach Angst, dass sie bei einem Atomkrieg das erste Ziel sein könnten. Die Kirchen, die Deutsche Friedensgesellschaft und Teile der in dieser Frage gespaltenen SPD führten den Protest an.

Als einziger Ort mit Atomraketen an der Marschroute wurde Holzwickede ein wichtiges Ziel für die Ostermarschierer. Jedes Jahr zogen sie von Iserlohn, Fröndenberg, Soest, Hamm, Unna, Schwerte und Dortmund nach Opherdicke. „Da hielten wir dann direkt am Zaun“, sagt Uli Bangert. „Die Gemeinde war natürlich nicht begeistert. Aber es gab auch einige Ratsmitglieder, die mit uns demonstrierten.“ Reinhard Berken, Friedhelm Klemp, damals noch SPD-Mitglied, Volker Richard, Cornelia und Volker Pohl oder auch Hugo Bühren und der Juso Hartmut Ganzke gehörten dazu. Der damalige Bundestagsabgeordnete der SPD, Dr. Uli Böhme, sorgte dafür, dass die Ostermarschierer das kreiseigene Haus Opherdicke als Versammlungsort nutzen konnten. Diese Veranstaltung des Ostermarsches, der traditionell am Ostermontag um 14 Uhr auf dem Friedensplatz in Dortmund endete, entwickelte sich zu einer Hauptveranstaltung der Friedensbewegung.

Bereits am Karfreitag zogen auf einem Kreuzweg auch die Senioren zur Raketenstation, wo sich bewegende Szenen abspielten. „Nicht wenige der älteren Leute haben damals am Zaun geweint“, erinnert sich Uli Bangert. „Sie gehörten ja noch zu der Generation, die den Krieg mitgemacht hatte und waren sehr aufgewühlt.“

1985/86 berichtete unsere Zeitung dann das erste Mal darüber, dass die Nike-Hercules-Raketen in Opherdicke abgezogen werden. Das Wartungspersonal für die Atomsprengköpfe, US-Amerikaner, wohnte damals an der Wellstraße. Deutsche Soldaten durften angeblich nur die Trägersysteme warten.

Große Bäume für Raketenlafette gefällt

In den zwei Jahren danach zerfiel die lokale Friedensbewegung langsam. Letztlich geändert hatte sich aber nur das Waffensystem: Statt der Nike-Hercules-Raketen wurden in Holzwickede Patriot-Raketen stationiert. Ob auch diese atomare Sprengköpfe hatten – darüber herrschte viele Jahre Unsicherheit. Durch die Patriots bekam die Friedensbewegung Ende der 80er Jahre aber neuen Schwung. Das neue Waffensystem war völlig anders: Auf fahrbaren Lafetten montiert konnten die neuen Raketen durch die ganze Gemeinde gefahren werden. An der Landskroner Straße wurden darum sogar große Bäume gefällt, weil sie ein Hindernis für die Raketenlafetten darstellten. Den letzte großen Ostermasch gab es im Jahr 1990. Mit Aufgabe der Raketenstation hat sich auch die lokale Friedensbewegung anschließend aufgelöst.

 
 

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