RAG prüft Bau von Unter-Tage-Wasserkraftwerken

Christian Icking
Der Bergbaukonzern RAG prüft die Entwicklung von Unter-Tage-Wasserkraftwerken zur umweltfreundlichen Energieerzeugung. „Wir wollen das sehr ernsthaft anpacken“, kündigte RAG-Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes im Gespräch mit DerWesten an.

Essen. Der Bergbaukonzern RAG prüft die Entwicklung von Unter-Tage-Wasserkraftwerken zur umweltfreundlichen Energieerzeugung. Die Idee dabei ist, in Schachtanlagen Grubenwasser über mehrere hundert Meter in die Tiefe stürzen zu lassen und damit Turbinen zur Stromproduktion anzutreiben. „Wir wollen das sehr ernsthaft anpacken“, kündigte RAG-Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes im Gespräch mit DerWesten an.

Tönjes sieht ein „Riesenpotenzial“ für die Stromerzeugung unter Tage. Derzeit würden entsprechende Forschungsaufträge an drei Universitäten in der Region vorbereitet. Zudem sei man mit Maschinenbauern in Kontakt, was die Entwicklung spezieller Turbinen angehe. Für solche Grubenwasserkraftwerke kämen die fünf Steinkohlen-Zechen in Frage, die noch auf seien, sagte Tönjes.

Die RAG hat die erneuerbaren Energien als ein Geschäftsfeld mit Zukunft für die Zeit nach dem Auslaufen der Steinkohlenförderung im Jahr 2018 ausgemacht. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass wir da neue Akzente setzen können“, sagte Tönjes. Gemeinsam mit dem Energiekonzern RWE prüft die RAG bereits die Machbarkeit eines kombinierten Windkraft- und Pumpspeicherwerks auf einer 50 Meter hohen Kohlenhalde bei Hamm, das eine Leistung von bis zu 20 Megawatt haben und dabei rechnerisch rund 8000 Haushalte sechs Stunden am Tag mit Strom versorgen könnte. Ein Unter-Tage-Kraftwerk verspräche dagegen bei einer Wasser-Fallhöhe von 800 Metern gleich mehrere hundert Megawatt Leistung, so die RAG.

So wird der schwarze Riese grüner

Bernd Tönjes ist schon sein ganzes Berufsleben an der Kohle. Der gebürtige Dorstener begann nach dem Bergbau- und dem Betriebswirtschaftsstudium als technischer Angestellter auf dem Bergwerk Fürst Leopold, war unter anderem Fahrsteiger auf der Zeche Ewald, Obersteiger auf dem Bergwerk Schlägel & Eisen, Werksleiter auf mehreren Zechen und ist seit drei Jahren im Unter-Tage-Unternehmen RAG als Vorstandsvorsitzender ganz oben angekommen. So jemand nimmt nicht gerne Abschied von der Steinkohleförderung, die hierzulande seit Jahren auf dem Rückzug ist und 2018 endgültig auslaufen wird. „Die Kohle ist für mich kein Auslaufmodell. Sie hat Zukunft – weltweit“, sagt Tönjes. Nur eben in Deutschland nicht. Doch das Ende des Kohlenabbaus in sieben Jahren soll nicht das Ende des Unternehmens bedeuten. Tönjes will aus dem einstigen schwarzen Riesen ein Unternehmen mit Zukunft und grünen Aktivitäten formen. Wie, das erklärte er bei einem Be­such in der NRZ-Redaktion.

„Wir wollen Potenziale, die sich bieten, auch nutzen“, sagt der 55-Jährige. Neben den klassischen Feldern Grubenwasserhaltung und Bergschadensmanagement, der Verwertung der ehemaligen Bergbauflächen und der Vermarktung des Zechen-Equipments hat die RAG Aktiengesellschaft als ein künftiges Geschäftsfeld die erneuerbaren Energien ausgemacht. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass wir da neue Akzente setzen können.“ Tönjes denkt dabei nicht nur an Windräder, Pumpspeicherwerke und Photovoltaikanlagen auf Kohlehalden, sondern auch an das Einbringen von Erdwärme-Sensoren in Halden und Zechen, die Nutzung des Grubenwassers zur Zucht von Algen als Biomasse und sogar zur Produktion von Strom in ehemaligen Schachtanlagen.

Im Blick: die Halde Sundern bei Hamm

Eine dieser Visionen nimmt bereits konkrete Formen an: Die RAG Montan Immobilien und RWE Innogy, die Erneuerbare-Energien-Tochter des RWE-Konzerns, prüfen, ob sich ein Kombikraftwerk aus Pumpspeicher und Windkraft auf einer Kohlenhalde realisieren lässt. Eine entsprechende Absichtserklärung haben die beiden Unternehmen bereits unterzeichnet. Im Blick ist dabei die Halde Sundern bei Hamm. Drehen sich die Windräder, soll mit dem dabei er­zeugten Strom Wasser von ei­nem See am Fuße der Halde in einen See auf der etwa 50 Me­ter hohen Abraumhalde ge­pumpt werden. In Zeiten ho­her Stromnachfrage soll das Wasser dann – über eine Turbine geleitet – zu Tal rauschen.

Bis zu 20 Megawatt an grünem Strom soll so möglichst vom Jahr 2015 an produziert werden. Genug, um 8000 Haushalte sechs Stunden am Tag mit Energie zu versorgen. Sollte die in Auftrag gegebene Studie ergeben, dass sich eine solche 60-Millionen-Euro-Investition lohnt, könnten bis zu acht bislang noch nicht be­grünte Halden im Ruhrgebiet mit derlei Kombikraftwerken bestückt werden. Auf ihren Südhängen könnten zudem Photovoltaikanlagen aus Sonne Strom erzeugen. Auch Geothermie ist bei dem Steinkohleförderer ein Stichwort: „Über 50 offene Schächte der RAG ermöglichen den risikolosen Zugang zur Erdwärme, da nicht ge­bohrt werden muss“, so Tönjes.

Grubenwasser soll in die Höhe gepumpt werden

In den in teils auf mehr als 1000 Meter abgeteuften Schachtanlagen sieht die RAG aber noch die Chance auf viel ehrgeizigere Projekte schlummern: Die Idee ist, dort Grubenwasser in Zeiten günstiger Strompreise in die Höhe zu pumpen und es dann in mit Turbinen bestückte Bohrlöcher von einem Meter Durchmesser hinabstürzen zu lassen. In den Gruben käme die RAG auf ganz andere Fallhöhen als über Tage. Das sei we­sentlich interessanter als Pumpspeicherwerke auf Halden, sagt Vorstandschef Tönjes – „leider auch wesentlich schwieriger“.

Das Unternehmen verfüge über ein „Wasserreservoir von Kamp-Lintfort bis Hamm“, so Tönjes. Er sieht ein „Riesenpotenzial“ für die Stromerzeugung unter Tage. „Wir wollen das sehr ernsthaft anpacken.“ Derzeit würden entsprechende Forschungsaufträge an drei Universitäten in der Region vorbereitet. Es gebe auch be­reits Kontakte zu Maschinenbauern, die die dafür benötigten Turbinen entwickeln müssten. Immerhin ginge es beispielsweise um 800 Meter Fallhöhe und potenziell gleich mehrere Hundert Megawatt Leistung. „Das gibt es noch nicht, aber die Fachleute haben gesagt: ‘Wir können das bauen’.“ Für derlei Grubenwasserkraftwerke kämen die fünf Zechen infrage, die noch geöffnet seien. Darunter ist das Bergwerk West in Kamp-Lintfort, das Ende 2012 zur Schließung ansteht.

Gruben-Algen für Biodiesel-Gewinnung nutzen

Das Grubenwasser an der Ruhr, von dem die RAG pro Jahr 80 Millionen Kubikmeter pumpen muss, damit aus den ehemaligen Abbaugebieten keine Sumpflandschaften werden, ist 30 Grad warm und sehr mineralreich. Auch diesen Umstand will sich das Unternehmen zunutze ma­chen – nämlich bei der Zucht von Algen. Im Grubenwasser wachsen Algen 200-mal schneller als unter normalen Bedingungen. Ein Faktor, der sich laut Tönjes möglicherweise durch Forschung noch auf 2000 oder gar 5000 steigern lassen könnte. „Das ergibt so viel Biomasse, dass das an­fängt, interessant zu werden“, meint der RAG-Chef. Die Algen könnten als Grundstoffe für die pharmazeutische Industrie oder zur Herstellung von Biodiesel dienen. Weiterer Vorteil: Weil die Algen Kohlendioxid aufnehmen, könnte das in der Industrie ab­geschiedene Klimagas wieder dem Wirtschaftskreislauf zu­geführt werden. Möglicherweise tue sich hier eine Alternative zur unterirdischen CO2-Speicherung auf, so Tönjes.

Bei allen grünen Projekten, die sich die RAG nun er­schließt, macht er aber auch klar: Die Zahl der Beschäftigten wird von einst mehreren Hunderttausend nach heutiger Kenntnislage auf wenige Hundert sinken. Derzeit be­schäftigt das Unternehmen noch rund 21 000 Bergleute. Am Ende der Kohleförderung sollen es noch rund 700 Menschen sein, die etwa sicherstellen, dass stets die Pumpen laufen. In den grünen Aktivitäten sieht Tönjes zusätzliches Be­schäftigungspotenzial.

Die Politik hat beschlossen, den Bergbau-Konzern auf die Größe eines Mittelständlers zu schrumpfen. Doch vielleicht wird mehr daraus. Denn der einstige schwarze Riese wird deutlich sichtbar einen grünen Mantel tragen. (