Polizei in Norwegen brauchte über eine Stunde bis zur Festnahme nach Anschlag auf Insel

Kein Hubschrauber, kein Boot: Beim Anschlag auf ein Insel-Ferienlager bei Oslo hatte die Polizei mit gravierenden Einsatzmängeln zu kämpfen. Erst eineinhalb Stunden nach den ersten Schüssen trafen sie am Unglücksort ein.

Oslo.. Bei einem Doppelanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und ein Jugendlager auf der Insel Utöya am Freitag sind mindestens 93 Menschen ums Leben gekommen. Der mutmaßliche Täter, ein 32-Jähriger rechtsgerichteter Norweger, handelte womöglich nicht alleine. Er legte ein Teilgeständnis ab, teilte die Polizei in Oslo am Sonntag mit. Die strafrechtliche Verantwortung für seine Handlungen lehnt der mutmaßliche Attentäter jedoch ab. Der Anwalt des 32-Jährigen erklärte, das Ziel seines Mandanten sei es gewesen, die norwegische Gesellschaft anzugreifen, um sie zu verändern.

Unterdessen wird bekannt, dass die Polizei beim Einsatz auf der Ferienlager-Insel gravierende Probleme hatte. Erst 50 Minuten nach den ersten Schüssen auf der Ferienlager-Insel sei eine Polizei-Spezialeinheit von Oslo aus in Bewegung gesetzt worden. Erst weitere 40 Minuten danach waren die Spezialkräfte vor Ort.

Im Folgenden ein Ablauf der Ereignisse, wie sie sich nach Angaben der Polizei und Augenzeugenberichten zugetragen haben:

15.26 Uhr: Eine Autobombe explodiert vor dem Regierungsgebäude, in dem sich das Büro des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg befindet.

Gegen 16.40 Uhr: Urlauber auf einem Campingplatz hören Schüsse von der Ferieninsel Utöya, wo sich das Jugendlager der Sozialdemokraten befindet.

17.38 Uhr: Ein Sondereinsatzkommando der Polizei bricht von Oslo nach Utöya auf. Es entscheidet, dass es mit einem Polizeihubschrauber zu lange dauern würde, und nimmt stattdessen die Straße.

18.00 Uhr: Das Sondereinsatzkommando trifft am See ein, findet aber nicht sofort ein Boot zum Übersetzen.

18.20 Uhr: Das Sondereinsatzkommando trifft auf Utöya ein.

18.35 Uhr: Der Verdächtige ergibt sich der Polizei.

Die Polizei präzisierte inzwischen die Zeitangaben zum Einsatzablauf: Der Todesschütze von Norwegen konnte seinen Amoklauf auf der norwegischen Insel Utöya nach der ersten Benachrichtigung der Polizei noch eine Stunde fortsetzen. Die erste Meldung sei um 17.27 Uhr eingegangen, um 18.27 Uhr hätten bewaffnete Spezialeinheiten den 32-jährigen Anders B. festgenommen, teilte der Chef der Polizei des Distrikts Nord Buskerud, Sissel Hammer, mit. Den Angaben zufolge trafen die ersten Beamten um 17.52 Uhr an der Küste zur Insel ein. Sie mussten bis 18.03 Uhr warten, bis ein Boot zur Verfügung stand.

Kein Hubschrauber - Sondereinsatzkommande raste in Autos zu Insel

Weder ein Hubschrauber noch ein Boot haben für die Polizei bereitgestanden, um auf die Insel Utöya überzusetzen, wo am Freitag mindestens 85 Menschen erschossen wurden. Etwa 50 Minuten, nachdem Urlauber die ersten Schüsse hörten, sei eine Spezialeinheit der Polizei in Oslo in Bewegung gesetzt worden, sagte Polizeichef Sveinung Sponheim.

Die Beamten hätten sich in Autos auf dem Weg gemacht, da der Hubschrauber nicht sofort einsatzbereit gewesen wäre, sagte der Polizeichef. Die Fahrt habe etwa 20 Minuten gedauert. Weitere 20 Minuten seien vergangen, bis die Beamten ein Boot aufgetrieben habe. „Es gab Probleme mit dem Transport nach Utoya“, sagte Sponheim. „Es war schwierig an ein Boot heranzukommen.“

Tat war offenbar schon seit fast zwei Jahren geplant

32-jährige mutmaßliche Verantwortliche für den Doppelanschlag in Norwegen hat seinem Anwalt zufolge Angaben zu den Taten gemacht. „Er hat sich zu den Tatumständen bekannt“, sagte der Anwalt des Verdächtigen, Geir Lippestad, dem Sender NRK am Samstag. Außerdem habe sein Klient sich zu seiner Motivation geäußert. „Er sagte einige Sachen dazu, aber ich will darüber jetzt nicht reden“, sagte Lippestad. Sein Mandant habe sein Handeln als „grausam“ beschrieben. Er habe aber „diese Taten zu Ende bringen müssen“.

Am Montag soll der mutmaßliche Attentäter angeklagt werden. Dann wird ein Gericht darüber entscheiden, ob er während der Dauer der Ermittlungen in Untersuchungshaft bleiben muss.

Vor den Anschlägen schrieb der Verdächtige nach Angaben der norwegischen Nachrichtenagentur NTB ein 1500 Seiten umfassendes Manifest, in dem er die multikulturelle Gesellschaft und muslimische Einwanderer angreift. Die Tat hatte er offenbar schon seit fast zwei Jahren geplant. Außerdem soll es Anweisungen zur Beschaffung von Sprengstoff und Bilder von ihm enthalten. Die Polizei äußerte sich nicht zu dem Bericht.

Norwegische Medien schrieben dem Verdächtigen unterdessen auch ein inzwischen von den Betreibern gelöschtes Video auf der Internetplattform YouTube zu. In dem zwölf Minuten langen Film, der am Freitag eingestellt wurde, wechseln sich islamophobe Tiraden mit Lob für die mittelalterlichen Kreuzritter ab. Auch der Marxismus und multikulturelle Gesellschaften werden darin kritisiert. B., der ein christlicher Fundamentalist mit Kontakten in rechtsextreme Kreise sein soll, ist darin auf drei eingeblendeten Fotos zu sehen. Eines zeigt ihn mit einem Sturmgewehr. Die Zeitung „Dabladet“ berichtete, das Video sei eine Zusammenfassung des B. zugeschriebenen Manifests. (dapd/rtr/afp)

 
 

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