„Pöbelkultur“ unter Fans - die Hemmschwelle sinkt

Schalke-Fans lassen ihrem Unmut freien Laufen. Foto. Getty
Schalke-Fans lassen ihrem Unmut freien Laufen. Foto. Getty
Foto: Bongarts/Getty Images

Gelsenkirchen. Die Neuer-Anfeindungen auf Schalke sorgten für Aufsehen - aber sie sind kein Einzelfall. Ein Gewaltforscher spricht von einer „Pöbelkultur“ in der Fanszene. Warum sieht der DFB davon ab, Beleidigungen zu ahnden?

Die Anhänger von Schalke 04 haben ihre Freizeit geopfert. Sie haben sich Gedanken gemacht. Sie haben Transparente bemalt und Spruchbänder beschrieben. Sie wollten Manuel Neuer wissen lassen, was sie von ihm halten. Sie wollten zeigen, wie sehr der Torwart sie damit verletzt hat, dass ausgerechnet der Mann, der seine Verbundenheit mit Schalke immer so demonstrativ gezeigt hatte, zum FC Bayern München gewechselt ist. Ausgerechnet Neuer, der bekennende Buerschenschaftler.

Schmähungen, Pfiffe und Pöbeleien

„Judas“ stand am Sonntag auf einem Plakat in der Arena, das während des Bundesligaspiels zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern hochgehalten wurde. Auf einem anderen Plakat wurde der ehemalige Schalker als „Ulis neueste Hure“ beleidigt. Irgendwo sah man eine großformatige Zeichnung mit einem abgeschnittenen Schweinekopf und wirklich unübersehbar war die Todesanzeige, die über die ganze Breite der Nordkurve aufgehängt worden war: „Wir trauern um Manuel Neuer – gestorben zwischen 2005 und 2011 – wiederauferstanden als charakterlose Marionette“.

Geboten wurde die volle Palette. Schmähungen, Pfiffe und Pöbeleien, „Komm raus, du Hure“, riefen die Anhänger bereits 45 Minuten vor dem Anpfiff. Mittelfinger wurden gestreckt, dazu verzerrte Gesichter, der pure Hass. Wurden hier Grenzen überschritten?

Ist der Tatbestand der Beleidigung gegeben? Handelt der DFB-Kontrollausschuss? Es gibt einen Paragrafen 9 in der Rechts- und Verfahrensordnung des Verbandes. Dort heißt es, dass man sich „eines unsportlichen Verhaltens“ schuldig macht, wenn man sich politisch, extremistisch, obszön anstößig oder provokativ beleidigend verhält.

Mit anderen Worten: Der Deutsche Fußball Bund hätte durchaus eine Grundlage gehabt, um ein Verfahren einzuleiten. Doch davon will man in Frankfurt nichts wissen. Auf NRZ-Anfrage wird lediglich ein schmaler Satz autorisiert: „Beim DFB-Kontrollausschuss ist diesbezüglich kein Verfahren anhängig.“

Stadion „kein rechtsfreier Raum“

Theo Zwanziger, so muss man unterstellen, kann diese Zurückhaltung kaum gefallen. In einem Interview mit der Sport-Bild hat der DFB-Boss unlängst an alle Fußball-Anhänger appelliert, „sich auch im Stadion ansatzweise so zu benehmen, wie sie es zu Hause oder am Arbeitsplatz tun.“ Das Stadion sei „kein rechtsfreier Raum“, das gelte auch „für extreme Schmähgesänge.“ Insgesamt schade sei es, dass Eltern „durch unter die Gürtellinie gehende Beleidigungen vom Stadion-Besuch abgeschreckt“ würden, „weil Eltern natürlich an die Vorbild-Wirkung für ihre Kinder denken müssen.“

Wer will da widersprechen? Die Frage ist nur: Warum sieht der DFB bislang noch davon ab, Beleidigungen zu ahnden? Weil der Tatbestand der Beleidigung juristisch nicht eindeutig zu definieren ist? Michael Ballack hat unlängst „Scheiß FC Köln“ in ein Megafon gebrüllt, dafür musste er 8000 Euro berappen, aber der Leverkusener ist auch kein Fan, er ist ein Spieler.

Gewaltforscher sieht „Pöbelkultur“ in der Fanszene

Für Spieler gelten offenbar andere Gesetze als für die Fanszene, in der sich zunehmend, so behauptet Gunter A. Pilz, eine „Pöbelkultur“ entwickele. Der Gewaltforscher aus Hannover meint die tägliche Beleidigung aus der Kurve und weniger jene Auswüchse, die immer auffälliger werden.

Vor drei Jahren sorgte eine Aktion von Dortmunder Fans für großes Aufsehen. Damals musste sich Dietmar Hopp, der Milliardär aus Hoffenheim, ein Plakat gefallen lassen, auf dem ein Fadenkreuz mitten auf sein Gesicht zielt. Dazu der Spruch: „Hasta la vista Hopp!“ In diesem Jahr gab’s dann die Antwort. Dortmunds Anhänger wurden in Hoffenheim mit Quietschtönen bearbeitet. Ein vereinseigener Hausmeister war auf die Idee gekommen, eine Krachmaschine zu bauen, um Schmähgesänge der BVB-Fans übertönen zu können. Elf Dortmunder Fans haben anschließend Anzeige wegen Körperverletzung gestellt.

Auch das passt in eine Zeit, in der mit Bierbechern, Münzen, Feuerzeugen und neuerdings sogar mit Fäkalien geworfen wird. Erst vor wenigen Wochen haben Kölner Anhänger Kot und Urin auf Schalke-Fans geschleudert. Ein wirklich unglaublicher Vorgang. Und was kommt demnächst? Ob sich das alles noch steigern lässt?

DFB wünscht sich eine Selbstregulierung in der Kurve

Rainer Koch, beim DFB für Rechtsfragen zuständig, wünscht sich eine Selbstregulierung in der Kurve und setzt auf die Vorbildfunktion der Spieler, die alle Möglichkeiten hätten, auf das Verhalten der Fans einzuwirken. Reines Wunschdenken? Schalke 04 hat sich am Sonntag jedenfalls bewusst entschieden, den Freiraum der Fans besonders nachsichtig und großzügig zu interpretieren.

Manager Horst Heldt hatte bereits am Spieltag gegenüber dem TV-Sender Sky verständnisvoll betont: „Die Fans sind einfach enttäuscht. Jeder lebt seine Enttäuschung anders aus.“ Und gestern hieß es ergänzend von Schalker Seite, dass man dem nachvollziehbaren Bedürfnis der Anhänger, ihren Unmut zu äußern, einfach Raum geben wollte.

Allerdings: Beleidigungen, die juristisch hätten relevant werden können, wollte man dann doch nicht zulassen. Entsprechende Transparente seien von Ordnern vor der Partie eingezogen worden.

Wirklich vorbildlich verhielt sich vor allem der neue Torhüter Ralf Fährmann. Der Nachfolger von Manuel Neuer im Schalke-Tor tauschte nach dem Abpfiff demonstrativ das Trikot mit seinem Vorgänger. Das zumindest war eine sehr versöhnliche Geste.

Kommentar: Ein beschämender Tag für Schalke

 
 

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