„Pferd und Reiter müssen Kämpfer sein“

Die Polizistinnen und Polizisten absolvieren täglich ein hartes Training, um bei den Einsätzen immer entsprechend reagieren zu können.
Die Polizistinnen und Polizisten absolvieren täglich ein hartes Training, um bei den Einsätzen immer entsprechend reagieren zu können.
Foto: IKZ

Dortmund.  Die berittene Polizei ist vieles, aber kein Ponyhof. Sie ist vielfältig und fordert sowohl Mensch, als auch Pferd in einem Maß, das nicht mit dem klassischen Freizeitreiten oder dem professionellen Sportreiten zu vergleichen ist.

„Kein anderer kann erleben, wie sich ein Pferd nach sechs bis acht Stunden Einsatz verhält. Das Pferd wird viel feiner und achtet sehr auf seinen Reiter“, erzählte Roman Leyendecker, Hauptkommissar und Leiter der Landesreiterstaffel Dortmund, ZEUS- Reporterin Melina Seiler bei ihrem Besuch der berittenen Polizei in Dortmund.

Die besonders intensive Beziehung zwischen den Polizisten und den Pferden wird auch bei einer Führung über das Gelände des Reitvereins nahe des Westfalenstadions ersichtlich. Schon beim morgendlichen Training am Donnerstag mit Trainer Wolfgang Klepzig fällt die Einheit, die Mensch und Pferd bilden, ins Auge. Klepzig, der ursprünglich aus dem militärischen Bereich stammt, wird sehr geschätzt. „Er ist einer der wenigen, der noch aus der alten Schule kommt und selbst Einsatzerfahrung besitzt. Damit ist er perfekt, um für die Einsatzseite zu trainieren und eben nicht nur für die sportliche“, erklärte Leyendecker.

Einsätze von zehn Stunden Länge sind die Regel

Darüber hinaus werden weitere Trainer für Formale beziehungsweise Taktik, Bodenarbeit und Gewöhnung aus den eigenen Reihen gestellt. Man darf nicht vor dem etwas raueren Umgangston in der Reithalle zurückschrecken oder ihn gar falsch verstehen. Es geht vor allem um schnelles und präzises Handeln der Pferde, das braucht klare und deutliche Kommandos. Denn genau das wird im Ernstfall in einem Einsatz gefordert. Dann muss beispielsweise sofort eine Formation gebildet werden, um Störer von ihrem Handeln abzuhalten zu können. Ein anderes Ziel des Trainings ist es, Pferd und Reiter stark und ausdauernd zu machen, um auch zehn Stunden am Tag unterwegs sein zu können. Denn das ist am Wochenende bei Einsätzen der Regelfall, sie können aber auch durchaus länger dauern.

Auch beim Gang durch die Stallungen wird die Liebe zum Pferd, die alle Polizisten verbindet, mehr als deutlich. Keine Box wird passiert, ohne dass das dazugehörige Pferd mit einem liebevollen Tätscheln bedacht wird und der ZEUS-Reporterin eine Geschichte über die besonderen Stärken des Tieres erzählt wird. Die Boxen sind wenigstens knapp 13 Quadratmeter groß. Sehr große Pferde stehen sogar in Boxen von 18 Quadratmetern. „Besonders viel Wert legen wir auch auf hohe Decken und Luft- und Lichtöffnungen“, erklärte Leyendecker. Auch wenn jeder jedes Pferd reiten können muss, hat jedes Pferd einen Stamm- und Ersatzreiter. Denn genauso wie bei Menschen untereinander muss auch zwischen Mensch und Tier die Chemie stimmen. Es ist nicht wie mit einem Fahrrad, auf das man sich einfach draufsetzt. Auch wenn die Pflege durch das Personal des Reitvereins erfolgt, kennen die Kommissare die Tiere am besten.

Oberkommissar Sebastian Kasch berichtete beim Auftrensen seines Pferdes vor der nächsten Trainingseinheit: „Für mich ist es die Verwirklichung eines Traums. Ich reite seit meiner Jugend und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Was gibt es Schöneres, als beispielsweise bei der Arbeit an den Ruhrwiesen entlangzureiten, um zu gucken, ob dort alles in Ordnung ist?“ Natürlich gleichen nicht alle Einsätze einem Ausritt in die Natur, aber auch diese Abwechslung schätzt Kasch. „Es reicht nicht, Reiter zu sein, um Polizist zu werden, aber es reicht auch nicht, Polizist zu sein, um bei der berittenen Polizei zu arbeiten.

“Um das Wohlergehen der Pferde sicherzustellen, kommt jede Woche der Tierarzt und es gibt regelmäßige Zusammenkünfte verschiedener Fachleute, also zum Beispiel neben den Tierärzten des Sattlers, des Schmieds und der Spezialisten, die die Ausrüstung anfertigen. Mit dieser übergreifenden Zusammenarbeit soll den Tieren die bestmögliche Versorgung zukommen. Der Austausch untereinander ist so wichtig, weil die Pferde bei der Polizei in ganz anderen Bereichen tätig sind als reine Sportpferde.

Die Sattelkammer, die auf den ersten Blick völlig normal aussieht, verbirgt eine Menge Spezialausrüstungen, von denen einige eigens angefertigt wurden, so beispielsweise Nasenplatte und Augenschutz für die Pferde. Denn es kommt auch vor, dass die Tiere mit Steinen beworfen werden. Zudem gibt es Regenschutz, Bein- und Knieschutz sowie natürlich Helm und Weste für den Reiter. Allein das wiegt schon 12 bis 15 Kilo. Weil die Pferde mehr Gewicht zu tragen haben und auch länger unterwegs sind als in anderen Bereichen, hat die Reiterstaffel in Dortmund Wollfilzdecken unter den Sätteln liegen. Diese sind dicker als normale Decken, und das natürliche Material passt sich besser an den Körper des Pferdes an.

Damit ein Pferd überhaupt bei der berittenen Polizei arbeiten kann, muss es eine spezielle Ausbildung durchlaufen. Dazu zählt vor allem die Grundarbeit, bei der die Muskeln trainiert werden und zugleich ein Vertrauensverhältnis zum Tier aufgebaut wird. Außerdem muss es fähig werden, auch schwere Lasten zu tragen. Bei neuen Pferden wird immer eine Probezeit mit dem Verkäufer ausgemacht, so wie momentan bei dem gerade fünfjährigen Goofy. Dabei wird jetzt geprüft, inwieweit er den Anforderungen an ein Polizeipferd entspricht. Dafür müssen die Polizisten sein „Interieur“ genau kennen lernen, also die psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen. Sechs Monate muss ein Pferd mindestens da sein, erst dann kann die Überprüfung im Springen, im Gelände, in der Dressur, der Taktik und der Formalen, die die Automatisierung von Pferd und Reiter meint, erfolgen. Ebenso in der Gewöhnung. Zuvor hat das Pferd ein Gewöhnungstraining durchlaufen, bei dem zum Beispiel auch vom Pferd aus geschossen oder mit Fahnen gearbeitet wird, die dem Tier die Sicht verdecken oder ähnliches.

Unter vier Jahren geht kein Tier auf die Straße

Allgemein ist für die Herde eine Mischung aus jungen und alten Pferden wichtig. Ebenso die unterschiedlichen Qualitäten der Tiere, denn so kann sich die Gruppe gut ergänzen. Allgemein sind nervöse Pferde, die sich viel verweigern, nicht geeignet. Sie dürfen aber temperamentvoll sein. Momentan ist ein Pferd mit 24 Jahren das älteste. Es läuft allerdings auch nur noch Streife oder einfachere Einsätze. Allgemein gilt, dass unter vier Jahren kein Pferd auf die Straße geht. Alle Pferde sind Walache, besonders stark, sowohl körperlich als auch vom Charakter, und müssen, um ein großes Sichtfeld von oben abdecken zu können, sehr groß sein. Dafür eignen sich besonders gut Westfalen, aber auch Oldenburger oder Rheinländer.

Doch nicht nur die Pferde müssen eine spezielle Ausbildung durchlaufen und bestimmte Eigenschaften mitbringen, das gilt auch für die Polizisten. Nach ihrem Studium müssen sie erstmal fünf Jahre Diensterfahrung sammeln. Danach können sie sich bei der berittenen Polizei bewerben. Dort gibt es eine Probezeit von drei Monaten. Die Polizisten lernen in dieser Zeit, alle Pferde zu reiten. Das ist eine erste Herausforderung. Jeder muss bereits vorher geritten sein und das kleine Reitabzeichen besitzen. Doch für die Meisten ist es neu, mit so vielen verschiedenen Pferden umgehen zu müssen. Außerdem geht es nicht nur um das gute Reiten an sich. „Auch gute Reiter können Angst haben. Wenn sie der nicht Herr werden, überträgt sie sich sofort aufs Pferd und dann auf die ganze Herde“, erklärte Leyendecker. „Deswegen ist es wichtig, dass die Kollegen, die zu uns kommen, eine starke Persönlichkeit haben. Sie müssen Stress ertragen können und auch teamfähig sein“, führte Leyendecker weiter aus. Nach einem halben Jahr wird die Ausbildung mit einer Prüfung abgeschlossen. Erst danach geht es auf Streife oder in einen Einsatz.

Die Polizei zu Pferd steht allerdings auch immer wieder in der Kritik: Die Pferde seien zu viel Stress ausgesetzt, das würde sie schädigen. Leyendecker sieht das aus einem anderen Blickwinkel: „Im Gegensatz zu vielen anderen Pferden stehen unsere eben nicht fast den ganzen Tag in der Box. Sie verbringen den Tag draußen mit dem Reiter und bekommen so reichlich Bewegung.“ Er will gar nicht abstreiten, dass die Tiere auch Stress haben. „Aber das haben wir auch, und das ist alles Gewöhnungssache.“ Außerdem sei der Erfolg gut. Ein Verzicht auf Pferde sei nicht möglich. Mehr „Fußtruppen“ oder Streifenwagen könnten nicht das bewirken, was mit dem Pferd möglich ist. Der bessere Überblick von oben ist unverzichtbar. Bei Fußballspielen oder Demos können die Polizisten die Menschenmasse gut überblicken und so Konflikten vorbeugen oder schnell eingreifen. An den Wochenenden ist die Reiterstaffel immer in den umliegenden Städten und Kreisen unterwegs und alle zwei Wochen bei den großen Spielen im Dortmunder Stadion mit seinen 80 000 Besuchern. Allgemein lässt sich sagen, dass sie überall dort unterwegs sind, wo es Gewaltpotenzial gibt. Je nach Bedarf werden auch schon mal 20 und mehr Pferde für einen Einsatz gebraucht, beispielsweise wenn Dortmund gegen Schalke spielt. Die Wirkung des Pferdes darf nicht unterschätzt werden. Bei der Größe wirkt es zum einen sehr mächtig und zum anderen ist es aber auch ein großer Sympathieträger. „Wir haben schon erlebt, dass die Störer am Ende die Pferde gestreichelt haben und wir friedlich auseinander gingen.“

Durch die vielen Vorteile bleibt die berittene Polizei auch in Zukunft unverzichtbar. Die Reiterstaffeln aus Dortmund und Düsseldorf werden allerdings bis zum Jahre 2021 zu einer in Bochum zusammengelegt. Deutschlandweit gibt es zehn weitere Reiterstaffeln.

20 Frauen und vier Männer bei der Dortmunder Staffel

Zu den Aufgaben der Kommissare und Kommissarinnen der berittenen Polizei zählen aber nicht nur die zu Pferd, sondern auch die im Büro. Von dort aus wird alles koordiniert, dort entstehen die Wochen- bzw. Einsatzpläne und dort werden Strategien besprochen. Von den 24 Mitarbeitern von Roman Leyendecker sind 20 Frauen und nur vier Männer. „Das liegt ganz klar an den Pferden. Meistens sind es die Frauen, die damit ihren Traum verfolgen, das Reiten zum Beruf zu machen. Für die Männer ist es nicht immer einfach, aber für mich ist das kein Grund, dem Beruf zu entsagen“, so Sebastian Kasch. 18 Pferde besitzt die Staffel momentan.

Leyendecker formuliert es ganz treffend, wenn er sagt: „Man muss es wirklich wollen.“ Denn nur dann ist die Arbeit bei der berittenen Polizei für einen die richtige. Die Polizisten brauchen Energie, um die Pferde überzeugen zu können, und die Bereitschaft, bei Wind und Wetter mit schwerster Ausrüstung stundenlang unterwegs zu sein. „Sowohl Pferd als auch Reiter müssen Kämpfer sein. Wer nicht robust ist, ist für den Job nicht geeignet.“ Doch wenn Ersteres der Fall ist, ist deutlich zu sehen, dass es sich um einen sehr abwechslungsreichen und spannenden Beruf handelt. Nicht zuletzt durch die besonderes intensive Beziehung zum Pferd, die die Polizisten eingehen. Es ist nicht immer der Ritt in den Sonnenuntergang, aber der Ritt ins Abenteuer. Deswegen können sich Sebastian Kasch und seine Kollegen auch nichts Schöneres vorstellen.

Melina Seiler

Alumni

Märkisches Gymnasium Iserlohn

 
 

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