Per Inserat zum Bürgermeister-Kandidaten

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Tönisvorst. Die FDP im niederrheinischen Tönisvorst sucht per Anzeige einen Kandidaten für das Bürgermeister-Amt, gerne auch einen Parteilosen. Dabei handeln die Liberalen nach eigenen Angaben aus Überzeugung: Sie wollen ein Ausrufezeichen setzen gegen den Parteienstaat und für die Demokratie.

Amerika liegt in Tönisvorst. „Ob die Leute dort Obama und McCain wählen, liegt doch daran, was er rüber bringt“, stellt Günter Scheuer fest. Die wenigsten läsen doch vor einer Wahl das Parteibuch. Deshalb geht die FDP im beschaulichen Tönisvorst am Niederrhein noch einen Schritt weiter. Mit aller Konsequenz: Ihr Kandidat für die Bürgermeister-Wahl 2009 soll nicht „ihr“ Kandidat sein. Sondern ein überparteilicher Bewerber. Einer der vermitteln kann „Ich bin derjenige, der Tönisvorst voranbringen kann“, wie Scheuer, Beisitzer im FDP-Vorstand des Ortes, es formuliert.

Die Partei sucht den Unparteiischen

Er hat die Kollegen im Tönisvorster FDP-Parteivorstand von der ungewöhnlichen Kandidaten-Kür überzeugt. Nun macht sich die Partei auf die Suche nach dem Unparteiischen. Wobei ein FDP-Parteibuch natürlich auch nicht gerade ein Hindernis sei. Und ein CDU- oder SPD-Parteibuch? „Wenn der sehr gute Qualifikationen hat, schließe ich überhaupt nichts aus.“ Obwohl die beiden „Großen“ natürlich schon eigene Kandidaten hätten.

Und daher soll der Neue der FDP einfach ein überzeugender Typ sein. In einem guten Bürgermeister sähe er ohnehin „eher eine Art Rathausmanager, einen Verwaltungsmanager als einen politischen Menschen“, sagt Scheuer. Ja, ist denn gar kein Mindestmaß an liberaler Gesinnung gefordert? „Ach, Gesinnung ist ein weiter Begriff“, meint der Rechtsanwalt. Freiburg habe schließlich sogar einen grünen Bürgermeister gewählt, der habe wohl überzeugt.

Einzige Chance für die Tönisvorster FDP

Es dürfte aber auch die einzige Chance der Liberalen sein, einmal ganz vorne mitmischen zu dürfen im Ort. Mit Stimmenanteilen, die so gerade die Schwelle zur Zweistelligkeit überwinden, wird die Partei keinen aussichtsreichen eigenen Kandidaten stellen können. Zehn bis zwölf Prozent habe seine Partei im Kreis Viersen erreicht, gibt Günter Scheuer an. Und ja, „die Parteilosigkeit könnte noch mehr Chancen verschaffen“. Wobei es aber um die Sache gehe, gerade die Überparteilichkeit.

Die Rechnung für die Wahl 2009 geht so: 35 Prozent für die CDU, 25 Prozent für die SPD und 40 für den Rest. Wenn „der Rest“ den FDP-Kandidaten wählt, der keiner ist, dann wird es reichen. Sogar im ersten Wahlgang. Denn die kommende Bürgermeister-Wahl ist die erste, bei der eine relative Mehrheit im ersten Wahlgang bereits ein Ergebnis liefert. Stichwahlen sind ab nächstem Jahr nicht mehr erforderlich.

Noch nie ein liberaler Bürgermeister

Einen liberalen Bürgermeister hatte der 30.000-Einwohner-Ort Tönisvorst noch nie. Einen Präzedenzfall für den aktuellen gelben Vorstoß gibt es trotzdem. Damals, als Ideengeber Scheuer zum Stadtdirektor gewählt wurde. 1989 war das, Mit Hilfe eines „Anti-CDU-Bündnisses“. Die Koalition der Unzufriedenen hob ihn mit einer Stimme Mehrheit ins Amt. Dort blieb er für die nächsten zehn Jahre. Bis in Nordrhein-Westfalen die Doppelspitze aus Verwaltungsdirektor (Macher) und Bürgermeister (Repräsentant) abgeschafft wurde. Seitdem ging es mit dem Bürgermeisteramt nach Sicht Scheuers bergab. Als politisches Amt werde das gesehen, wo es doch in erster Linie auf die Qualifikation ankomme.

Zur theoretischen Untermauerung seiner Ideen verweist der bekennende Querdenker auf den Speyerer Parteienforscher Hans Herbert von Arnim. Der zieht in seinem Buch „Die Deutschlandakte“ gegen den Einfluss der Parteien im politischen System Deutschlands zu Felde.

Praxis aus dem süddeutschen Raum

Und auch in der Praxis, ist Scheuer eifrig bemüht zu betonen, sei das Ganze Praxis so ungewöhnlich nun auch wieder nicht. Im süddeutschen Raum, seiner Heimat, sogar gang und gäbe. Dass die Initiative ein Zugeständnis an die unpolitischen Wahlen der „Mediendemokratie“ sind und an die Personalisierung der Politik, das sagt Scheuer selbst. Er verweist auf Zahlen, die auch in einer Stellungnahme auf der Internetseite des Ortsvereins zur Argumentationshilfe verwendet werden. 98 Prozent der Bevölkerung seien keine Parteimitglieder. Ein riesiger Kandidaten-Pool, der ausgeschöpft werden will auf der Suche nach den Besten und Qualifiziertesten. CDU und SPD dominierten bei vorigen Kommunalwahlen die Polit-Arena. „Ein großer Teil der Bevölkerung, nämlich viele Anhänger der anderen Parteien, blieben daher zu Hause, weil es für sie keine wählbare Alternative zu diesen beiden Bewerbern gab.“

Aber warum geht die Tönisvorster FDP solch einen Sonderweg? Eigentlich wäre doch ein Zusammenschluss der kleineren Parteien, wie schon 1989 mit dem „Anti-CDU-Bündnis“, die nächstliegende Option. Dazu will Scheuer nicht viel sagen. Es sei aber „hochinteressant“ für seine Partei, „wie die anderen Parteien reagieren werden“.

Bewerbungen nimmt die Tönisvorster FDP in wenigen Tagen entgegen. Am 15. September wird die Stellenanzeige in der kommunalpolitischen Zeitschrift „Das Rathaus“ geschaltet. Und dann wird man ja sehen. Zum Beispiel ob die Tönisvorster einer personalisierten Politik genauso viel abgewinnen können wie die Amerikaner.

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