Organisationstalente für das Web

Es gibt Dutzende von Online-Werkzeugen zur Organisation von Informationen im Netz. Forscher bei Microsoft wollen nun einen weiteren Ansatz bekannt machen: Das Anlegen von Listen über das neuartige Listentool Listas.

Das Web-Werkzeug entstand im Rahmen der so genannten "Live Labs"-Initiative, einem "schnellen Brüter" für Internet-Technologien, den der Softwarekonzern 2006 gegründet hat. Es wurde erstmals zur "Web 2.0 Summit" in San Francisco der Öffentlichkeit präsentiert. Seit Kurzem steht auch eine Preview-Version online.

Bei dem Dienst können die Nutzer ihre eigenen Listen anlegen, in dem sie selbst Inhalte eingeben oder Ausschnitte aus Web-Seiten verwenden. Außerdem ist das Lesen und Editieren öffentlicher Listen möglich. Die Inhalte können dabei äußerst verschieden sein – auch die verwendeten Mediengattungen sind frei gestaltbar, von Texten über Bilder bis hin zu Videos. Wer eine Liste anlegt, kann sich entscheiden, ob er sie auch anderen Nutzern zugänglich machen will. Mit Hilfe von Schlüsselbegriffen (Tags) lassen sich diese später leichter auffinden.

Informationen aus unterschiedlichen Quellen bequem verknüpfen

Wie andere "Social Networking"-Ansätze auch erlaubt Listas seinen Nutzern, andere Mitglieder als "Freunde" zu titulieren. Die Listen eines Nutzers, die Listen seiner Listas-Freunde und die öffentlichen Listen, die der Nutzer selbst verlinkt, werden auf einer einzigen Seite versammelt. Mit einer optionalen Werkzeugleiste, die derzeit allerdings nur mit Microsofts Browser Internet Explorer funktioniert, ist es besonders leicht, Informationen aus anderen Websites zu entnehmen und diese dann seinen Listen hinzuzufügen. Nutzbar sind kurze Textstücke, Internet-Adressen, Blog-Einträge oder Produktlisten – die Originalstruktur lässt sich dabei beibehalten.

"Listen sind ein grundlegender Datentyp im Web", erklärt Live-Labs-Produktmanager Alex Daley. Egal ob man sich nun eine Aufgabenverwaltung, ein Weblog, RSS-Feeds, Einkaufs- oder Wunschlisten ansähe, hätten doch alle die gleiche, einfache, lineare Listenstruktur. "Ein großer Anteil der Informationen, die wir im Web produzieren und konsumieren, liegen in dieser Struktur vor." Der große Vorteil von Listas sei deshalb seine Allgemeingültigkeit. Die erlaube es den Nutzern, Daten so zu organisieren, wie ihnen dies gefalle und daraus dann Trends abzulesen.

Das Teilen von Informationen mit anderen immer beliebter

Gary Flake, Gründer und Direktor der Live Labs, sagt, dass Listas aus der Idee heraus geboren sei, dass die Informationen, die im Web verteilt lägen, nicht mehr unter der Kontrolle des Nutzers seien. "Ich hatte einfach das Gefühl, dass alle meine Daten da draußen herumstehen." Das Problem werde mit der immer stärkeren Nutzung von Online-Gemeinschaften immer akuter. Die Listas-Toolbar helfe nun dabei, all diese verteilten Informationen und Beiträge zu sozialen Netzwerken an einem Ort zu versammeln, sie mit Notizen zu versehen und mit anderen zu teilen. Obwohl das auch ohne die Toolbar funktioniere, sei das System doch nur damit komplett, weil es den Prozess deutlich vereinfache, sagt Flake.

Andere Firmen versuchen, das Problem der Datenorganisation mit genauer angepassten Lösungen in den Griff zu bekommen. ZingLists teilt einige Funktionen mit Listas, etwas das Kennzeichnen von Listen als privat oder öffentlich. Der Dienst soll aber eigentlich als Produktivitätswerkzeug dienen, wie Entwickler Steve Madsen sagt. Dazu werden traditionelle Aufgabenlisten (To-Dos) angeboten. Listas bietet hingegen nicht nur To-Dos, sondern auch Weblog-Postings und RSS-Feeds – je nachdem, wie der Nutzer die Liste aufbaut.

Stärkere Einbindung von Online-Gemeinschaften geplant

Lotus Connections von IBM ist hingegen ein Geschäftssoftwareprodukt, das mit "Dogear" auch ein Bookmarking-System enthält. Das System organisiert Informationen mit Hilfe einer vernetzten Gemeinschaft. Setzt ein Nutzer ein Lesezeichen, werden sofort Tags angezeigt, die andere Nutzer zur Beschreibung eben dieses Lesezeichens eingegeben haben, erläutert Produktmanagerin Suzanne Minassian. Dogear zeigt außerdem an, wer die gleichen Sites als Lesezeichen abgelegt hat und bietet Links, die die Nutzer zu diesen Personen führt. Im Endergebnis erhält man so eine Möglichkeit, andere Nutzer zu finden, die ähnliche Interessen haben – das System verbindet sie miteinander.

Die Lista-Entwickler arbeiten laut Flake noch an weiteren Funktionen, um die Online-Gemeinschaft stärker einzubeziehen: "Man hat dabei immer dieses Huhn-und-Ei-Problem." Eine starke Gemeinschaft ziehe immer auch mehr gemeinschaftliche Aktivitäten an. Listas stellt wie die anderen Live Labs-Produkte nur eine Vorschau dar – und ist noch "roher" als die im Web 2.0 so üblichen Betaversionen, gesteht Daley ein. Der Dienst sei "work in progress". Dementsprechend viele Veränderungen seien noch zu erwarten.

Ausschneiden von Informationen soll verbessert werden

Einige diese Veränderungen sollen die Benutzeroberfläche betreffen – die Usability soll gesteigert werden. Beispielsweise könnte die Verwendung der Listas Toolbar zum Ausschneiden von Informationen wesentlich leichter sein. Auch die Kommentare will man umstrukturieren, um die Philosophie des Dienstes weiter voranzubringen. Bei den meisten Blogs sei es noch so, dass man nach der Eingabe eines Kommentars nicht mehr über diesen verfügen könne, meint Flake – er sei weder veränder- noch löschbar, weil er auf der Seite einer anderen Person stünde. Der Microsoft-Mann will Kommentare bei Listas nun aber zu einer eigenen Liste machen – und zwar einer, die dem jeweiligen Benutzer gehört, der den Kommentar abgibt.

Sollte Listas funktionieren, könnte Microsoft es in andere Produkte integrieren oder es als eigenes, neues Produkt weiterentwickeln. Aktuell geht es den Programmierern aber nicht darum, damit Geld zu verdienen. "Listas steht am Anfang eines Experiments", meint Daley.

 
 

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