Oktoberfest-Bombe: War es ein rechtes Terror-Netz?

Essen. Laut offiziellem Ermittlungsergebnis wurde das Attentat auf dem Münchner Oktoberfest 1980 von einem Einzeltäter verübt. Nun erhärtet ein neues Buch den Verdacht, die Wehrsportgruppe Hoffmann könnte hinter dem Anschlag gesteckt haben - als Teil einer europaweit agierenden Gruppierung

Es ist der 26. September 1980. In Deutschland ist Wahlkampf. Um 22.19 Uhr detonieren auf dem Münchner Oktoberfest 1,3 Kilo Sprengstoff. Die in einem Papierkorb versteckte und mit Nägeln gefüllte Bombe tötet 13 Besucher. 211 werden schwer verletzt. Der Attentäter Gundolf Köhler stirbt bei dem Anschlag. Man findet von ihm nur noch wenige Körperteile.

1700 befragte Zeugen

Nach der Befragung von 1700 Zeugen, der Ausarbeitung von 100 Gutachten und der Prüfung von 800 Einzelhinweisen ergeben die Ermittlungen: Köhler war ein sozial isolierter und verbitterter Einzeltäter. Vermutungen, eine rechtsextreme Terror-Gruppe, die damals bekannte und gefürchtete „Wehrsportgruppe Hoffmann”, könnte hinter dem Anschlag stecken, werden strikt zurückgewiesen. Dafür gebe es keine Hinweise.

Jetzt, fast 30 Jahre danach, äußert sich die Bundesregierung erstmals wieder - und sehr viel vorsichtiger. Die Grünen im Bundestag haben ihr 300 Fragen gestellt, die sich auf ein neu erschienenes Buch des Autors Tobias von Heymann beziehen. „Die Oktoberfest-Bombe” beruht teilweise auf Papieren der DDR-Staatssicherheit, die die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin zur Verfügung stellte.

Die Kernthese

Heymanns Kernthese: Der Anschlag von München war politisch motiviert, wurde von der Wehrsportgruppe vorbereitet und stand möglicherweise sogar in Zusammenhang mit anderen Attentaten wie dem auf dem Bahnhof von Bologna. Dort hatte es zwei Monate zuvor 85 Tote gegeben. Gab es also, nur kurz nach dem blutigen Terror der RAF des Jahres 1977, eine europaweite Terrorwelle mit rechtem Hintergrund und vielen Toten, die westeuropäische Regierungen und Ermittler lange nicht wahrhaben wollten?

Das Buch wird von der Bundesregierung ernst genommen. Sie leitete es dem Generalbundesanwalt zur Prüfung zu. Zwar ist die Karlsruher Behörde zum Ergebnis gekommen, dass sie aus den Informationen „keine neuen zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte” herauslesen kann, die die Wiederaufnahme des Verfahrens begründen könnten. Aber das Bundesinnenministerium formuliert weit zurückhaltender: Der Wahrheitsgehalt könne „derzeit nicht verifiziert werden”. Denn: Es werde noch eine Überprüfung der in der Birthler-Behörde gebunkerten einschlägigen Stasi-Unterlagen nötig sein.

Lichtsignale vor der Explosion

Einige Spuren, die gegen die Einzeltäter-These sprechen, bestätigt das Innenministerium. Ja, Zeugen hätten kurz vor der Explosion auf dem Oktoberfest „Lichterscheinungen ähnlich einer Leuchtrakete” gesehen - war es das Signal zum Losschlagen? Ja, ein Foto Gundolf Köhlers sei ein Jahr vor dem Attentat auf dem Titel eines Propagandablatts der Wehrsportgruppe zusammen mit deren Mitgliedern zu sehen gewesen. Ja, auch in der Notiz des bekannten Neonazi O.H., der Kontakte zu einer anderen Wehrsportgruppe hatte, sei Köhlers Name gefunden worden - möglicherweise nur, um ihn anzuwerben.

Schließlich räumt das Ministerium den anonymen Anruf einer französisch sprechenden Frau am Tag nach dem Münchner Attentat ein, die sich mit den Worten „Wir sind die Rechten von Bologna” zu dem tödlichen Anschlag bekannte. Die Spur endete für die Fahnder in der Sackgasse: „Die anonyme Anruferin konnte nicht ermittelt werden”.

Die Wehrsporgruppe Hoffmann

Andere Buch-Hypthesen werden direkt zurückgewiesen. Eine zweite Bombe habe es nach den Erkenntnissen der Ermittler nicht gegeben, sagt die Bundesregierung heute. Und zu Vermutungen und Verschwörungstheorien, eine von Nato-Ländern gestützte Geheimorganisation namens „Gladis” habe im Hintergrund die Fäden gezogen, macht Berlin ohnehin dicht.

Wer war die Wehrsportgruppe Hoffmann? 440 Rechtsextreme hatten sich Mitte der 70er-Jahre um Karl-Heinz Hoffmann gesammelt. Man übernahm den „Saalschutz” für die NPD, lieferte sich Schlägereien mit linken Gruppen. In der Natur übten die Wehrsportler an Waffen, verfügten sogar über ausgemusterte Bundeswehrfahrzeuge. Manche Mitglieder waren in Mord- und Gewaltdelikte verwickelt. Es gab Netzwerke bis weit in rechte Organisationen anderswo in Europa. 1980 wurde die Wehrsportgruppe verboten. Ihr Gründer widmete sich fortan mehr dem Immobiliengeschäft.

Auf den Spuren von 1980

Ansätze zur weiteren Recherche gibt es also noch. Doch ob das Dickicht der Gerüchte und Spuren um das Attentat vom 26. September 1980 je gelichtet werden kann, ist offen. Die Asservaten - Bombenreste sowie Körperteile, die keinem Opfer zugeordnet werden konnten und deshalb auf einen zweiten Täter schließen ließen - sind den Regeln geklärter Fälle entsprechend längst vernichtet.

Bleibt nur die Hartnäckigkeit von Zweiflern wie der SPD-Politikerin Hertha Däubler-Gmelin und dem Opfer Ignaz Platzer, der an dem September-Abend von München zwei Kinder verlor. Und letztlich auch eine Äußerung des damaligen bayerischen Innenministers Gerold Tandler (CSU), der am Tag danach - voreilig? vorlaut? - geredet hatte: „Alle Ermittlungen sprechen dafür, dass die Angehörigen der Wehrsportgruppe Hoffmann schuld sind an diesem Massenmord auf der Wiesn”.

 
 

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