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NRW-Schüler trauen sich nicht mehr ins Ausland

Die 16 Jahre alte Nadine (r.) aus Haltern am See ist für zehn Monate in Süd-Australien. sie gehört zum letzten  Jahrgang ohne Schulzeitverkürzung. Und genießt die Zeit.                                           Foto: Bauer
Die 16 Jahre alte Nadine (r.) aus Haltern am See ist für zehn Monate in Süd-Australien. sie gehört zum letzten Jahrgang ohne Schulzeitverkürzung. Und genießt die Zeit. Foto: Bauer
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Die Schulzeitverkürzung bremst das Fernweh von Schülern. Um bis zu 50 Prozent sind die Bewerbungen von NRW-Schülern um Auslandsaufenthalte im ersten reinen Turbo-Abiturjahrgang zurückgegangen.

Essen. . Die Schulzeitverkürzung bremst das Fernweh von Schülern. Um bis zu 50 Prozent sind die Bewerbungen von NRW-Schülern um Auslandsaufenthalte im ersten reinen Turbo-Abiturjahrgang zurückgegangen.

Die Verunsicherung bei Schülern, Lehrern und Eltern in Sachen Auslandsaufenthalt ist groß. Und die meisten entscheiden sich derzeit im Zweifelsfall dagegen. „Viele verzichten aus Sorge um den schulischen Erfolg im Zweifelsfall lieber auf ein Auslandsjahr“, vermutet Sonja Wickel vom ASF Internationale Be­gegnungen e.V., einem der ältesten Anbieter von Auslandsaufenthalten für Schüler. Auch in ihrer gemeinnützigen Organisation hat es dramatische Einbrüche bei den Bewerbungen um Auslandsaufenthalte aus NRW beim ersten Jahrgang gegeben, der allein aus G8-Schülern besteht. Zur Zeit ist der Doppeljahrgang aus Schülern mit und ohne Schulzeitverkürzung – G8 und G9 – an der Reihe.

Beim ebenfalls gemeinnützigen Anbieter Experiment e.V. aus Köln hat man die Erfahrung gemacht: „Das Problem sind oft auch die Schulen. Die sagen Eltern und Schülern, das geht jetzt nicht mehr.“ Dabei gibt es durchaus weiterhin Möglichkeiten. Der Gesetzgeber bietet alternative Regelungen an.

Zu G9-Zeiten war die Klasse 11 das klassische Jahr der Stoffwiederholung und damit ideal für einen Auslandsaufenthalt. In NRW können Schüler nun wegen der Schulzeitverkürzung entweder nach der Klasse 9 oder nach der 10 ins Ausland gehen.

Viele sind jetzt zu jung

Wer nach der 9 geht, hat die Wahl, ob er sich für das Jahr beurlauben oder sich das Auslandsjahr anerkennen lässt und quasi ein Jahr überspringt. Das wird in Absprache von Eltern, Schülern und Schule entschieden, wobei der Notendurchschnitt mindestens bei 3 liegen sollte. Gleich, wofür man sich entscheidet, gibt es beim Auslandsjahr nach der 9 das Problem, dass die Schüler dann gerade mal 14 oder 15 Jahre alt sind. Ein Alter, in dem viele noch zu viel mit sich selbst zu tun haben, um ein Jahr ohne die eigene Familie im Ausland zurechtzukommen. Wer aber erst nach Klasse 10 geht, muss sich für das Jahr beurlauben lassen, da ausländische Leistungsnachweise fürs Abitur nicht angerechnet werden. Noten aus der 11 zählen aber schon fürs Abitur. Die gute Nachricht für BAföG-Bezieher: Auch bei einer Beurlaubung wird das Auslandsjahr nicht in die BAföG-Zeit eingerechnet.

Rüdiger Käuser, Vorsitzender der westfälischen Schuldirektorenvereinigung, mag noch nicht beurteilen, ob Auslandsaufenthalte unter den neuen Bedingungen schwieriger in die Schulkarriere einzubauen sind als früher. „Uns fehlen da noch die Erfahrungswerte. Das Interesse bei Schülern und Eltern ist weiterhin da, aber die meisten trauen sich, wenn überhaupt, nur noch kürzer ins Ausland.“

Beurlauben lassen mag sich seiner Erfahrung nach kaum ein Schüler. Vor allem deshalb, weil sie zu ihren alten Jahrgangskameraden zurückkehren möchten. Käuser rät eher zu einem halben als einem ganzen Jahr im Ausland.

Konrad Großmann, Vorsitzender der rheinischen Direktorenvereinigung, plädiert weiterhin ausdrücklich für Auslandsaufenthalte. „Das ist einfach gut für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Die Schüler werden selbstständiger, machen wichtige Erfahrungen. Aber ein halbes Jahr sollte es mindestens sein.“

Stipendien möglich

Das sehen viele gemeinnützige Anbieter ähnlich. Ein verkürzter Auslandsaufenthalt reiche vielleicht, um die Sprache zu erlernen. Aber nicht, um sich wirklich auf die fremde Kultur einzulassen, so ihr Einwand.

Knapp ein Drittel der jährlich über 13 000 Schüleraustausch-Plätze in Deutschland stellen gemeinnützige Anbieter, die im AJA organisiert sind. Darunter finden sich neben ASF und YFU auch die Rotarier und das Parlamentarische Patenschaftsprogramm der Bundesregierung. Viele dieser Angebote können durch Stipendien finanziert werden.

Der Einbruch bei den Bewerbungen betrifft aber auch kommerzielle Anbieter. Die reagieren nun vermehrt mit Kurzzeitangeboten von wenigen Wochen bis zu sechs Monaten. Vor allem die sehr Kurzen werden gut gebucht.

 
 

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