"Nicht in meinem Namen!" - Protest gegen Pegida-Slogan "Wir sind das Volk"

Vier Stimmen (v.l.: Franz-Josef Overbeck, Christina Kaiser, Oliver Bierhoff, Karl Lempert)  - eine Meinung: "Pegida spricht nicht in meinem Namen"
Vier Stimmen (v.l.: Franz-Josef Overbeck, Christina Kaiser, Oliver Bierhoff, Karl Lempert) - eine Meinung: "Pegida spricht nicht in meinem Namen"
Foto: (dpa/Fotopool)
Die islamkritische Bewegung Pediga skandiert auf ihren Demos "Wir sind das Volk". Die Antwort der Andersgesinnten lautet: "Nicht in meinem Namen".

Essen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat unlängst in ihrer Neujahrsansprache erklärt, was sie sich vom Volk wünscht: "Folgen sie denen nicht", war ihr Statement bezüglich der Pegida-Demonstranten. Und das Volk folgt: Rund 10 000 Gegendemonstranten sind am vergangenen Montag dem Aufruf des 22-jährigen Theologiestudenten Stephan Orth in Münster nachgekommen. „Ich möchte in Münster keine Bilder haben, wie in Dresden“, sagte Orth. Die Gegenbewegung formiert sich jedoch nicht nur auf den Straßen, sondern bietet auch Widerstand im Netz. War die erste Reaktion auf Pegida eine satirische - unter dem Hashtag #schneegida wurde in den Sozialen Medien über Pegida gespottet - beziehen nun Menschen unter dem Hashtag #nichtinmeinemnamen deutlich Stellung gegen den von Pegida propagierten Slogan "Wir sind das Volk."

Die Online-Petition „NoPegida – Für ein buntes Deutschland“ auf der Petitionsplattform www.chance.org haben mittlerweile fast 300 000 Menschen unterschrieben. Ziel von Initiator Karl Lempert sind eine Million Unterschriften. "Es ist Zeit, zu bekennen, dass 'Wir sind das Volk' unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion gilt", so Lempert. Die ProPegida-Petition hat bisher nur knappe 40 000 Unterstützer. Die Stimme des Volkes tendiert damit in eine Richtung und wird lauter, da zahlreiche Prominente, darunter Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff, Altbundeskanzler Helmut Schmidt und TV-Moderator Thomas Gottschalk, öffentlich in den Kanon gegen Pegida eingestimmt haben.

Willkommenskultur für Flüchtlinge

Genau diese Stimmung demonstrieren engagierte Bürger aktuell in einer ehemaligen Dortmunder Schule. Die vormalige Abendrealschule in der Adlerstraße 44 wurde in den vergangenen Wochen zur Notunterkunft für Kriegsflüchtlinge hergerichtet. Inzwischen leben 45 Menschen aus zwölf Nationalitäten dort. Für insgesamt 120 Menschen bietet die Schule Platz.

Die gemeinnützige Organisation "Verbund sozial-kultureller Migrantenvereine DO" (VMDO) hat das Flüchtlingslager eingerichtet und erhält Unterstützung von Anwohnern rund um die Schule. Neben den obligatorischen Kleiderspenden stehen sie den Flüchtlingen bei Behördengängen, Sprachförderung oder der Kinderbetreuung zur Seite. Für Lagerleiterin Christina Kaiser sind Parolen wie "Wir sind das Volk" von daher auch "polemisch" und "Politik sollte solche Strömungen nicht unterstützen". Seit Projektbeginn gäbe es eine Welle von Freiwilligen, die sich auch über die Facebook-Gruppe "Flüchtlingshilfe Adlerstraße" organisieren und eine Atmosphäre der Willkommenskultur schaffen wollen.

Christoph Brodesser, Leiter der Nationale Hilfsgesellschaft des Deutschen Roten Kreuzes, bestätigt dieses aufgekommene Engagement von Freiwilligen. "An allen Standorten bieten ehrenamtliche Helfer ihre Hand an." Derzeit gäbe es 15 Zentrale Unterbringungseinrichtungen in NRW. Zusätzlich bestehen sieben weitere, die im Bedarfsfall genutzt werden könnten. Von Parolen wie "Wir sind das Volk" oder "Nicht in meinem Namen" halte Brodesser wenig. "Wir sollten uns nicht nur auf Slogans beschränken, sondern Taten folgen lassen."

"In der Kirche gibt es keine Ausländer"

Im ARD-Format "Das Wort zum Sonntag" verbat sich Pfarrer Wolfgang Beck aus Hannover, dass Pegida in seinem Namen spricht. "Die selbst ernannten Retter des Abendlandes meinen etwas schützen zu müssen, was ihnen längst abhandengekommen ist", so Beck.

Die Bonner Hauptkirche machte ebenfalls klar, dass die Botschaft von Pegida nicht mit der christlichen Botschaft vereinbar sei. "In der Kirche gibt es keine Ausländer." Dieser Satz des früheren Kölner Erzbischofs, Joseph Kardinal Höffner, bestimme das Leben der katholischen Kirche in Bonn. Die Kirche hat unter Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki die Initiative "Neue Nachbarn" gegründet. "Wir pflegen eine ausgeprägte Willkommenskultur gegenüber den Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen, vor allem all jener, die ihre Heimat verlassen mussten", erklärte Monsinore Wilfried Schumacher, Dechant von Bonn. "Fremdenhass, Rassismus und jegliche Form des Extremismus lehnen wir strikt ab."

Die evangelische Theologin Margot Käßmann reihte sich in den Chor der Anti-Pegida-Bewegung ein. "'Haltet Frieden untereinander' schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessalonich (5,13). Das würde ich heute gern nach Dresden und andere Orte schreiben, wo Pegida Unfrieden sät", so Käßmann.

Overbeck plädiert für vorbehaltlose Gastfreundschaft 

Auch das Bistum Essen stellt sich gegen die Proteste gegen eine vermeintliche Überfremdung der Gesellschaft. "Das Boot ist lange noch nicht voll. Es ist absurd zu behaupten, dass Justiz, Kultur und Politik hierzulande vor einer Islamisierung stünden", sagte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck in seiner Weihnachtsbotschaft. Overbeck nennt die Rituale der Angst und Hetze "beschämend". Millionen Menschen müssten vor Terror und Unterdrückung fliehen, verlören ihren Besitz, ihre Familie und ihre Heimat. "Wir sind eine integrationsfähige Gesellschaft, in der wir Christen helfen, Raum zu schaffen für Solidarität und für die Achtung der Würde aller Menschen", so Overbeck weiter. Er rief die Christen zu einer vorbehaltlosen Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen auf.

Man müsse zwischen Flüchtlinge und religiösen Fanatikern differenzieren und diese nicht gleichsetzten. Die Menschen haben schließlich vor diesen Fanatikern Zuflucht gesucht. (mrx)

 
 

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