Bergkamen

Nazis trieben Rünther in den Tod

Uniformierte Nazis bei einem Umzug zum Ertedankfest 1933 auf der Lentstraße
Uniformierte Nazis bei einem Umzug zum Ertedankfest 1933 auf der Lentstraße
Foto: WR
489 führende Mitglieder der KPD ließ der durch Hermann Göring eingesetzte Landrat Wilhelm Tengelmann in den frühen Morgenstunden des 12. April 1933 durch die Polizei und ihre nazitreuen Hilfskräfte verhaften.

Bergkamen. . 489 führende Mitglieder der KPD ließ der durch Hermann Göring eingesetzte kommissarische Landrat Wilhelm Tengelmann im Kreis Unna in den frühen Morgenstunden des 12. April 1933 durch die Polizei und ihre nazitreuen Hilfskräfte verhaften. Ein großer Teil wurde zum neu eingerichteten KZ Schönhausen in der damaligen Bergarbeitergemeinde Bergkamen gebracht.

Rund 200 Personen konnte das Lager nach Schätzung des Stadtarchivars Martin Litzinger aufnehmen. Die übrigen Gefangenen wurden zu umliegenden Gefängnissen, Zuchthäusern und Sammellagern transportiert – unter anderem zur berüchtigten Dortmunder Steinwache. Dort, aber auch in Schönhausen gehörten Folter und Misshandlungen durch die Wachmannschaft zum Alltag der Gefangenen.

„Sadistisch und pervers“

Als „sadistisch und pervers“ bezeichnete der Kaufmann Dr. Busch aus Unna die Quälereien, die er nachts am 13. April 1933 in Bergkamen erlitten hatte, ein Jahr später in einem Beschwerdebrief an den Nachfolger von Tengelmann. Geschlagen worden sei er von SA- und SS-Leuten mit einer Eisenstange und einem Gummiknüppel. Folge der Schläge auf seinen Kopf sei der Verlust seines Geruchssinnes.

Fast 1000 Frauen und Männer gerieten bis zur Auflösung des Lagers am 24. August 1933 in Schönhausen in die sogenannte Schutzhaft. Den KPD-Mitgliedern folgten Sozialdemokraten, Gewerkschafter und auch rund ein Dutzend Personen jüdischen Glaubens. Deshalb musste möglichst schnell Platz in dem ehemaligen Wohlfahrtsgebäude an der Lentstraße geschaffen werden. Auch dafür hatte Landrat Tengelmann dank seiner hervorragenden Verbindungen zum preußischen Innenminister Göring und zu dessen Polizeiführung im Ruhrgebiet und Rheinland gesorgt.

Sammeltransport nach Brauweiler

Bereits am 15. April 1933 erfolgte per Bahn der erste Sammeltransport mit 60 Gefangenen zum Konzentrationslager Brauweiler in Pulheim bei Köln. Wenige Stunden später erhängte sich dort der Häftling und ehemalige KPD-Funktionär Ernst Bronheim. Für die Historiker Hermann Daner und Josef Wißkirchen, die die Geschichte des KZ Brauweilers erforscht haben, steht fest, dass die Ursache für diesen Selbstmord in den vorher erlittenen Misshandlungen in Schönhausen zu suchen seien.

Gerüchte, Bronheim sei während des Transports von Wachmannschaften erschossen worden, dementierte die NS-Nachrichtenstelle im Kamener Rathaus sofort und drohte, wer in Zukunft solche Gerüchte in die Welt setze, „wird sofort verhaftet“.

Die neuen Machthaber machten keinen Hehl daraus, was hinter den Mauern des Wohlfahrtsgebäudes geschah. Die Schreie der Gequälten waren bis weit in die Bergarbeitersiedlung Schönhausen zu hören. Mindestens zwei Mal standen Berichte über das Lagerleben im Hellweger Anzeiger und anderen nicht verbotenen Tageszeitungen im Kreis Unna. „Das neue Deutschland aber will ein Kulturstaat sein und deshalb auch mit seinen jetzt ohnmächtigen Feinden menschlich verfahren“, heißt es beschönigend in der Ausgabe des HA vom 30. Mai. Und nur wenige Sätze weiter: „Hier lernen sie endlich einmal das Gesetz des Unterordnens; denn hier gilt nur ein Wille: der des Lagerkommandanten, und der wieder handelt nach dem Willen und im Sinne unseres großen Führers Adolf Hitler.“

NS-Nachrichtenzentrale gab den Text vor

Vermutlich hat auch hier kein Redakteur das Lager von innen gesehen und gedruckt wurde das, was die die NS-Nachrichtenstelle im Kamener Rathaus als Text vorgegeben hatte. Das geschah auch so einen Monat vorher bei einem Bericht über die „Geburtstagsfeier“ für Adolf Hitler am 20. April 1933. Im Kamener Stadtarchiv befindet sich dazu das Manuskript, das am 24. April 1933 im Hellweger Anzeiger veröffentlicht wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war die sozialdemokratische Zeitung „Der Hammer“ längst von den Nazis verboten worden. Ihr Chefradakteur Walter Poller, nach dem jetzt eine Straße in Schönhausen benannt ist, war zeitweise Häftling in Schönhausen. Ebenfalls in Bergkamen viel gelesen wurde der Dortmunder Generalanzeiger. Er musste sein Erscheinen einstellen, nachdem am 20. April 1933 eine Hitler-Karikatur zu dessen Geburtstag veröffentlich hatte.

 
 

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