„Mundraub.org“ zeigt den Weg zu Gratis-Obst

Essen.. Lust auf Obst - aber gratis soll es sein? Das Internet-Portal „Mundraub.org“ zeigt, wo es herrenlose Obstbäume gibt. Für die Macher sind es „kostbare Ressourcen“, die vielfach ungenutzt verderben. Erste Einträge gibt’s auch schon fürs Ruhrgebiet.

Der frischste Tipp ist erst wenige Tage alt: „Diverse Obstbäume frei zugänglich“, und zwar an der Kreuzung Tiergarten-/Dortmunder Straße in Castrop-Rauxel, Ortsteil Schwerin, heißt ein Hinweis. Und ein paar Kilometer östlich im benachbarten Herne findet sich ein weiterer Eintrag im Ruhrgebiet: Auf einer viereckigen Wiese neben einer Kleingartenanlage im Stadtteil Eickel verspricht ein Tipp-Geber: „Drei Apfelbäume“ - herrenlos, versteht sich.

Mundraub.org“ heißt die Internet-Plattform, die seit wenigen Monaten per Google-Maps-Karte Wege zeigt zu Gratis-Obst. Zumeist sind Apfel-, Kirsch- oder Pflaumen-Bäume aufgelistet. Aber auch Mirabellen- und Maulbeerbäume sind erfasst. Die meisten Fundorte sind bisher in Ost-Deutschland, doch auch in NRW, in Österreich, Italien, Mazedonien, auf der Insel Bornholm, selbst in Marokko gibt es bereits Einträge.

Erntehilfe made in Berlin

„Der in Marokko ist von mir“, sagt Katharina Frosch, Mit-Initiatorin des Projekts, das schon kurz nach dem Start im November 2009 bereits mit dem Deutschen Nachhaltigskeits-Preis ausgezeichnet wurde. Bei einem Kongress in Marrakesch hatte die 32-Jährige im vergangenen Herbst mitten in der Stadt eine Zitrusbaum-Allee entdeckt und gleich auf der Mundraub-Karte markiert. „Ob man die Früchte pflücken darf, weiß ich nicht“, hat die Innovations-Ökonomin dazu notiert. Falls mal wer vorbeikommt rät sie: „Am besten Einheimische fragen“.

Ohnehin will Mundraub.org kein freakiges Web 2.0-Projekt sein: „Wir wollen die Menschen miteinander ins Gespräch bringen“, erklärt Katharina Frosch: „Es gibt mehr Menschen mit einem vollem Obstgarten, den keiner mehr aberntet, als man denkt“.

Für Tipp-Geber gilt: Wer etwas in die Online-Karte einträgt, „tut das auf eigene Verantwortung und sollte sicher stellen, dass man da wirklich frei pflücken darf“, erklärt Frosch. Eingezäunte Wiesen sind bei den Mundraub-Machern genauso tabu, wie etwa Gartengrundstücke. Und Pilzfundstellen haben die Erntehelfer generell aus ihrem Portal ausgeschlossen.

„Wir wollen nicht zum Plündern der Natur aufrufen “. Vielmehr haben sie die Hege und Pflege von Bäumen im Blick, die vielfach ein Schattendasein am Straßenrand fristen. Und ein bisschen ist das Ganze auch ein Kampf gegen Globalisierung und Verschwendung: „Unser Obst in den Läden stammt aus China und sogar aus Neuseeland“, sagt Katharina Frosch. Sie will helfen, „die Schätze vor der Haustür wieder zu entdecken“.

Fünf End-Zwanziger bis -Dreißiger stecken hinter dem Portal, das bisher reines Hobby ist. „Die Idee haben wir auf einer Kanutour geboren“, sagt Katharina Frosch. Beim Paddeln entdeckten sie „haufenweise Obstbäume am Ufer - und wir hatten Obst aus Argentinien als Proviant“. Noch am selben Abend saßen sie dann beim Bierchen in Berlin und überlegten: „Da muss man doch was machen.“ Mittlerweile gibt es mehrere Hundert Besucher auf der Seite am Tag, etwa 500 Fundstellen in Deutschland - und „ein paar Dutzend sehr aktive Tagger“, die Obstbäume in die Online-Karte eintragen.

Pflücken erlaubt

Im Herner Kleingartenverein „KGV Gartenstadt“ kommt die Idee gut an: „Das ist eine schöne Sache“, meint Vorstand Michael Brinsa. Die Streuobstwiese mit den Apfelbäumen auf der Mundraub-Karte ist in der Tat frei zugänglich, sagt Brinsa: „Die
gehört der Stadt, aber da hat keiner was dagegen wenn gepflückt wird.“ Brinsa kennt noch ein paar weitere Stellen, nur wenige Schritte entfernt und überlegt: „Eigentlich könnte man sowas ja mal den Tafeln vermitteln - die verteilen doch auch Obst an Bedürftige.“

„Pflücken erlaubt“ heißt es auch beim Landesbetrieb Straßen.NRW. Gut 600.000 Bäume wachsen entlang den Landstraßen und Autobahnen zwischen Aachen und Ost-Westfalen-Lippe, sagt Landespfleger Frithjof Wagner. Er schätzt: „Etwa ein bis zwei Prozent davon sind Obstbäume“, zumeist an kleineren Landstraßen. Deren Früchte zu ernten „ist erlaubt“, versichert Wagner, wenn auch nicht so einfach: Die Bäume sind größer als in normalen Gärten, wegen des Autoverkehrs, „da braucht man zum Ernten eine Leiter“. Und man muss auf den Verkehr aufpassen.

Die bis dato fünf „Mundraub“-Einträge in NRW - unter anderem Birnenbäume in Köln-Pesch, eine Pflaumenbaumplantage in Swisttal und „leckere Äpfel“ in Mechernich - ließen sich noch tüchtig aufstocken, meint Wagner: „In Bochum-Eppendorf haben wir im vergangenen Jahr 54 Walnussbäume gepflanzt“ - Teil des „100-Alleen-Programms“ der damaligen schwarz-gelben Landesregierung. Seit zwei Jahren ist ein Radweg in Möhnetal bei Rüthen auf etwas mehr als einem Kilometer von 120 Obstbäume gesäumt. Im März 2007 hatte der damalige NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg in Bonn 110 Obstbäume gepflanzt - „Äpfel, Birnen Pflaumen und Kirschen“. Und bei Soest, an der Landstraße L 746 zwischen Ostinghausen und Eickelkamp und an der L 848 bei Erwitte-Böckum „haben wir Jahrzehnte alte Birnbaum-Alleen stehen“. Wagner: „Und das sind längst nicht alle Stellen im Land“.

Die Mundraub-Macher wollen ihre Plattform unterdessen erweitern. Im Herbst ist ein weiteres Projekt geplant, „zur regionalen Trinkkultur“, sagt Katharina Frosch. Genaues verrät sie noch nicht, aber es soll um Obstsaft gehen. Frisch aus der Region und von herrenlosen Bäumen - versteht sich.

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