Mitarbeiter empfinden Jobs bei Amazon als "entwürdigend"

Ein Blick in das Amazon - Logistikzentrum in Rheinberg, das Mitte Februar offiziell eingeweiht wurde.
Ein Blick in das Amazon - Logistikzentrum in Rheinberg, das Mitte Februar offiziell eingeweiht wurde.
Foto: WAZ FotoPool
Ständige Kontrolle der Arbeit, Abmahnung für zu häufige Toiletten-Gänge: „Das Schlimmste ist der fehlende Respekt“, hat eine Verdi-Sprecherin einmal über die Arbeitsbedingungen beim Internethändler Amazon gesagt. Ein Eindruck, den Ilka Meier aus Rheinberg bestätigen kann.

Rheinberg. Ilka Meier möchte nicht, dass ihr wahrer Name in der Zeitung steht. Nicht, weil es ihr unangenehm ist, was sie zu erzählen hat, oder weil sie sich für etwas schämt, was sie empfunden hat. Im Gegenteil: Sie möchte, dass viele Menschen von ihren Erlebnissen erfahren. Aber bei ihrem Arbeitgeber hat sie eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben müssen, dass sie nichts von dem öffentlich macht, was sie intern erfahren hat. In Foren im Internet und auch in unserer Zeitung hat die 44-Jährige inzwischen einiges von dem gelesen, was ihre Kollegen aus Werne und Rheinberg berichten. Und nach einem Monat Arbeit sagt sie: „Alles von dem, was da geschildert wird, stimmt. Und es ist oft sogar noch schlimmer.“ Der Arbeitgeber von Ilka Meier heißt Amazon. Und es ist nicht so, dass sie keiner vor der Arbeit im Logistikzentrum des Internet-Versandhändlers gewarnt habe.

„Da willst du hin?“ hatten Freunde und Bekannte skeptisch nachgehakt und berichtet, dass es hier „ganz schön heftig“ zugehen soll. Aber Ilka Meier ließ sich davon nicht beeinflussen. „Ich bin ein Typ, der sich gerne selbst ein Urteil bildet“, gibt sie zu. Und nach mehreren Monaten der Arbeitslosigkeit als Werbekauffrau, nachdem ihr Erspartes aufgebraucht war, war sie es leid, nun auch noch Hartz IV zu beziehen.

"Menschenwürdig ist die Arbeit bei Amazon nicht"

Deshalb nahm sie auch jene unqualifizierte Tätigkeit an, die ihr ihre Arbeitsvermittlerin vorgeschlagen hatte. Doch heute, vier Wochen später, hat sie sich krank gemeldet. „Ich kann einfach nicht mehr, ich bin am Ende“ sagt sie. Nicht, weil die anstrengende Arbeit, das Packen von zum Teil schwerer Kisten und die acht Stunden im Stehen ihr auf Dauer zu anstrengend gewesen seien und auf die Knochen gingen. Eher, weil sie die Arbeitsatmosphäre hier nicht mehr ertragen konnte. „Ich bin niemand, der in der sozialen Hängematte liegen möchte. Ich will arbeiten gehen. Aber ich möchte einen menschenwürdigen Job. Und menschenwürdig ist die Arbeit bei Amazon nicht“, sagt Ilka Meier.

Und dann schildert sie von den morgendlichen Zusammenkünften, bei denen alle Kollegen vor einem Vorgesetzten stehen und Fragen beantworten müssen. Oder aus der Gruppe nach vorne kommen müssen, wenn sie gelacht oder auch nur „Hej!“ zu einem Kollegen gesagt haben. „Das hat etwas mit Vorführen zu tun“, sagt die 44-Jährige. „Und mit Schikane.“

Ständige Überwachung der Arbeit

Hinzu kam das dreifache Schlangestehen und Passieren der Sicherheitsschleuse am Tag (morgens, zur Pause und beim Ausgang), die ständige Überwachung und Kontrolle bei der Arbeit selbst und immer wieder die Angst vor Abmahnungen: Wenn man im Treppenhaus nicht den Handlauf benutzt hat, wenn das Paket falsch gepackt wurde oder sich das Klebeband löste, wenn man vergaß, die Werbung hineinzulegen – oder auch , wenn man zu oft auf Toilette ging. „Innerhalb des ersten Tages habe ich so viel von Vorschriften und Verboten gehört, dass ich dachte, das ist Dreck, hier zu arbeiten. Und dann noch so eingepfercht. Das war einfach entwürdigend. So etwas habe ich vorher nie erlebt.“ Dabei, betont sie, „habe ich gar kein Problem damit, dass ich mich an Regeln halten muss. Aber hier bekommt man das Gefühl, dass man nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, sondern als Produktionsmaschine.“

„Hier wird das Gefühl vermittelt: Jeder ist ersetzbar“

Kommentar Laut Vertrag sollte sie für einen Monatslohn von 1671,60 Euro pro Woche 38,75 Stunden arbeiten. Gleich in der ersten Arbeitswoche wurde ihr mitgeteilt, dass sie montags grundsätzlich eine Stunde länger arbeiten müsse und in acht Wochen fünf Samstage arbeiten soll. Wenig später sah ein neuer Schichtplan für sie schließlich elf Tage Arbeit am Stück vor, inklusive zwei Samstagen und zwei Sonntagen. Doch ihr Versuch, dagegen vorzugehen, scheiterte. „Das ist halt so“, hieß es. Andere Kollegen – darunter zahlreiche Ausländer – hätten sich gar nicht getraut, die Dienstpläne oder Arbeitsbedingungen überhaupt zu kritisieren. „Mit denen kann man es machen“, sagt Ilka Meier nachdenklich. „Die brauchen ihren Job und haben Angst, ihn zu verlieren. Und sie wissen: Wenn sie nicht funktionieren, sind sie weg vom Fenster.“

Der Durchlauf bei Amazon sei jedenfalls enorm: „Jeden Tag sehen wir 70 bis 80 neue Leute, die hier sitzen und sich vorstellen“, schildert die 44-Jährige. „Die hören hier etwas von Übernahme und ich sehe ihre funkelnden Augen und denke mir: Lasst euch doch nicht verarschen.“ Denn sobald man am Band stehe, ändere sich alles: „Dann wird einem nur noch das Gefühl vermittelt: Jeder ist ersetzbar.“

Auch für die 44-Jährige aus Rheinberg muss nun ein Ersatz gesucht werden. Nach körperlichen und seelischen Problemen hat ein Arzt sie erst einmal krankgeschrieben. Und Ilka Meier weiß: „Zu diesem Arbeitgeber gehe ich nicht zurück.“ Als sie jetzt Medikamente für sich abholen wollte, habe die Apothekerin sie ganz erstaunt gefragt: „Was haben Sie denn gemacht?“ Ihre Antwort: „Ich habe bei Amazon gearbeitet.“

 
 

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