„Mit ika sind wir auf die Schnauze gefallen“

1971 wurde an der Höh die Internationale Kunststoffhausausstellung (ika) eröffnet. Monika Geitmann wurde Miss ika 1971.
1971 wurde an der Höh die Internationale Kunststoffhausausstellung (ika) eröffnet. Monika Geitmann wurde Miss ika 1971.
Foto: WR

Lüdenscheid.. Die Zukunft begann in Lüdenscheid – und endete auch gleich wieder recht rüde. Vor 40 Jahren wurde auf der Höh die ika – die Internationale Kunststoffhausausstellung – eröffnet. Heute entdeckt man kaum noch Spuren davon.

Leben und Wohnen in Kunststoff – so war die ika 71 überschrieben und was da präsentiert wurde, wirkt selbst heute noch utopisch.

Auf dem 70 000 Quadratmeter großen Gelände wurden sehr unterschiedliche Objekte im Zeitgeist der 60er-Jahre ausgestellt. „Orion“ und „Futuro“ wirkten wie Raumschiffe, der „Bio-Dom“ , ein kuppelförmiges Gebäude aus Hartschaumstoffblöcken, taugte sogar zum Überlebenssystem.

Am 31. Juli 1971 – also vor 40 Jahren – wurde die Ausstellung unter dem Motto „Die Welt zu Gast in Lüdenscheid“ eröffnet. Damalige Showgrößen wie Daliah Lavi und Dunja Rajter standen auf der Bühne, die Chefsprecherin des Bayerischen Fernsehen, Petra Schürmann, übernahm die Moderation.

Und Lüdenscheid hatte eine Reihe von prominenten Besuchern: So sah sich NRW-Innenminister Willi Weyer als erster die ika-Ausstellung auf der Höh an und sogar der damalige Bundeskanzler Willy Brandt kam.

Ein Objekt wurde inzwischen zur postmodernen Kunst-Ikone: „Futuro“, entworfen von dem finnischen Architekten Matti Suuronen.

Das Einraumgebäude mit einem Durchmesser von acht Metern hatte eine Wohnfläche von 50 Quadratmeter und einen Kranz aus ovalen Fenstern.

Eine Nutzung war nur schwer möglich, da die Form kaum eine Möblierung zuließ. Geschlafen wurde in Sesseln, die entlang der Außenwand aufgestellt war und sich um einen Kamin in der Mitte gruppiert. 1968 kostete das Haus 12 000 Dollar. Etwa 60 Futuros wurden gebaut, etwa elf Stück existieren heute noch, Fans listen jedes gefundene Objekt im Internet auf.

So auch das, das Cora Geißler auf einem Schrottplatz im Berliner Stadtteil Treptow fand. Mit Hilfe von Museen, Instituten und Hochschulen gelang es Cora Geißler, den Futuro mit der Seriennummer 13 wieder in den Urzustand zurückzuversetzen.

Ein weiteres Futuro stand in den 1970er-Jahren bei dem Aktionskünstler Charles Wilp auf dem Dach seines Hauses im Düsseldorfer Stadtteil Wittlaer am Rhein. Im Jahr 1973 wurde Wilp untersagt, das Futuro auf dem Dach stehen zu lassen, da es das Stadtbild störe. Das Futuro dient heute als Chill-Out-Raum für Forscher in der Arktis.

Eines der Ufos stand für knapp 40 Jahre in Vlotho; das Gebäude wurde als Sitzungssaal eines Unternehmens genutzt.

Obwohl rund 500 000 Menschen die ika vom August 1971 bis Herbst 1973 besuchten, war die Verkaufsausstellung finanziell kein Erfolg.

Die Konzepte des Kunststoffhauses wurden von der breiten Masse nicht akzeptiert. Dazu kam die Ölkrise von 1972, die den Kunststoff enorm verteuerte. Außerdem wurde Plastik von der erstarkenden Umweltbewegung verteufelt. Die Kunststoffhäuser hielten auch nicht der sauerländischen Witterung stand: Bereits 1974 sickerte das Regenwasser durch die undichten Wände, Fenster und Türen hatten sich verzogen – kurz: alles lag in Trümmern.

3 Millionen Mark
Verlust

Kurz: Die Baugesellschaft Sabag – und damit auch Hans Werner Schmöle – machte pleite. Der gebürtige Werdohler Schmöle war bis 1970 in der Lüdenscheider Bauverwaltung tätig.

Dann wurde er beurlaubt, um die ika zu organisieren. Das Ergebnis: Drei Millionen Mark Verlust, die Stadt klagte auf Zahlung von 103 000 Mark für rückständige Pacht, 1975 wurden die kläglichen Reste zwangsversteigert. Hans Werner Schmöle: „Mit der ika sind wir auf die Schnauze gefallen.“ Und damit endete der Zukunft des Lebens in Kunststoff.

 
 

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