Mit dem Schmerz leben lernen

Dr. Stephanie Böddecker und Prof. Dr. Gertrud Haeseler (r.) gaben Auskunft beim WAZ-Medizinforum.
Dr. Stephanie Böddecker und Prof. Dr. Gertrud Haeseler (r.) gaben Auskunft beim WAZ-Medizinforum.
Foto: WAZ FotoPool

Dorsten.. Viele Betroffene beim WAZ-Medizinforum können die Schilderungen von Prof. Dr. Gertrud Haeseler und Dr. Stephanie Böddecker aus eigener Erfahrung bestätigen. Fibromyalgie, die starke chronische Schmerzen an verschiedenen Stellen des Körpers auslöst, wurde bei ihnen erst nach langer Zeit richtig diagnostiziert. „Dabei ist es keine rätselhafte Krankheit“, betont Dr. Böddecker, die im Ärztezentrum am Marler Marienhospital eine rheumatologische Schwerpunktpraxis betreibt.

Die Definition

Fasermuskelschmerz, so lautet die „Übersetzung“ für Fibromyalgie. Die große Mehrheit der etwa eine Mio. Betroffenen bundesweit sind Frauen ab 30. Als Erkrankung ist sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt, „hat deshalb nichts mit Einbildung zu tun“, betont Böddecker. Symptome sind starke Schmerzen in wechselnden Körperregionen, einhergehend mit Schlafstörungen und Müdigkeit. Schwellungen an Händen und Füßen können auftreten, ebenso Reizungen von Magen und Darm sowie Angstzustände und Depressionen. Eine gestörte Schmerzverarbeitung führt zu starker Empfindlichkeit. „Die Reizschwelle ist abnorm abgesenkt“, beschreiben die Medizinerinnen.

Nicht verwechseln

Die Fibromyalgie ist nicht zu verwechseln mit entzündlichen Prozessen wie Arthritis oder Verschleißerscheinungen wie Arthrose die ebenfalls Schmerzen auslösten können. Wichtig ist die Unterscheidung von der rheumatischen Polymyalgie – sie wirkt auf die Nerven und erfordert eine umgehende Cortisonbehandlungen, weil ansonsten Erblindung droht.

Jahrelange Odyssee

Oft führt der erste Weg die Betroffenen zum Orthopäden. „Besser wäre oft ein Hausarzt oder Internist“, so die Erfahrung der Rheumatologin. Nicht selten vergehen Jahre und viele erfolglose Behandlungsversuche bis zur korrekten Diagnose. Prof. Haeseler: „Die Patienten gehen von Arzt zu Arzt.“

Die Diagose

Zwar gilt es, eine lange Reihe von anderen Erkrankungen auszuschließen, die Diagnose Fibromyalgie sei aber nicht besonders schwierig, so Dr. Böddecker. „Wichtig ist, dass ein Blutbild gemacht wird.“ So könne sich ein entzündlicher Prozess, wichtiges Ausschluss-Kriterium für Fibromyalgie, definitiv bestätigen oder aber ausschließen lassen. „Leider erlebe ich immer wieder, dass noch nicht einmal das gemacht wurde“, beklagt Dr. Böddecker.

Die Therapie

Auf eine sogenannte „multimodale Therapie“ setzt die Schmerzambulanz des St. Elisabeth-Krankenhause. „Eine gute medikamentöse Einstellung ist wichtig, aber der Griff zum Rezeptblock allein hilft nicht“, sagt Prof. Dr. Haeseler. Nach eingehendem Gespräch und körperlicher Untersuchung arbeiten die Schmerzmediziner zusammen mit Orthopäden, Neurologen, Physiotherapeuten und Psychologen, um einen Weg zum Leben mit dem Schmerz zu finden. „Oft muss Angst überwunden werden, die Inaktivität und der soziale Rückzug, den die Krankheit zur Folge hat“, so Prof. Haeseler. „Wichtig ist zu erkennen, was möglich ist. Der Schmerz darf nicht mehr das zentrale Thema im Leben sein.“

Heilung

„Geht das wieder weg?“, lautete eine Frage beim Medizinforum. „Nein“, so die eindeutige Antwort der Medizinerinnen, „aber ich kann damit leben lernen.“ Die gute Nachricht für die Betroffenen: Die Fibromyalgie ist kein zerstörerischer Prozess.

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