Mit dem Davidstern endete die Kindheit

Foto: Henryk Brock

Unna.. Henriette Kretz war fünf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Als einziges Mitglied ihrer Familie überlebte sie als Kind den Holocaust. Gestern erzählte die 76-Jährige im Rahmen des Projekts „Zeitzeugen begegnen Schülerinnen und Schülern“ im Forum der Stadthalle ihre Geschichte.

200 Zehntklässler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, der Anne-Frank-Realschule und der Gesamtschule Königsborn hörten die Geschichte eines Schicksals, wie es sich zwischen 1939 und 1945 zu tausenden zugetragen hat. „Meine eigene Familie und ihre Geschichte kann ich ihnen erzählen“, stieg die in Lemberg geborene Ukrainerin in ihre Ausführungen ein. Und die Geschichte der Jüdin Henriette Kretz war bis zum fünften Lebensjahr die einer glücklichen Kindheit „mit Hund, Kindermädchen und spielenden Kindern im Hof.“

Bis zu jenem Tag, als der Vater, ein Arzt, die ersten verwundeten und schreienden Soldaten versorgte. „Krieg ist etwas Schreckliches, das habe ich da schon gewusst“, erinnert sich die zierliche Frau, die heute in Antwerpen lebt. Kurz darauf kamen die ersten deutschen Soldaten. „Sie waren groß, blond und lächelten“, so Kretz, „wie konnten die denn so böse sein?“

Von da an veränderte sich das Leben des jüdischen Kindes grundlegend: Die Familie musste plötzlich Davidsterne tragen und in ein jüdisches Viertel ziehen, Henriette Kretz wurde von befreundeten Kindern verstoßen und schließlich standen die Soldaten vor ihrer Tür. Die Familie versteckte sich schließlich in Lemberg, wurde verraten, dann deportiert und in ein Vernichtungslager gesteckt.

„Mit sieben Jahren war mir im Vernichtungslager bewusst, dass ich zum Tode verurteilt war“, blickt sie zurück. Doch sie überlebte, weil sie sich, nachdem sie Zeugin des Mordes an ihren Eltern geworden war, an eine Freundin des Vaters erinnerte, die ein Waisenhaus leitete. Einen Monat später endete der Krieg.

„Das war schon ziemlich interessant“, fasst der 16-jährige Marc von der Anne-Frank-Realschule zusammen. „Vor allem, wie die Leute damals verfolgt wurden.“ Seine Großeltern hätten den Krieg zwar auch miterlebt, doch die habe er danach noch nicht gefragt, so der Zehntklässler.

 
 

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