Mikrobiologe hält Sprossen-Spur bei Suche nach Ehec-Quelle für plausibel

Sprossen als Ehec-Quelle? In der Vergangenheit habe es schon häufiger solche durch Sprossen verursachte Ausbrüche gegeben, so ein Mikrobiologe. (Foto: imago)
Sprossen als Ehec-Quelle? In der Vergangenheit habe es schon häufiger solche durch Sprossen verursachte Ausbrüche gegeben, so ein Mikrobiologe. (Foto: imago)
Den Sprossen-Verdacht als Quelle des Ehec-Erregers hält ein Mikrobiologe für „sehr plausibel“. Am Montag-Nachmittag sollen erste Ergebnisse aus den Untersuchungen eines Betriebes im Raum Uelzen veröffentlicht werden.

Berlin. Nach Ansicht des Mikrobiologen Alexander Kekulé sind Sprossen als möglicher Auslöser für die Ehec-Epidemie „sehr plausibel“. Sie seien „von Anfang an einer der üblichen Verdächtigen“ gewesen, weil sie als Beilage zu verschiedenen Gerichten dienen und immer wieder neu geerntet und verteilt wurden, sagte der Experte von der Universität Halle-Wittenberg am Montag im ARD-“Morgenmagazin“. Es habe in der Vergangenheit schon häufiger solche durch Sprossen verursachten Ausbrüche gegeben.

Sprossen können nicht abgewaschen werden

Die Bedingungen, unter denen Sprossen keimen, seien ideal für die Vermehrung von Bakterien, sagte Kekulé im NDR. Die Erreger seien zudem nicht wie bei Gurken oder Tomaten auf der Schale, sondern „richtig drinnen“ in den Sprossen und könnten nicht abgewaschen werden, fügte er hinzu. In der ARD äußerte sich der Mikrobiologe zugleich zuversichtlich, dass die Ehec-Epidemie schnell eingedämmt werden könnte, wenn sich die Sprossen als Infektionsquelle bestätigen sollten.

Niedersachsens Behörden hatten am Wochenende Sprossen von einem Erzeuger in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen als mögliche Quelle für die rasante Ausbreitung des Darmkeims identifiziert. Bestätigt ist dies bislang aber noch nicht. Die Testergebnisse sollten im Laufe des Montags vorliegen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) starben in Deutschland inzwischen mindestens 21 Menschen an Ehec. Bundesweit erkrankten bisher mehr als 1500 Menschen, 627 davon schwer.

Niedersachsen verteidigt Ehec-Verdacht gegen Betrieb in Uelzen

Das niedersächsische Agrarministerium ist ungeachtet skeptischer Stimmen aus Politik und Wissenschaft nach eigenen Angaben sicher, dem Ursprung der Ehec-Erreger auf die Spur zu sein. Man es sei überzeugt, die Hauptquelle oder zumindest eine Hauptquelle für die Infektionen gefunden zu haben, sagte ein Sprecher am Montag in Hannover. Erste Ergebnisse der Untersuchungen von Proben aus dem Saatgutbetrieb in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen sollen am frühen Nachmittag veröffentlicht werden.

Mit Nachdruck arbeiten die niedersächsischen Behörden derzeit an dem Nachweis des Ehec-Erregers auf Sprossen. Vermutlich am Nachmittag würden die ersten Ergebnisse aus dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) vorliegen, sagte der Sprecher des Landwirtsschaftsministeriums, Gert Hahne, am Montag auf dapd-Anfrage in Hannover.

Bei den ersten Proben soll es sich um Untersuchungen von dem in dem Uelzener Gartenbaubetrieb verwendeten Wasser sowie Tupferergebnissen von Arbeitstischen und Belüftungssystemen handeln. Allerdings sei es durchaus möglich, dass bei den Tests keine Ehec-Erreger mehr gefunden würden. Parallel würden daher die Vertriebswege weiter erforscht. Bereits am Sonntag hatte Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) erklärt, dass möglicherweise der EHEC-Nachweis nicht mehr erbracht werden könne.

Der Geschäftsführer des „Gärtnerhof“ Bienenbüttel, Klaus Verbeck, sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er könne sich keinen Reim auf die Vorgänge und Vorwürfe machen. Die Sprossen wüchsen nur aus Saatgut und Wasser und würden nicht gedüngt. Auch in anderen Geschäftsbereichen des Hofes werde kein tierischer Dünger verwendet, nicht einmal Hornmehl.

Lübecker Gastwirt sieht sich bei Ehec-Verdacht entlastet

Der Lübecker Gastwirt, der am Wochenende auf der Suche nach der Ehec-Infektionsquelle ins Visier der Ermittler geraten war, ist nach eigener Einschätzung entlastet. Im Lokal seien keine Ehec-Erreger festgestellt worden, sagte Joachim Berger, der Besitzer des Lübecker „Kartoffelkellers“ sowie von zwei weiteren Restaurants in der Stadt.

Getestet wurden den Angaben zufolge Stuhlproben von 11 der 35 Mitarbeiter. Dies betraf Angestellte in der Küche. Kellner und Büroangestellte wurden laut Berger nicht getestet. Die Proben waren auf Anordnung und auf Kosten des Wirtes genommen und von der Laborärztlichen Gemeinschaftspraxis Lübeck untersucht worden. Die Ergebnisse seien der Lübecker Gesundheitsbehörde mitgeteilt worden, sagte Berger.

Nach der Nachricht, Sprossen könnten die Ehec-Infektionswelle ausgelöst haben, hat Berger sämtliche Sprossen in seinem Lokal vom Speiseplan genommen: „Bei uns ist nicht eine Sprosse mehr im Haus.“ Der Wirt hatte seine Sprossen vom Fruchthof Mölln bezogen, der wiederum in Verbindung mit einer Gärtnerei in Bienenbüttel stehen soll.

Verbraucherzentrale kritisiert EHEC-Informationspolitik der Behörden

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat die Informationspolitik der Behörden im Zusammenhang mit den gefährlichem Darmerreger Ehec kritisiert. Es sei „ein bisschen unglücklich, wenn einzelne Landesminister dann vorpreschen mit Befunden“, sagte der Leiter des Fachbereichs Gesundheit, Stefan Etgeton, am Montag im Deutschlandfunk. „Blöd ist es, wenn sie sich dann am Ende auch noch als halbwahr herausstellen und die Einordnung in das Gesamtgeschehen nicht passiert“, sagte er.

Etgeton äußerte den Wunsch, dass die Kommunikation möglichst von einer legitimierten Organisation auf Bundesebene, dem Robert-Koch-Institut (RKI) ausgeht. „Ich hätte mir auch jetzt in Niedersachsen gewünscht, dass man gemeinsam mit dem RKI die Dinge kommuniziert und auch einordnet“, sagte er. Bereits zuvor habe es Unklarheiten und Unstimmigkeiten bei den Warnungen gegeben. Zugleich kritisierte er, dass die Lebensmittelüberwachung in Deutschland sehr zersplittert sei. „Da gibt es einiges, was man besser machen kann“, sagte er.

In Bezug auf den Verdacht auf Sprossen sagte er: „Wir wissen ja, dass Sprossen auch in Japan schon Ehec-Infektionen ausgelöst haben“. Möglicherweise hätten die Behörden stärker nachfragen müssen. Dies werde man vermutlich aber erst im Nachgang klären und sollte man auch erst klären, „wenn wir tatsächlich wissen, es waren die Sprossen“, betonte Etgeton. (dapd/afp/rtr)

 
 

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