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Griechenland

Merkels Endspiel

16.06.2012 | 06:00 Uhr
Merkels Endspiel
Griechenlands Abschied vom Euro wäre laut dem Ifo-Institut die bessere Alternative.Foto: dapd

Morgen wählen die Griechen – den Euro ab? So einfach ist es nicht. Die Linksradikalen, vor denen in Europa jetzt alle warnen, wollen die griechischen Reformbedingungen nachverhandeln. Aber das wollen die Konservativen, die als die Braven gelten, ebenso. Aber die Konservativen wollen: die Renten anheben, die Arbeitslosenhilfe verlängern (um ein Jahr!), die Steuern senken und die Staatsausgaben erhöhen. Und wer zahlt die Party? Die Linksradikalen wiederum wollen den Superreichen, die dem griechischen Volk ihre Steuern vorenthalten, die Abzüge erhöhen und Schlupflöcher schließen. Fazit: Wer die Bösen sind in dem griechischen Rennen der Populisten, ist überhaupt nicht klar. Womöglich löst diese Wahl nicht ein einziges Problem.

Es hat Gründe, weshalb niemand sich danach drängt, Angela Merkel als Kanzlerin abzulösen. Ganz gleich, wer am Sonntag gewinnt: Am Montag muss Merkel entscheiden, ob die Griechen im Euro bleiben können oder eben nicht. Und wenn es zum „Grexit“, zum griechischen Ausscheiden kommt, wenn dann klar ist, man kann auch herausfliegen aus dem Euro, wer und wie sollte dann Spanien schützen, danach Italien und schließlich Frankreich? Deutschland, der einzig zahlungsfähige der Musterschüler (zu denen auch Österreich, Polen und Finnland gehören) etwa? Wie sollte Merkel dem deutschen Steuerzahler oder Sparer erklären, für, sagen wir, französische Schulden gerade zu stehen, wenn Frankreichs Präsident einem Teil seiner Landsleute erlaubt, mit 60 in Rente zu gehen, während die Deutschen demnächst bis 67 arbeiten müssen?

Merkel hat als Regierungschefin eines föderalen Staates wenig Probleme, sich eine politische Union Europas vorzustellen, in der Macht von den Nationalstaaten, auch aus Berlin, nach Brüssel verlagert wird. Zentralstaaten wie Frankreich, Spanien und Italien ticken völlig anders. Für sie bedeutet politische Union, dass die Deutschen zuerst ihre Mastercard mit ihnen teilen. Merkel versteht darunter zuerst ein Stabilitätsbündnis nach deutschem Muster, danach die Mastercard. Wie soll sich das alles zurechtrappeln? Am Montag beginnt das Endspiel um den Euro. Es wird Merkels härtestes Match.

Ulrich Reitz


Kommentare
18.06.2012
00:04
Merkels Endspiel
von oldizarw | #4

Wenn die Arbeitslosigkeit bei annähernd zwanzig Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei vierzig Prozent liegt, wenn Lebensmittelgutscheine an Schüler verteilt werden - dabei eine längere Lebensarbeitszeit zu fordern oder die Verlängerung der Arbeitslosenhilfe und Rentenerhöhungen schon als "Party feiern" zu bezeichnen, dann kann man nur feststellen, dass einem der eigene Populismus (des Herrn Reitz) (ihm) gar nicht mehr auffällt, sondern dass mit populistisch immer "die anderen" gemeint sind.
Demokratische Konzepte beruhen auf der Überzeugung, dass es in den Gesellschaften gerecht zu gehen soll, dass gemeinsam erarbeiteter Wohlstand angemessen unter allen Beteiligten aufgeteilt werden soll. Dass ist schon in unserer Gesellschaft nicht der Fall, da sich die Kluft zwischen arm und reich immer weiter öffnet. Der Zivilisationsgrad der europäischen Gemeinschaft muss sich aber gerade im Umgang mit denen messen, die nicht das hohe Leistungsvermögen haben

17.06.2012
18:42
Merkels Endspiel
von silera | #3

Wieso entscheidet Merkel ob die Griechen im Euroraum bleiben ? Sie hat doch nicht die alleinige Machbefugniss dazu.Sicherlich hat sie gegenüber dem deutschen Steuerzahler
eine Verantwortung.Aber hat sie einmal auf den Steuerzahler rücksicht genommen?
Den Banken wurde das Geld hinten reingeschoben,auch jetzt sind die Hauptverdiener an der Griechenlandkrise die Banken und Spekulanten. Merkel regiert nicht sondern das Kapital. Es hetzt Regierungen gegen einander auf , läßt die Menschen ausgepreßt am Strassenrand liegen. Da sollte man den Hebel ansetzen. Dazu gibt es garkeine Alternative Frau Merkel

17.06.2012
13:44
Zweitens,
von Plem | #2

jetzt kommen wieder die üblichen Verdächtigen und beschwören ein Untergangsszenario nach dem anderen für den Fall, daß die Griechen nicht "demokratisch korrekt" wählen. Man sollte das etwas gelassener sehen und als Chance begreifen, die harte Austeritätspolitik Merkels korrigierend zu verändern. Übereinstimmend mit den Forderungen der Syriza wäre es doch durchaus begrüßenswert, die Profiteure der nun schon ins fünfte Jahr gehenden Bankenkrise an der Bewältigung derselben zu beteiligen. Ich jedenfalls werde heute Abend einer der ersten Deutschen sein, die ein Glückwunschschreiben an info@syriza.gr schicken werden mit der beiläufigen Erwähnung, daß bei weitem nicht alle Deutschen hinter Merkels Politik stehen.

17.06.2012
13:43
Erstens,
von Plem | #1

Merkel hat es noch nie für nötig gehalten, den Deutschen irgendetwas von ihrem Tun zu erklären; sie führt die Basta-Politik ihres Vorgängers bis zur Perfektion fort. Sie überschüttet uns mit Segnungen aus dem Füllhorn ihrer unerschöpflichen Weisheit und erklärt uns diese für alternativlos. Und so muß sich das dumme Volk bei ihrem Tun immer seinen eigenen Teil dazu denken. Könnte es also vielleicht sein, daß die Rente mit 67 und die von ihr für unzureichend gehaltene, aber letztendlich unterstützte Umsetzung der Agenda 2010 dazu diente, dem vor acht Jahren noch als "kranker Mann Europas" geltenden Deutschland gegenüber den anderen europäischen Staaten einen unlauteren Wettbewerbsvorteil zu verschaffen? Wer weiß, Merkel hat und wird es uns wahrscheinlich nie erklären, dafür aber ist das Resultat dieser Politik in Europa heute für jeden sichtbar.

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