Mantateller aus der rollenden Pommesbude

Von Heino Baues
André Kattner betreibt einen mobilen Imbiss auf dem Platz der Partnerstädte
André Kattner betreibt einen mobilen Imbiss auf dem Platz der Partnerstädte
Foto: WR

Bergkamen.  Der Begriff „Essen auf Rädern“ hat mit André Kattner in Bergkamen eine andere Bedeutung erhalten. Fünf Mal in der Woche hängt er an sein Auto seine rollende Pommesbude an und steuert damit den Platz der Partnerstädte sowie die beiden Wochenmärkte auf den Nordberg an. Vor einem Jahr hätte der 30-jährige Lünener vermutlich jeden, der ihm gesagt hätte, er werde mit dem Verkauf von Manta-Tellern, Erbsensuppe und Kartoffelplätzchen seine Brötchen verdienen, für verrückt erklärt. Damals arbeitete der gelernte Einzelhandelskaufmann noch im Lager von Rewe in Dortmund. Doch als der Einjahresvertrag auslief, wollte das Lebensmittelunternehmen ihn nicht verlängern.

„Wir haben dann im Familienrat darüber gesprochen, wie es weitergehen kann“, berichtet André Kattner. Mit seinen Eltern und seiner Verlobten Simone kristallisierte sich im Gespräch immer deutlicher der Plan heraus, es mit Catering, wie es neudeutsch heißt, auf Märkten zu probieren. Ursprünglich sollte das Angebot ausschließlich aus Reibeplätzchen bestehen, dies aber in allen erdenklichen Varianten. Deshalb wurde das Mini-Unternehmen „Knolle 82“ genannt. Dieser Name steht auch heute noch auf der Außenwand des kleinen Imbisswagens.

Unterstützung, diesen Plan in die Tat umzusetzen, gab es nicht nur von seiner Familie, sondern auch von der Agentur für Arbeit. Damit wollte die Bundesbehörde Arbeitslosen den Weg in die Selbstständigkeit ebnen. „Ich gehöre wohl zu den Letzten, die ihre Hilfe Ende vergangenen Jahres noch erhalten haben“, sagt Kattner. Die Unterstützung beschränkte sich nicht nur auf Geldzahlungen. Sie gibt es auch in Form von jeder Menge Expertentipps einer Unternehmensberatungsfirma. „Für diese Pommesbude gibt es einen richtigen Businessplan.“

Ein Rat hieß sicherlich, flexibel zu sein. Als Andrè Kattner merkte, dass es mit Kartoffelplätzchen nicht so gut läuft, hat er sein Angebot ausgeweitet.

Und dann kam auch noch Glück hinzu. Sein Vorgänger auf dem Platz der Partnerstädte, dessen Spezialität Grünkohl ist, musste sein Geschäft gesundheitsbedingt aufgeben. Seit Februar steht er drei Mal in der Woche auf dem Platz zwischen Kaufland und Ratstrakt. Und viele seiner Stammkunden sind genau so mobil wie er. Ernst zum Beispiel wohnt in der Alten Kolonie am Kurt-Schuhmacher-Platz. Regelmäßig radelt der 82-jährige von dort in Richtung Rathaus. Die Erbsensuppe mit Würstchen von André Kattner schmeckt ihm vorzüglich. Dazu trinkt er eine Tasse Kaffee und lässt sich zum Schluss für Zuhause noch zwei Reibeplätzchen einpacken.

Menschliche Anteilnahme ist keine Geschäftsmasche

Der Mann in der rollenden Pommesbude kennt inzwischen nicht nur die kulinarischen Vorlieben seiner Stammkunden, sondern auch ihre persönliche Geschichte. „Du bist ja wieder aus dem Krankenhaus heraus“, ruft er dem älteren Mann zu, der in einem Elektro-Rollstuhl vorfährt. „Wie immer?“, fragt er. „Wie immer!“, lautet die Antwort. André Kattner packt ihm eine Bratwurst im Brötchen ein und steckt sie in eine Tasche, die am E-Rollstuhl baumelt. „Die nimmt er jetzt mit und isst sie Zuhause“, erklärt er.

Auf dem Platz der Partnerstädte bleibt er in der Regel bis 16.30 Uhr. „Dann kommt mein letzter Stammkunde am Busbahnhof an.“ Er arbeitet in der Marina Rünthe beim Hellweg-Industrieservice, erklärt Kattner. Hierbei handelt es sich um eine Werkstatt des Pertheswerks für psychisch Kranke.

Diese menschliche Anteilnahme ist keine Geschäftsmasche, sondern spürbar echt. Und dieser direkte Kontakt zu den Menschen ist es, die André Kattner an seinem neuen Job am meisten gefällt. Seine rollende Imbissstube würde er deshalb nie mit einem schnöden stationären Imbiss tauschen wollen.