Maischberger und das fehlende Vertrauen in der Arbeitswelt

Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer braucht in der heutigen globalisierten Wirtschaft klare Spielregeln. Foto: Dirk Bauer / WAZ
Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer braucht in der heutigen globalisierten Wirtschaft klare Spielregeln. Foto: Dirk Bauer / WAZ
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Wie steht es um das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Wem nützt der Kündigungsschutz? Das war Thema bei

Essen.. Talkmasterin Sandra Maischberger fragte: Ist der deutsche Arbeitnehmer verwöhnt oder versklavt? Ihre Gäste stritten über: Wer ist ärmer dran - der Arbeitnehmer oder der Arbeitgeber? Am Ende war es eine Sendung voller geöffneter Problem-Dosen, doch ohne erhellenden Austausch.

Wie funktionieren eigentlich Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der heutigen globalisierten Wirtschaft zusammen - was hat sich verändert? Das wäre als Thema der Sendung passender gewesen. Denn bereits im ersten Wortbeitrag von Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm ging’s um Grundsätzliches: Das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern fehlt. beklagte Blüm und schwärmte von der guten alten Zeit. Fühlte sich Blüm bei Opel früher als Teil einer Familie, die zwar über den Chef meckerte, aber sobald von Außen angegriffen wurde, fest zusammenhielt; so seien Führungspersonen heute lediglich Durchreisende. Figuren, die nach folgenschweren Misserfolgen einfach weiterziehen und in einem anderem Unternehmen weitermachen - und das mit einer großen Abfindung in der Tasche. „Hire and Fire“-Handhabe und der Arbeiter als Nummer – austauschbar, wenn die Leistung sinkt.

Viele Problem-Herde, aber kein Ergebnis

Auf diese Attacke reagierte Rechtsanwalt Helmut Naujoks - als Vertreter von Arbeitgeberinteressen - leider nicht mit einer ebenso klaren Kante. Er wich aus, warf Blüm vor, lediglich zu einer weiteren Verhärtung der Fronten - Arbeitnehmer & Arbeitgeber - beizutragen. Naujoks war quasi das schwarze Schaf der Runde. Der Anwalt sagt: Niemand ist unkündbar und beschreibt in seinem Buch Fälle, in denen Betriebsräte und Schwangere aus Betrieben „gegangen wurden“. Er vertritt die These: „Arbeitnehmer sind nicht immer Opfer, sondern oft auch Täter.“ Allerdings drückte sich Naujoks mit süffisantem Grinsen und der steten Berufung auf die anwaltliche Schweigepflicht um jede Konkretisierung seiner Aussage. Kein Wort zu den populären Fällen um die Entlassung wegen des Verzehrs eines Tellers Maultaschen, dem Einlösen zweier fremder Pfandbons, drei geklauter Schrauben. „Alles Einzelfälle, Extremfälle und nicht Realität in der Wirtschaft“, behauptet der Jurist. Dass seine Aussage „Arbeitgeber wollen vertrauensvoll mit den Arbeitnehmern zusammenarbeiten“, nicht ganz stimmig ist mit den Thesen seines Buches, überging er kurzerhand mit Worthülsen und abrupten Ausweichmanövern. Das war sehr durchsichtig, doch schaffte es auch Moderatorin Sandra Maischberger nicht, den Rechtsanwalt zu klaren Antworten zu bewegen.

Braucht Wirtschaft Moral?

So blieb die Runde - ohne einen starken Diskussionspartner auf der Arbeitgeberseite - leicht hinkend im Nebulösen hängen.

Norbert Blüm schlug derweil weiter in dieselbe Kerbe. Das fehlende Vertrauen, die fehlende Zusammenarbeit sei ein grundsätzliches gesellschaftliches Phänomen und nicht nur ein Problem der Wirtschaft. Blüm avancierte zum Alleinunterhalter und prophezeite der voranschreitenden Entwicklung ein Ende innerhalb der nächsten 20 Jahre. „Die Welt geht unter. Wir brauchen die Moral und internationale Spielregeln, die daran erinnern, menschlich zu handeln.“

Für die Amerikanerin Heather de Lisle, freie TV-Moderatorin und Journalistin, hat Moral jedoch rein gar nichts in der freien Wirtschaft zu suchen. Ihre Thesen: Die Menschen wollen die Flexibilität. Hinter der Rolle Arbeitgeber zu sein, stecke nicht die Idee sich Freunde zu machen, sondern Geld. Kündigungsschutz störe die Firmenproduktivität, wenn faule Mitarbeiter unkündbar sind.

Alles Quatsch, findet wiederum Gewerkschaftssekretärin Christine Frank. Sie sieht die Tricks der Anwälte, „Unkündbare“ zu entlassen, am Rande der Legalität. „Arbeitnehmer, die vor Angst gelähmt sind und sich sogar krank ins Büro schleppen, sind nicht förderlich für die Produktivität eines Unternehmens.“

Viele Meinungen, keine Diskussion, keine Lösung.

Und als Steigerung der Frontstellung zwischen Arbeitgebern und -nehmern wurde auch noch die Rolle der Zeitarbeitsfirmen debattiert. Sklavenhändler oder Chancengeber?

Norbert Blüm setzte sie mit Zuhältern gleich, die ihre Leute verkaufen und selbst am meisten daran verdienen. Zeitarbeits-Unternehmerin Tina Voß zeichnete dagegen ein ganz anderes Bild ihrer Branche: Sie stellte sich als Arbeitsplatzvermittlerin vor. Dumpinglöhne, Verheizen von Arbeitkräften gebe es bei ihr niucht und der Übergang in eine Festanstellung sei eine als realistische Entwicklung.

Für Leiharbeiter Peter Hintermeier ist das ein Märchen. Seit 15 Jahren ist der gelernte Gas- und Wasserinstallateur Leiharbeiter und fühlt sich als Mensch zweiter Klasse.

Das Fazit von Rechtsanwalt Helmut Naujoks, alle Seiten sollten sich zu einem Team vereinen, um gemeinsam „die großen Schrauben zu drehen“ und Missbrauch im Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis zu verhindern, wollte sehr schlecht und gar nicht recht zum Verlauf des Talks passen. Sein Vorschlag ging in der Runde unter - glücklicherweise. Einig war man sich nur in einem generellen Punkt: bindende Spielregeln und Gesetze für das Gefüge der globalen Wirtschaft sind dringend nötig. Denn die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer muss angesichts der Veränderungen in der Wirtschafts- und Arbeitswelt neu austariert werden.

 
 

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