Männer und Frauen von der Rolle

Diethelm Textoris
Foto: WR

Lünen.  „Als Gott alle Dialekte in Deutschland verteilt hatte, blieb keiner mehr für das Ruhrgebiets übrig. ‚Dann sprecht doch so wie ich’, ermunterte er die dort lebenden Menschen“ – das wusste Regisseur Frank Wagner vom Theater Seitensprung bei der Premiere des neuen Stücks am Freitagabend im voll besetzten Hilpert-Theater zu berichten.

Dieser „göttlichen“ Sprache – meist deftig, doch manchmal auch einfühlsam und philosophisch – bediente sich die Komödie von Klaus Ahmann. Mit „Männer WG sucht. . .“, dem zehnten Stück im zehnten Jahr seines Bestehens, bot das Ensemble eine waschechte Welturaufführung. Alles selbst gemacht und weit über das Niveau eines herkömmlichen Amateurtheaters hinausgehend.

„Die haben improvisiert ohne Ende“

Aus Wohnungsnot schleicht sich die Psychologiestudentin Dominique, als Mann verkleidet, in eine Männer-WG ein. Dabei sieht sie sich zunächst als Günter Wallraff der Psychologie, denn jetzt kann sie Studien der „Männer unter sich“ betreiben. Die verhalten sich wie erwartet, nehmen kein Blatt vor den Mund und prahlen mit Weibergeschichten. Und sie stellen das weibliche Ordnungsempfinden auf den Kopf, lassen Kleidungsstücke auf dem Boden liegen, setzen Margarine als Hausmittel gegen Ekzeme an unaussprechlichen Stellen ein, benutzen das Spülbecken, wenn die Toilette besetzt ist.

Immer wieder nutzt Autor Ahmann das Stilmittel der Rollenklischees, die er manchmal bis zum Absurden überzeichnet, um so das Publikum zum Lachen, aber gleichzeitig auch zum Nachdenken über diese Verhaltensweisen zu bringen. Die Regie folgt ihm willig, ebenso alle Darsteller, die ihrer Spielfreude freien Lauf lassen, manchmal sogar eine weiterführende Eigendynamik entwickeln. Regisseur Wagner gesteht nach der Premiere: „Die haben improvisiert ohne Ende, da waren Passagen, die kannte ich selbst noch nicht.“

Den schwierigsten Part hatte Tabitha Koch als Dominique auszufüllen, denn sie musste sowohl als Mann als auch als Frau überzeugen. In der großen Tradition von Marlene Dietrich oder Eva Mattes füllte sie die Hosenrolle voll aus. Mike Wiegrave und Thomas Koch bedienten gekonnt das Klischee von Studenten, die saufen und ihre Studien nicht nur an der Universität, sondern auch direkt an der weiblichen Anatomie betreiben. Dirk Quernheim zeigte überzeugend, wie bei manchen Männern die Liebe durch den Magen geht.

Mit umwerfender Komik offenbarte Dietmar Krumhus alle Gefühlsregungen des schwulen Hartmut, vom ungeliebten Außenseiter über die Mimose bis hin zum Frauen- und Männerversteher, der schließlich alle Fäden in die Hand nahm. Seine Stolperszenen mit Brille hatten Slapstick-Qualität. Dann waren da noch die weiblichen Internet-Bekanntschaften: Martina Sommer als Kochgenie Sandra mit dem Traummaßen 90-60-90, leider gemessen an Oberschenkel, Knie und Wade. Heike Urra als männerverschlingender Vamp Sandra. Nicht zu vergessen Anja Grigoleit als Cosima, die Dorfpomeranze aus Ottmarsbocholt, die es faustdick hinter den Ohren hatte. Bewundernswert ihr „langer Atem“ bei den pausenlosen Aneinanderreihungen von Dorfgeschichten. Klaus Ahmann als Mann mit Doppelmoral und Maria Schwarzer als resolute Ehefrau glänzten als spießige Eltern von Dominique.

Nahezu genial war der Schluss. Da sollten sich die Protagonisten zunächst nicht kriegen. Doch darf man die Zuschauer, von denen viele behaupteten, schon lange nicht mehr so gelacht zu haben, nach zwei Stunden Spaß einfach so nach Hause schicken? Nein, deshalb schuf Ahmann ein „Nachspiel vor dem Vorhang“, das bei einem „Open End“ ein „Happy End“ mindestens erahnen ließ.