Loveparade-Doku - „Sie ist unter mir gestorben“

Pia Mester
Ein Mädchen trauert in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade-Katastrophe. Foto: ddp
Ein Mädchen trauert in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade-Katastrophe. Foto: ddp
Foto: ddp/Sascha Schuermann

Essen. Kurz vor dem Jahrestag der Loveparade-Katastrophe rekonstruiert das ZDF die Ereignisse in einer Doku-Fiction: „Ein Tag in Duisburg – Todesfalle Loveparade“. Eine Mischung aus bewegenden Augenzeugenberichten und teilweise überzogenen Spielszenen.

Zwei Männer stehen am Fenster und schauen auf die feiernde Menge. Dann klopft der eine dem anderen auf die Schulter und gratuliert ihm zu seinem „Erfolg“. Jetzt werde er, erklärt der Gelobte, der Presse „eine stolze 1,4 Million verkünden“. Dabei, so haben beide gerade besprochen, seien es in Wirklichkeit höchstens 500.000 Besucher, die dort unten auf dem alten Güterbahnhof tanzten und feierten. Dieser Mann mit den seltsam verschobenen Moralvorstellungen, so ahnt der Zuschauer schon bei dieser ersten Spiel-Szene, soll Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sein.

Die Geschichte der Duisburger Loveparade eignet sich unbestreitbar für einen abendfüllenden Spielfilm – wenn die Wunden nicht noch so frisch wären. Die Macher der Doku-Fiction greifen nur auf Drehbuch und Schauspieler zurück, wenn es um die Hintergründe geht, um die angeblichen Mauscheleien im Rathaus und Pannen während der Veranstaltung selber. Daneben kommen Experten, Journalisten, Augenzeugen und Opfer zu Wort. Da, wo die Verantwortlichen schweigen, springt die Fiktion ein. So werden die Fehler, die zu der Katastrophe führten, dem Zuschauer anschaulich erklärt. Allerdings bleibt von dieser stellenweise theatralischen Darstellung ein unangenehmer Nachgeschmack zurück.

Helden und Bösewichte

Sauerland mit seinem ausweichenden Blick und den ängstlich hochgezogenen Schultern ist in den eingestreuten Spielfilmszenen der Bösewicht. Ebenso wie Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe, inszeniert als rückgratloser Handlanger, und die im Dokudrama geldgierigen Organisatoren des Veranstalters Lovepavent. In diesem Epos aus Genehmigungen, Unterschriften, Bedenken und Verantwortungslosigkeit sind die einzigen Lichtfiguren eine Mitarbeiterin im Baudezernat und der Veranstaltungspsychologe. Gut und Böse werden klar getrennt.

Was sich da vor und nach der Katastrophe zugetragen haben soll, könnte wirklich aus einem Thriller stammen. Wie sich Veranstalter und Beamte um Gesetze und Sicherheitsbestimmungen winden. Wie sich der Polizeibeamte im Kontrollraum am Tunneleingang darüber wundert, dass er keinen Handyempfang hat. Wie sich OB Sauerland in einem Interview rausredet: Man habe die Adressen der Opfer nicht ausgehändigt bekommen und daher noch keine Beileidsbekundungen machen können. Widerlegt wird diese Aussage von NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers. Die Adressen seien ganz einfach über das Standesamt zu bekommen gewesen, erklärt er.

„Dieses Mädchen ist unter mir gestorben“

Ganz im Gegensatz zu diesen vielen gespielten Lügen und erfundenen Wahrheiten stehen die Berichte der Betroffenen:

Pia-Michelle ist ein blondes Mädchen mit einer versteinerten Miene. Monoton erzählt sie davon, wie sie mit ihrer Freundin am Tag der Loveparade durch den Karl-Lehr-Tunnel geht. Wie sie ins Gedränge kommt und hin- und hergeschoben wird. „Ich kann immer noch nicht richtig schlafen“, beendet sie ihren Bericht. Tränen laufen ihr über die Wangen.

Janine hat viele Piercings im Gesicht und ein buntes Tattoo auf der Schulter. Sie wirkt selbstbewusst. Janine ist von der Menschenmenge zu Boden gerissen worden. Unter ihr, so erzählt sie, lag eine junge Frau: „Dieses Mädchen ist unter mir gestorben.“

Dr. Frank Marx war als Notarzt bei der Loveparade im Einsatz. Als er mit seinen Kollegen zu dem Platz neben der Treppe kommt, wo die meisten Menschen starben, ist er erstaunt: „Die Menschen sind erdrückt worden. Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist.“

Es sind letztlich diese Augenzeugenberichte und Original-Filmaufnahmen vom Tag der Katastrophe, die das Grauen wieder in die Realität holen. Fast so, als wäre es nicht vor einem Jahr, sondern erst gestern passiert.