Literatur-Leckerbissen

Diethelm Textoris
Foto: Diethelm Textoris

Lünen. Wer „Sabines Welt“ kennen lernen will, sollte Appetit mitbringen: Appetit auf ein reichhaltiges Frühstück, Appetit auf Literatur und Kultur.

Mit einer Idee, die genau so gut Grundlage einer erfolgreichen Fernsehsendung sein könnte, bietet Sabine Hoell seit April im Restaurant „Lippesteg“ an jedem zweiten Sonntag im Monat ab 11 Uhr eben diese Mischung an.

Während die Zuschauer beim Brunch kräftig zulangen können, präsentieren die geladenen Gäste ihre Lieblingsliteratur. Als besondere Schmankerln gibt es zwischendurch Musik vom Feinsten, denn die Talk-Meisterin ist ja nun mal auch eine vielseitige Sängerin.

Ein kritischer
Zeitzeuge

Am vergangenen Sonntag konnte sie den Lüner Knut Thamm und den Musiker Matthias Kartner begrüßen, der allen Borussenfans unter dem Namen „Kasche“ bekannt ist. Die gut vorbereitete Moderatorin brachte Knut Thamm dazu, etwas über sich selbst zu erzählen. So erfuhr das Publikum etwas über seine Sensibilität gegenüber der Ungerechtigkeit in der Welt. Das verbindet ihn mit Günter Wallraff, mit dem er befreundet ist. Und auch über das breite Interessens- und Tätigkeitsspektrum des pensionierten Pädagogen: Kultur im weitesten Sinne, Filmen, Reisen u.a. nach Kalkutta und Ankara, kritischer Zeitzeuge sein, Schreiben und Lesen.

Für seinen musikalischen Geschmack müsste das inhaltliche „Breitbandradio“ erfunden werden, denn er liebt Jazz, Rock und Pop genauso wie Klassik und Straßenmusik, würdigt Schlager und Schnulzen als Ausdruck der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Situation. Er denkt über unsere gesellschaftlichen Werte und den Sinn des Lebens nach: „Für mich gibt es ein Leben vor dem Tod. Wenn es danach eine Fortsetzung gibt, bin ich natürlich nicht abgeneigt.“

In diesem Zusammenhang trug er ein Gedicht eines unbekannten Verfassers vor und stellte mit Roger Willemsen die Frage: „Wer hätte ich werden können, wenn nicht mein Leben dazwischen gekommen wäre.“ Aus dem Buch „Der Knacks“ von Willemsen zitierte Thamm auch dessen Gedanken über Falten und Narben. Natürlich könne man diese durch Chirurgie entfernen lassen, „aber tilge ich damit nicht auch die Spuren meiner Erlebnisse?“

Dass er mehr kann als mit „100 Jahre Borussia Dortmund“ auch im Lippesteg Stadionatmosphäre zu schaffen, bewies er mit gefühlvollen Balladen über Einsamkeit und Sehnsucht und im spontanen Duett mit Sabine Hoell beim einfach schönen „Time after Time“ von Miles Davis.

Einfühlsam begleitet wurden die musikalischen Darbietungen von John der Silver, mit dem „Kasche“ vor Jahren zusammen in einer Band gespielt hatte. Und als literarischen Beitrag brachte Kartner die Geschichte vom „Regenbogenfisch“ speziell für den kleinen Paul Tillmann, der an diesem Morgen seinen fünften Geburtstag feierte. Während der Talkrunde gelang es Sabine Hoell, eine Reihe von Gemeinsamkeiten ihrer beiden Gäste zu entdecken.

Ehrlichkeit als
Lebensprinzip

Beide betonten die Bedeutung der Musik als Gemeinschaftserlebnis, „weil sie die Menschen zum Mitschwingen bringt“. Und beide stellten die Bedeutung der Ehrlichkeit als Lebensprinzip und unbedingte Voraussetzung für das Wohlfühlen heraus. Wenn die Besucher sich auch vom Frühstücksbuffet nichts einpacken konnten, so nahmen sie doch Porträts von interessanten Persönlichkeiten und Anregungen auf literarische Leckerbissen mit nach Hause.