Land macht Veranstalter für Unglück verantwortlich

Am Mittwoch sollen neue Ermittlungsergebnisse vorgestellt werden.
Am Mittwoch sollen neue Ermittlungsergebnisse vorgestellt werden.
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Die neue NRW-Landesregierung macht laut einem Pressebericht den Veranstalter der Loveparade für die Katastrophe verantwortlich. Dieser habe sich mehrfach über die Bedenken der Behörden hinweggesetzt und weniger Ordner eingesetzt als angekündigt.

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen macht laut einem Pressebericht den Veranstalter der Loveparade für die Katastrophe verantwortlich, bei der 21 Menschen ums Leben kamen. In dem vorläufigen Bericht, den Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch vorstellen will, heißt es laut „Süddeutscher Zeitung“, der Veranstalter habe sich mehrfach über Bedenken der Behörden hinweggesetzt. Nach Informationen der „SZ“ kommen die Sicherheitsbehörden zu der Einschätzung, dass die Lopavent GmbH um den Fitnessunternehmer Rainer Schaller in ihrem Sicherheitskonzept von völlig falschen Berechnungen ausging, wie sich die Besucherströme auf dem Festivalgelände verteilen würden.

Der Veranstalter habe nicht mit einem Stau gerechnet, obwohl die Polizei ihn zuvor immer wieder auf diese Problematik hingewiesen habe, berichtete die „SZ“ unter Berufung auf Polizeikreise. Der Veranstalter habe auf seine Erfahrungen verwiesen. Das Unternehmen ging in seinem Sicherheitskonzept nach „SZ“-Informationen davon aus, dass die verschiedenen Lastwagen mit Tänzern und DJs auf der Ladefläche die Besucher auf das Gelände locken und verteilen würden. Die Behörden kritisieren in ihrer Ursachenanalyse jedoch, dass die Lkw viel zu nah an der Rampe - dem Zugang zum Partygelände - vorbeigefahren und dort zudem Würstchenstände aufgebaut worden seien, an denen die Menschen stehenblieben.

Ordner, die den Stau hätten beseitigen können, waren dem „SZ“-Bericht zufolge offenbar nicht in ausreichender Zahl vorhanden, weil der Veranstalter viel weniger eigene Ordnungskräfte eingesetzt habe als angekündigt. Dies habe Innenminister Jäger dem Landeskabinett in Düsseldorf berichtet. Außerdem habe der Veranstalter Vorschläge ignoriert, im Zugangsbereich eine Videoüberwachung zu installieren.

Veranstalter weist Vorwürfe zurück

Der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, weist die Vorwürfe hingegen zurück, die Sicherheit bei dem Event in Duisburg vernachlässigt zu haben. Die Genehmigung sei erteilt worden, sagte Schaller der „Bild“-Zeitung. „Ohne diesen offiziellen Stempel hätten wir die Loveparade niemals stattfinden lassen“, sagte der Geschäftsführer des Loveparade-Veranstalters Lopavent.

Er habe auch niemanden unter Druck gesetzt, fügte Schaller hinzu. Ihm sei auch nicht bekannt, dass jemand von seinen Mitarbeitern dies getan habe. Es sei klar, dass es bei solchen Konzepten immer Bedenken gebe. Deshalb treffe man sich ja gemeinsam und spreche darüber. „Fakt ist auch: Diese Bedenken wurden gelöst - sonst hätte keiner der Beteiligten zugestimmt. Auch die Polizei darf sich da nicht ausschließen“, sagte er.

Er wisse, „dass wir als Veranstalter eine große Verantwortung haben“, sagte Schaller. Es werde „lückenlos aufgedeckt, ob wir irgendwo Schuld haben oder andere“. Bei den Untersuchungen sei man am Anfang. „Alle Auflagen, die wir bisher geprüft haben, haben wir zu 100 Prozent erfüllt“, sagte Schaller.

Zu den erwarteten Besucherzahlen von bis 1,4 Millionen sagte Schaller, solche Zahlen vorab seien Schätzungen. Auf so einer langen Veranstaltung „kommen und gehen Menschen“. Fakt sei, dass bis 14.00 Uhr nur 105 000 Menschen mit der Bahn gekommen seien. Und Luftbilder bewiesen, dass der Platz zum Zeitpunkt der Tragödie nur zu 75 Prozent gefüllt gewesen sei. Auf die Frage, ob die hohen Zahlen also nur PR und nicht die echte Teilnehmerzahl gewesen sei, sagte Schaller: „Das kann ich nicht verneinen.“

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt

Wie die Staatsanwaltschaft Duisburg mitteilte, ermittelt sie in dem Fall gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), fordert derweil bundesweit bessere Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen. Er plädierte dafür, bei der Genehmigung solcher Veranstaltungen wie in Duisburg auch übergeordnete Behörden einzuschaltet. „Wenn wir eine solche Zentralisierung vornehmen sollten, dann könnte eine Kommune gegen das Votum des Landes oder der Bezirksregierung kaum eine Genehmigung erteilen.“

Der CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl empfahl, „bei Veranstaltungen mit mehr als 100 000 Teilnehmern sollten die Kommunen eine höhere Ebene einschalten“.

Wendt weist Bericht über Fehler der Polizei zurück

Nicht nur der Direktor der Berufsfeuerwehr Duisburg, auch ranghohe Polizeibeamte haben Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) vor der Loveparade offenbar schriftlich ihre Sicherheitsbedenken mitgeteilt. „Auf allen Schreiben stand der Briefkopf „Oberbürgermeister““, sagte ein Ermittler dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Mittwochausgabe). Sauerland hatte am Dienstag bestritten, im Vorfeld entsprechende Warnungen erhalten zu haben.

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, weist Berichte über Fehler der Polizei zurück und fordert erneut den Rücktritt der politisch Verantwortlichen in Duisburg. „Der Oberbürgermeister und die politisch Verantwortlichen waren geradezu besessen von der Idee, die Loveparade in Duisburg zu veranstalten, dass sie die Warnsignale entweder nicht wahrgenommen oder beiseite geschoben haben“, sagte Wendt. Er selbst habe bereits vor einem Jahr gewarnt, dass die Stadt Duisburg ungeeignet sei, da sie zu eng für eine solche Veranstaltung ist. „Damals hat man mich als Spaßbremse und Sicherheitsfanatiker verspottet“, klagte Wendt. (apn/afp/ddp)

 
 

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