Lachgas-Einsatz beim Zahnarzt

WR Redakteur Christof Hüls stellt sich dem Selbstversuch mit Lachgas. Zahnarzt Ulrich Hoischen überwacht die Sedierung.                             WR-Fotos: Rudi Rust
WR Redakteur Christof Hüls stellt sich dem Selbstversuch mit Lachgas. Zahnarzt Ulrich Hoischen überwacht die Sedierung. WR-Fotos: Rudi Rust
Foto: Rudi Rust

Altena. Deutschlands Zahnärzte entdecken eine vergessen geglaubte Methode wieder, Patienten zu sedieren: Lachgas. Dr. Björn Lönquist arbeitet als einer von wenigen deutschen Zahnärzten damit. WR-Redakteur Christof Hüls wagte das Selbstexperiment.

Björn Lönquist erklärt mir: „Sie sind weg und trotzdem voll da.“ Ich bekomme eine dicke Klammer an meinen rechten Zeigefinger, die drahtlos den Sauerstoffgehalt meines Blutes und den Puls überwacht. Mein Herz schlägt, obwohl diesmal kein Bohrer droht, hundertmal pro Minute. Fachkreise schätzten die Zahl der Patienten, die sich nicht zum Zahnarzt trauen, auf 15 Prozent, erzählt Björn Lönquist. Sein ärztlicher Mitarbeiter Ulrich Hoischen sucht eine Atemmaske heraus. „Erdbeere oder Orange?“, fragt er. Ich nehme Orange und sauge ich kurz darauf die aromatisch angereicherte Luft ein.

Zurück zur Angst. Jeder zweite soll sie extrem haben beim Zahnarzt. Björn Lönquist: „Es gibt Patienten, die zittern so, dass sie nicht mehr die Anmeldung ausfüllen können.“ Lönquist hat seine Doktorarbeit über die Senkung von Stressfaktoren geschrieben. Arzt Ulrich Hoischen hat sich zum Hypno-Therapeuten fortbilden lassen. Seine beruhigenden Worte helfen oft auch Kindern, aber eben nicht immer.

In Skandinavien ist
es selbstverständlich

Hoischen brachte von seinen Fortbildungen den Hinweis auf den modernen Einsatz von Lachgas mit. Und Björn Lönquist ließ sich überzeugen. Nun steht in einem Behandlungszimmer eine 10.000 Euro teure Beatmungsmaschine aus den USA. Denn dort genauso wie in Skandinavien sei es heute wieder selbstverständlich, sich durch Lachgas sedieren zu lassen.

Viele kennen die alten Geschichten aus einer Zeit vor der Erfindung von Betäubung

smitteln, als nicht nur Zahnärzte, sondern auch Chirurgen ihre Patienten bei vollem Bewusstsein behandelten.

Ein Berufskollege von Hoischen und Lönquist, Dr. Horrace Wells, machte 1844 die Entdeckung: Er beobachtete eine Lachgas-Party am Rande eines Jahrmarktes. Dort haute sich ein voll gedröhnter Mann Knie oder Schienbein blutig, ohne mit der Wimper zu zucken. Darauf begann der Doc, in seiner Praxis mit dem Lachgas zu experimentieren.

Später ersetzten lokale Betäubungsmittel die volle Dröhnung und heute ist das Gas die absolute Ausnahme in deutschen Zahnarztpraxen.

Das Problem sei die Dosierung, erklärt Lönquist, während ich weiter tief durch die Nase atme. Der Mund muss ja bekanntlich frei bleiben beim Zahnarzt. Langsam mischt Hoischen mehr Lachgas hinzu. 10 Prozent, 20 Prozent. Ich merke noch nichts, plaudere munter weiter.

Bei 55 Prozent spüre ich, dass meine Augenlider schwer und meine Sätze langsam werden. Was mir der Doktor erzählt, höre ich glasklar - und verstehe alles.

Wer mit ängstlichem Herzklopfen komme, bei dem normalisiere sich der Puls völlig, berichtet Lönquist. „Man bekommt so eine Scheißegal-Stimmung.“ Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert schießt der Arzt seinen Patienten nicht ab mit Lachgas, sondern er sediert ihn. Meine Lippen beginnen zu kribbeln.

Spritze und Bohrer sind irgendwann egal

Dass ich kalte Finger bekomme, liegt wohl eher am offenen Fenster. Maximal 70 Prozent Lachgas lässt das Gerät zu. Das ersetzt keine Spritze, dämpft aber deutlich den Einstichschmerz.

Nach gefühlten zwei Minuten dreht der Zahnarzt dem Experiment den Hahn ab. Tatsächlich strömte 14 Minuten Lachgas durch meine Lungen. So vergehen auch zwei Stunden

im Zahnarztstuhl wie im Flug. Ich bin nicht euphorisch, fühle mich aber so, wie zwei Sekunden vor dem Einschlafen. Zum Abschluss strömt erneut reiner Sauerstoff aus der Maske und holt das letzte Lachgas aus meinen Lungenflügeln.

Eine Viertelstunde später könne ich mich wieder ohne Einschränkungen ins Auto setzen, versichern mir die Zahnärzte.

 
 

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