Kriminelle Kinder sollen die „Kurve kriegen“

Das Land NRW finanziert das gleichnamige Projekt, das den Lebensweg zum jugendlichen Intensivtäter verhindern soll-

Ruhrgebiet. Tim ist gerade elf, da tritt er einem Anderen mit voller Absicht ins Gesicht. Mit 13 hat er weitere acht Straftaten auf seinem Konto: Diebstähle, Sachbeschädigungen, vier Körperverletzungen. Tim ist polizeibekannt, aber immer noch ein Kind. Gewalttätig, aber immer noch strafunmündig. Mit Hilfe der Polizei und Geld vom Land soll er nun trotzdem die „Kurve kriegen“.

So nennt das Innenministerium ein Modellprojekt, das sich – bundesweit einmalig – mit straffälligen Kindern befasst. Kindern, die nicht „kriminell geboren werden“, wie Minister Ralf Jäger (SPD) sagt, die in NRW im vergangenen Jahr aber 30 000 Straftaten begingen. Die schon 4000 sind, aber gar nicht erst heranwachsen sollen zu jugendlichen Intensivtätern, die im Gefängnis 36 000 Euro im Jahr kosten und doch zu 70 Prozent wieder rückfällig werden. Ein „jugendpolitisches Problem“, das aber auch schlicht Geld kostet.

Ein anderer Lebensweg

Auch deshalb will Jäger Jungs wie Tim helfen, einen anderen Lebensweg zu gehen: Tim, der eine Mutter hat, die überfordert ist, und Freunde, die keine guten Beispiele sind. Der aber eingewilligt hat mitzumachen: „Er sieht darin einen Chance für sich“, will sich seine Zukunft nicht verbauen. Wie der Zwölfjährige, der gern grundlos mit der Faust zuschlägt, oder der 13-Jährige, der mit dem Messer Erwachsene angreift. 17 sind sie allein in Köln, die die Kripo aus ihren Karteien fischte, 40 Prozent übrigens Mädchen. Sorgsam ausgewählt nach Delikten und sozialem Hintergrund werden sie und ihre Familien nun sozialpädagogisch betreut. Auch Dortmund und Duisburg machen mit bei der Initiative, in die bis Ende 2012 13,5 Millionen Euro fließen – beides Städte, in denen 3,4 Prozent aller Straftaten von Kindern begangen werden.

Soziales Training

Die werden nun gelockt mit dem Logo von „Kurve kriegen“, das aussieht, wie der überdimensionale Namenszug eines Sprayers, auf dem zwei Kinder sitzen. Werden angesprochen von Kripo-Leuten, die nicht mit Strafe winken, sondern mit dem Hilfsangebot, und dann für zwei Jahre betreut von Sozialpädagogen, die oft zum ersten Mal fragen: “Warum?“ Schnell soll das gehen, damit die Kinder spüren, dass Fehltritte Folgen haben, und individuell soll es sein: Mit dem Jugendamt werden Maßnahmen erarbeitet, Therapien oder soziale Trainings, wo die nicht einmal 14-Jährigen lernen, mit Provokationen umzugehen, zudem Lernhilfen, Sprach- oder Sportkurse.

Tim hat dem Sozialpädagogen zuallererst mal sein Viertel gezeigt. Die Orte, an denen er abhängt und auf dumme Gedanken kommt. Und bislang stiegen auch alle angesprochenen Eltern bereitwillig ins Boot: „Gott sei Dank, es kümmert sich jemand.“

 
 

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